Ringen ist ein Kampfsport - klar. Da geht es auch entsprechend herzhaft zur Sache, was jeder bestätigen kann, der diesem archaischen Kampf "Mann gegen Mann" schon einmal - noch dazu in der Bundesliga - beigewohnt hat. Und doch ist das Ringen, als Teamsport betrieben, auch ein gewisses Pokerspiel - und zwar hinter den Kulissen, betrieben von den Nicht-Kämpfern. Wenn in den Tagen vor dem Wettkampf "die Aufstellung gemacht wird", wie es im Fachjargon heißt, dann können von der sportlichen Leitung Glückstreffer gelandet und Fehlentscheidungen getroffen werden, die im Grunde von den Ringern auf der Matte gar nicht mehr wettzumachen sind: "Wo hat der Gegner seine Topleute? Wen lässt man eine Gewichtsklasse abtrainieren oder aufrücken? Welche Deutschen/Ausländer setzt man ein?", sind nur einige der Fragen, die in die Überlegungen mit einfließen.

"Es ging nicht um Sieg oder Niederlage"

Diesmal waren die Fragen auf ACL-Seite nochmals andere, wie Mannschaftsführer Jürgen Lieb erklärt: "Es ging in Köllerbach nicht um Sieg und Niederlage. Dass wir dort nicht gewinnen können, war uns vorher klar. Deshalb richtete sich unser Blick schon auf das für uns wichtigere Duell am nächsten Wochenende gegen den KAV Mansfelder Land. Denn was nützt es uns, einen nur halb wieder hergestellten Tim Müller schon jetzt ins Fegefeuer zu schicken, wenn wir ihn am Samstag im Vollbesitz seiner Kräfte benötigen."

Von "Abschenken" freilich wollte Jürgen Lieb nichts wissen, falls man ihn auf die doch lückenhafte ACL-Truppe ansprach, der eine bärenstark aufgestellte KSV-Staffel gegenüberstand: "Auch die Ringer aus der zweiten Reihe sollen und müssen ihre Einsätze bekommen."

Sechs vorzeitige Siege der Köllerbacher

Dadurch freilich ist die Geschichte dieses Samstagabends auch schnell erzählt: Sechs der zehn Einzelduelle endeten vorzeitig mit einem "Vierer" für die Einheimischen. Die eingesprungenen Toni Georgiev (120 kg, Freistil) und Christopher Kegel (66 kg, Fr.), aber auch Adam Bienkowski (60 kg, Fr.) waren chancenlos gegen die auf EM und WM bereits reichlich dekorierten Dimitar Kumchev, Andrei Dukov und Radoslaw Velikov.

Zumindest kleine Achtungserfolge in Form eigener Wertungen gab es für Christoph Meixner (84 kg, Fr., Schulterniederlage gegen den deutschen Meister Andrij Shyyka) und Juhasz Bence (55 kg, gr.), der beim 2:14 gegen den überragenden Ringer dieser Gewichtsklasse, den Kasachen Artur Umbetkaliyev, aber letztlich kein Mittel fand.

In Anbetracht der Gesamtsituation rieten die ACL-Verantwortlichen dem nach einem unbeabsichtigten Kopfstoß benommenen Benni Hofmann (74 kg, gr.) zur Aufgabe gegen Timo Badusch.

Savchev gegen Olympiateilnehmer

In den vier verbleibenden Duellen dagegen mischten die ACler zumindest richtig mit. Rumen Savchev (66 kg, gr.) musste der starken Physis und den Dauerattacken des französischen Olympiateilnehmers Tarik Belmadani aber doch Tribut zollen und unterlag mit 0:2. Marthin Nielsen (96 kg, gr.) lieferte dem Ex-Vizeweltmeister Melonin Noumonvi ein offenes Gefecht, doch fehlte auch ihm der letzte Punch, um mehr als ein 2:5 zu erreichen.

Tobias Schütz hält stark dagegen

"Voll erfüllt, wenn nicht sogar die Erwartungen übertroffen hat Tobias Schütz", sagte Jürgen Lieb. Schütz (84 kg, gr.) lag gegen den eigentlichen 96er Jan Fischer nach einem abgefangenen Durchdreher zur Pause mit 1:1 sogar faktisch in Führung, ehe sich der körperlich überlegene KSVler am Ende noch klar mit 8:1 durchsetzte.

Shishkov sorgt für versöhnlichen Abschluss

Dass es aus ACL-Sicht zumindest einen versöhnlichen Abschluss gab, lag an Serghei Shishkov (74 kg, Fr.). Martin Daum, dem amtierenden deutschen Meister in der 66-Kilo-Klasse, lieferte er ein offenes Duell, das den Köllerbacher bis zehn Sekunden vor Schluss mit 3:2 in Front sah. Doch mit einem sehenswerten Hüftangriff und dem folgenden Ausheber holte sich Shishkov noch den siegbringenden Dreier, was übrigens auch Kampfrichter Claudio Bibbo beeindruckte: "Die letzte Aktion des Abends war auch die schönste Aktion!", fand er.