Seit Neujahr gilt in der Bundesrepublik Deutschland ein flächendeckender Mindestlohn von 8,50 Euro pro Stunde. So weit, so gut. Zumindest für Arbeitnehmer. Sportvereine allerdings könnte das Gesetz hart treffen, denn strenggenommen ist für alle Angestellten, also auch Sportler, die einen Arbeitsvertrag besitzen, der Mindestlohn fällig.

Aber es gibt Entwarnung, zumindest für die vielen Ehrenamtlichen: Wer ausschließlich im Rahmen des Übungsleiterfreibetrags (2400 Euro pro Jahr) und/oder des Ehrenamtsfreibe trags (720 Euro pro Jahr) tätig ist, fällt nicht unter das Mindestlohngesetz. Dort steht geschrieben, wie DFB-Schatzmeister Reinhard Grindel in einem Interview mit fussball.de zitierte, dass "von einer ehrenamtlichen Tätigkeit immer dann auszugehen sei, wenn sie nicht von der Erwartung einer adäquaten finanziellen Gegenleistung, sondern von dem Willen geprägt sei, sich für das Gemeinwohl einzusetzen".

Keine pauschale Lösung

Anders sieht es bei Angestellten des Vereins aus. Mitarbeiter in einer Geschäftsstelle, eine Sekretärin oder ein Platzwart müssen seit Anfang des Jahres den Mindestlohn erhalten. Daran ist nicht zu rütteln. Dazu kommen dann zum Beispiel noch Vertragsspieler, die mindestens 250 Euro im Monat bekommen. "Das sind in Bayern insgesamt aber nur 1300, in Oberfranken sogar nur 94", erklärt Thomas Müther, Pressesprecher beim Bayerischen Fußballverband (BFV). Bei - konservativ geschätzt - 150 000 Männern und Frauen, die in rund 10 500 Teams aus 4700 Vereinen im Freistaat dem Ball nachjagen, ist das ein geringer Anteil.

Aber genau diese Sportler werden zum Knackpunkt, denn das Gesetz gibt keine genaue Auskunft darüber, wo die Ehrenamtlichkeit aufhört und ab wann das Gewinnstreben beginnt. Das muss von Fall zu Fall geprüft werden. Grundsätzlich ist bei einem Sportler, der - unabhängig von Aufwandsentschädigungen wie Kilometergeld oder Punkteprämien - tatsächlich nur 250 Euro Monatseinkommen vom Verein bezieht, nicht davon auszugehen, dass der finanzielle Aspekt im Vordergrund steht.

"Trotzdem ist nicht auszuschließen, dass der Mindestlohn zum Tragen kommt", sagt Müther. Bei einer möglichen Kontrolle würde wohl geprüft werden, wie die Nebeneinkünfte aus dem Sport im Verhältnis zum beruflichen Verdienst stehen, oder ob der Sportler aufgrund seines Vertrags mehr weisungsgebundene Pflichten erfüllen muss, als diejenigen seiner Teamkameraden, die als reine Amateure auf dem Platz stehen. Wenn die staatlichen Organe zu der Einschätzung kommen, dass der Spieler unter solchen Gesichtspunkten eher als Angestellter zu betrachten ist, würde das Gesetz greifen.

Nur wenig Spielraum

Ausgehend davon, dass ein Fußballer im Schnitt drei Trainingseinheiten und ein Punktspiel pro Woche bestreitet, kommt er mitsamt der Zeit in der Umkleidekabine und beim Aufwärmen auf rund 50 Stunden, die er im Monat für den Verein leistet. Bei 8,50 Euro Stundenlohn wären statt bisher 250 dann also 425 Euro fällig. Vor allem Spieler, die im unteren Gehaltssegment angesiedelt sind und die oft auch nur deshalb einen Vertrag haben, weil der Verein Sperrfristen oder Zahlungen für Ausbildungsentschädigung an den abgebenden Klub umgehen wollte, könnten künftig richtig teuer werden. Könnten - denn wo kein Kläger, da kein Richter...

Aber das Risiko wird kein Verein eingehen wollen - vor allem, weil zumindest ja auch die Möglichkeit besteht, dass sich ein Spieler unterbezahlt fühlt und vor ein Arbeitsgericht zieht, um den Mindestlohn einzufordern. Der Verein hat nur wenig Spielraum: Entweder er beugt sich oder er senkt die monatliche Arbeitszeit seiner Spieler auf 29 Stunden, um nicht mehr als 250 Euro zahlen zu müssen. Utopisch, zumal ja gar nicht klar ist, was im Sport als Arbeitszeit gewertet wird. Zählt die Spielersitzung oder die Anfahrt zum Auswärtsspiel auch dazu? Eine weitere Möglichkeit wäre, die Verträge zu kündigen oder sich als Verein zu fragen, wie viele Vertragsspieler man sich leisten kann oder will.

Müther rät den Vereinen deshalb, jeden Spielervertrag in Absprache mit einem Anwalt auf den Prüfstand zu stellen und die Arbeitsstunden aufzuschreiben, um im Fall der Fälle gerüstet zu sein. "Eine genauere oder rechtsverbindliche Aussage können wir im Moment leider noch nicht treffen. Das Gesetz wurde recht schnell umgesetzt, und auch wir hatten nur wenig Zeit, uns darauf einzustellen", bedauert Müther. Der BFV-Mann bekräftigt aber, dass die Rechtsabteilung des Verbands den Vereinen bei Fragen zu diesem Thema zur Seite stehe.

Bei den Klubs überwiegt angesichts der fehlenden, klaren Linie Unsicherheit. Doch laut DFB-Schatzmeister Grindel, der als Bundestagsmitglied am Gesetz mitgewirkt hat, komme eine Formulierung, die auf den jeweiligen Einzelfall abstellt, für die Vereine günstiger als eine schematische Lösung, bei der etwa die Höhe der Aufwandsentschädigung maßgeblich sei. "Wenn man gesagt hätte, alles über 240 Euro im Monat fällt unter das Mindestlohngesetz, wären die Probleme der Vereine viel größer." Eine unbefriedigende Aussage.

Stimmen:


Ralph Gläßer (Geschäftsführer des FSV Erlangen-Bruck): "Wir zahlen Vergütungen, aber keine großen Gehälter. Derzeit schauen wir, an wen wir uns wenden können. Sicherlich müssen wir den Steuerberater hinzuziehen und dann sehen, was sich ergibt. Es ist wie bei allen Gesetzen, dass es zunächst eine große Verunsicherung gibt. Der Verband ist in der Pflicht, klare Vorgaben zu machen, doch auch die Vereine müssen ihre Hausaufgaben machen. Schließlich sind wir kleine mittelständische Unternehmen und Fehler schützen vor Strafen nicht - oder in diesem Fall vor dem Schaden."

Uwe Schüttinger (Fußball-Abteilungsleiter bei der SpVgg Jahn Forchheim): "Wir haben jede Menge Fragen, die uns keiner beantworten kann. Wir haben uns auch schon an unseren Bundestagsabgeordneten Thomas Silberhorn gewandt, irgendwo muss man doch Informationen herbekommen. Auch unser Steuerberater konnte uns nicht großartig weiterhelfen. Ich vermute, dass der Gesetzgeber den Sport und die Amateurvereine nicht im Blick gehabt hat. Für Sportvereine gehört eine eigene Regelung her und ich hoffe, dass der BFV eine Ausnahmeregelung bis zum Ende der Saison erteilen darf. Denn wenn es beim jetzigen Stand bleiben sollte, wäre das der Super-GAU. Wenn das Training wirklich zur Arbeitszeit gezählt werden würde, müssten wir wohl eine Einheit pro Woche streichen und uns womöglich auch von dem einen oder anderen Spieler trennen."

Michael Werner (Sportlicher Leiter des VfL Frohnlach): "Uns betrifft das Thema in dieser Saison nicht sonderlich, da wir so gut wie keine Vertragsamateure haben. Momentan warten wir aber auf eine klare Richtlinie des BFV. Solange diese nicht da ist, macht es keinen Sinn, sich damit zu beschäftigen. Ich möchte mir keine Gedanken über Sachen machen, bei denen man gar nicht weiß, in welche Richtung man denken muss. Der Mindestlohn ist vom Gesetzgeber nicht ausreichend diskutiert worden. Aber auch die Sportverbände hätten mehr in die Waagschale werfen und sich mit dem Gesetzgeber intensiver austauschen müssen." red

Michael Voigt (Abteilungsleiter der SpVgg Bayern Hof): "Schon im Oktober haben wir uns damit beschäftigt, insbesondere durch unseren Präsidenten Reiner Denzler, der als Rechtsanwalt tätig ist. Dadurch, dass das Gesetz mit der heißen Nadel gestrickt war, ergeben sich einige Fragen. Wie sind zum Beispiel Fahrten zu den Spielen arbeitsrechtlich anzusehen, wie Trainingszeiten? Im ganzen Gesetz muss, was den Fußball betrifft, nachgebessert werden. Ich gehe aber nicht davon aus, dass sich vor Juli oder August etwas ändern wird. Wir müssen auch sehen, wie die Arbeitsgerichte entscheiden, aber da wird es dann bestimmt auch wieder unterschiedliche Urteile geben. Wir gehen daher auf Nummer sicher und zählen nicht nur die Arbeitszeit, sondern dokumentieren auch die Urlaubszeit. Da sind wir sicher weiter als andere Vereine."

Ernst Heurung (Finanzvorstand des 1. FC Sand): "Richtig viel ist derzeit ja nicht gerade geregelt, und wir befinden uns noch im Grunde in einer Art rechtsfreier Raum. Ich habe daher versucht, mich beim Staat selber kundig zu machen. Als ich nach zwei Stunden in der Warteschleife des Finanzamts durchkam, sagte mir die Sachbearbeiterin, dass ich einer der Glücklichen sei, der durchgekommen ist. Denn sie hätten pro Tag rund 200 Anrufer, die zu dem Thema gerne genauere Auskünfte hätten. Doch eine klare Linie sehe ich auch nach dem Telefonat nicht. Zum Beispiel bleibt ja der Übungsleiterfreibetrag unberührt, doch es ist nicht klar, ob man einen Spieler zusätzlich als Trainer einer Jugendmannschaft einsetzen und er so doppelt kassieren kann. Die Einen sagen, dass es geht, das Amt bestreitet es. Bei uns würden fünf bis sechs Spieler in den Minijob-Bereich fallen. Wenn das Training am 30. Januar wieder beginnt, werden wir für diese auf jeden Fall eine Stundenliste führen. Nähere Auskünfte erhoffe ich mir aber von der Landesliga-Tagung am 7. Februar.