Dr. Günther Hoegg fordert: „Gute Lehrer müssen führen“ und zeigt, wie guter Unterricht auch mit Problemkindern gelingen kann. Pädagogische Standardmaßnahmen wirken zwar bei durchschnittlichen, nicht aber bei schwierigen Schülern. Diese brauchen nicht wortreiche Belehrungen, sondern klare Strukturen, feste Rituale und „harte Fakten“, damit sie sich für ein angemessenes Verhalten entscheiden können. Um effektiv auf Problemschüler einzuwirken,
ist es nötig, Unterricht und Lehrerverhalten aus Schülersicht zu begreifen. So wird das scheinbar Irrationale des Schülerverhaltens verständlich und Ansatzpunkte für korrigierende Maßnahmen werden sichtbar. Es ist beruhigend zu wissen: Eine klare Führung der Lehrkraft erleichtert nicht nur ihr selbst das Leben, sondern auch den Schülern, denn diese wollen vor allem eins: Sicherheit und Berechenbarkeit. Allmählich zeichnet sich ein Wandel im Umgang mit Schülern ab. Nach der großen Freiheit und der Selbstverwirklichung der Schüler tauchte zuerst zaghaft das Wort „Verantwortung“ auf. Danach folgte die „Grenze“, verbunden mit der Forderung, Lehrer sollten Schüler nicht nur beraten, sondern auch „anleiten“, was letztlich nichts anderes als „führen“ bedeutet. Diese Entwicklung signalisiert: Die richtungslosen, stummen Impulse sterben allmählich aus und weichen der banalen Erkenntnis: Lehrkräfte sind pädagogische Führungskräfte und als solche müssen sie ihre Führungsaufgabe übernehmen, und zwar zum Wohle der Schüler. Dabei gibt es jedoch ein Problem: Niemand bringt Lehrkräften bei, wie sie Schüler führen, worauf sie dabei achten und welche Fehler sie vermeiden sollten.
 
Lehrkräfte haben kaum eine Wahl. Fast immer haben sie es mit minderjährigen Schülern zu tun, die naturgemäß ihre eigenen Interessen im Blick haben. Deshalb müssen pädagogisch ausgebildete Erwachsene – die Lehrer – die Führung übernehmen.
 
Prof. Dr. Matthias Grünke stellt wirksame Methoden der Lese- und Rechtschreibförderung vor und bittet die Pädagogen eindringlich, sich an den Ergebnissen aus der Forschung zu orientieren – vor allem bei Risikoschülern. Wer Geige lernen möchte, braucht eine enge Anleitung. Es dauert eine gewisse Zeit, bis ein Schüler sein Instrument und den Bogen richtig halten kann. „Saubere“ Töne werden erst nach etlichen Wochen oder gar Monaten erzeugt. Der Lehrer muss ständig etwas vormachen, seine Schüler sehr kleinschrittig einweisen und stets korrigieren, wenn ein Fehler auftritt. Es dürfte wenig hilfreich sein, jemanden einfach mal „drauf los“ spielen zu lassen. Hat sich eine falsche Haltung einmal eingeschliffen, ist das Umlernen enorm schwer. Viel besser ist es, von Beginn an auf den richtigen Weg geleitet zu werden.
 
Was beim Musikunterricht nachvollziehbar erscheint, wird beim Lesen- und Schreibenlernen oft völlig auf den Kopf gestellt. Hier lernen die Kinder häufig in den ersten beiden Schuljahren, einfach mal so zu buchstabieren, wie sie es für richtig halten. Korrekturen gibt es keine. Wenn ein Kind wissen möchte, ob es etwas richtig geschrieben hat, erhält es stets eine positive Antwort. Um später einmal die „Erwachsenenschreibweise“ zu lernen, ist noch lange Zeit, heißt es. Zunächst einmal soll die Freude am Verfassen von Texten bei Kindern nicht ausgebremst werden. „Lesen durch Schreiben“ heißt diese von Jürgen Reichen entwickelte Unterrichtsmethode, die in der Bundesrepublik in den letzten Jahren einen wahren Siegeszug erlebt hat. Tausende von Schulen arbeiten mittlerweile nach diesem Ansatz oder einer Variante davon, wie etwa nach der „Rechtschreibwerkstatt“ von Norbert Sommer-Stumpenhorst. Viele Lehrkräfte sind begeistert, weil ihre Kinder viel schneller als beim alten Fibelunterricht „frei schreiben“ können.
Gedämpft wird die Freude allerdings ab dem Zeitpunkt, ab dem die Rechtschreibleistungen der Mädchen und Jungen zu bewerten oder gar zu benoten sind. In der vierten Klasse weisen die Kinder laut einschlägiger Studien nämlich viermal so häufig massive Rechtschreibstörungen auf wie ihre Altersgenossen, die nach einer traditionellen Fibel unterrichtet wurden. Dies verwundert nicht. Ein Geigenspieler wäre auch nicht sonderlich virtuos, wenn er die ersten paar Jahre ohne jegliche Korrektur einfach auf kreative Weise irgendwie irgendetwas gespielt hätte.
 
Will man schwächeren Schülern helfen, so kommt man nicht umhin, sich an den aktuellen Erkenntnissen aus der Forschung zu orientieren. Hier ist empirisch geleitete Expertise notwendig und nicht Bauchgefühl. In einer anschließenden Diskussion stellt Grünke wirksame Methoden zum Überprüfen und Erlernen des Lesens und Schreibens vor.
 
Bildung braucht Führung und strukturierte Methoden, aber auch Empathie. Junge Menschen wirkungsvoll anzuleiten, ist schwierig und anspruchsvoll, macht aber viel Freude, wenn es gelingt. Ein regelmäßiges Auftanken von neuem Wissen erhält dauerhaft die Freude an der pädagogischen Arbeit. GMB