"Ich komme aus einer echten Glasmacherfamilie - und das schon in vierter Generation, auch wenn ich selbst Diplom-Betriebswirt bin", erzählt Bernd Hörauf. Sein Leben ist die Glasherstellung. So war es schon immer und so soll es auch bleiben. Stolz zeigt Hörauf all die großen Parfümflakons im Musterraum. Ob Beiersdorf, L'Oréal, Coty, Unilever, Procter and Gamble und viele weitere Global Player - alle wollen das Glas aus Tettau.

"Wir sind aber keine Designer hier, sondern wir verwirklichen das Design, das sich andere ausdenken. Und machen können wir fast alles", sagt Hörauf selbstbewusst mit einem Schmunzeln. Er selbst zeigt eine Playboy-Flasche, in der sich im Playboy-Häschen bei genauem Hinschauen eine nackte Frau räkelt. Ein Designergag, den es allerdings nur für Männer gibt. Hörauf hält in seiner Hand Flakons, die von der Form her einem Kieselstein nachempfunden sind. Aber wenn man den Experten fragt, dann hat Hörauf eine besondere Vorliebe für klare klassische Glasformen. Denn am schönsten findet er es, wenn die ursprüngliche Glastropfenform möglichst wenig verändert ist.

Aber immer wieder müssen sich die Glasmacher aus Tettau neuen Herausforderungen stellen. Da gibt es ein Eau de Toilette für Männer, das ein bisschen an einen Benzinkanister erinnert. Für Kinder werden Flakons designt, die bunt wie Lollis sind. Und für Frauen gibt es Flakons mit vielen romantischen Verzierungen, Flakons mit sportlichen Linien, bunten Böden oder Verzierungen, Flakons mit geraden Formen - für jeden Geschmack das richtige Fläschchen. "Es kommt sehr stark auf die Haptik an und auf die Oberflächenstruktur. Denn die Flasche ist das erste, was die Menschen sehen und was ihnen gefallen muss", erklärt Hörauf und weiß, dass der Flakon aus Tettau auch über den Verkaufserfolg mitentscheidet. Auch er benutzt ein Eau de Toilette, das in einem Flakon aus Tettau steckt. Aber das ist schließlich Ehrensache.

Extravagant
Extravagante Flakons kommen an: So hat Christina Aguileras "Royal Desire" mit der geschwungenen Flasche, die ein bisschen an die rasanten Kurven der Sängerin erinnert, den "Duftstar" gewonnen - das ist der höchste Preis, den die Parfümindustrie vergibt. Auch heuer gewann Gerresheimer den Duftstar - mit dem Flakon "Fresh Man" von Mexx.

Eigentlich müsste das für den Gerresheimer-Chef, der 490 Mitarbeiter in Tettau unter seinen Fittichen hat, Alltagsgeschäft sein. Doch die industrielle Glasherstellung hat für ihn nichts von seiner Faszination verloren. "Jeden Morgen mache ich einen Rundgang durch den Betrieb und schau mich um", erzählt Hörauf.

Der Blick in die Wanne gehört dazu, auch wenn es im Wannenbereich extrem warm ist - fast wie in einer Dampfsauna. Temperaturen von fünfzig bis sechzig Grad sind normal. "Man darf nichts anfassen - auch wenn es so aussieht, als ob da irgend wo was runtergefallen ist, auch nicht, wenn es so aussieht, als ob das Glas schon kalt ist", erklärt Hörauf. Denn das Gegenteil ist der Fall, zeigt Hörauf - und greift sich mit der Zange einen fertigen Flakon, der schon "anfassbar" aussieht. Er ist zwar schon kristallklar, doch mit leichtem Druck lässt er sich um 90 Grad biegen und völlig verformen. Das ist der Beweis: Der Flakon ist noch glühend heiß.

Gigantische Glaswannen
Herzstück der Gerresheimer Glaswerke sind zwei gigantische Wannen. In diesen Wannen wird aus den traditionellen Ausgangsstoffen Soda, Kalk, Pottasche, Sand oder Quarz durch die Vermischung in der 1500 Grad heißen Wanne die so genannte Schmelze hergestellt. "Die Inhaltsstoffe müssen möglichst homogen vermischt werden"; erklärt Experte Maik Rosemann. Und diese glühend heiße Schmelze tropft dann von oben in die bereitgestellten Formen. Neun Produktionslinien hat Gerresheimer, jeden Tag verlassen zwei Millionen Fläschchen und Flakons das Fließband. Aber auch Marmeladengläser und zum Beispiel Maßkrüge mit Henkel verlassen das Gerresheimer-Werk in Tettau. Außerdem sind Airfresher und Cremetiegel ein Markt.