Eine Frau steht am Mittwoch im Amtsgericht Würzburg bereits zum zweiten Mal vor Gericht. Die 33-Jährige geriet mit ihrem Auto in den Gegenverkehr - ein Baby stirbt, sieben Menschen werden verletzt. In dem anderen Auto saß eine Familie aus der Schweiz. Ein zehn Monate altes Baby der Schweizer erlitt schwere Hirnverletzungen. Es starb am nächsten Tag in einer Klinik. Trotz der Tragik folgte das Gericht nun der Argumentation der Unfallverursacherin und reduzierte die Strafe.
Im Touran saßen außer der Fahrerin ein 14-jähriges Mädchen und drei Kinder im Alter von einem, vier und sechs Jahren. Alle wurden schwer verletzt, die 33-Jährige musste von der Feuerwehr aus dem völlig zerstörten Touran herausgeschnitten werden. Am Unfallort waren damals fast 100 Rettungskräfte und eine Unfall-Sachverständige im Einsatz.

Nun steht die Frau in Würzburg vor dem Amtsgericht. Die öffentliche Verhandlung hätte nicht sein müssen. Die 33-Jährige hätte ihre Verurteilung per Strafbefehl über 180 Tagessätze zu je 80 Euro und das einmonatige Fahrverbot akzeptieren können. Aber sie hat Einspruch eingelegt.



Keine Erinnerung an die Kollision

Ihr Verteidiger, der die Akten und Gutachten kennt, erklärt dem Gericht, warum: Seine Mandantin habe keine Erinnerung an den Frontalzusammenstoß, es sei ihr unerklärlich, wie es zu dem Unfall gekommen ist. Eine Einlassung, die beim Richter auf wenig Verständnis trifft.

Natürlich könne man eine "große Beweisaufnahme" durchführen, die Unfall-Sachverständige laden und die Zeugen, unter denen auch das Ehepaar aus der Schweiz ist, das bei dem Unfall sein zehn Monate altes Töchterchen verlor, sagt er. Er weist aber auch darauf hin, dass er den Strafbefehl "nur mit Bedenken unterschrieben" habe.
Die Geldstrafe von 180 Tagessätzen liege gerade noch im Bereich "des Vertretbaren". Nachdem er die Angeklagte und ihren Verteidiger darauf hingewiesen hat, dass im Falle einer Verurteilung statt einer Geld- auch eine Freiheitsstrafe möglich sei, besprechen sich die 33-Jährige und der Anwalt auf dem Flur.

Nach der Unterredung teilt der Verteidiger dem Gericht mit, dass die vierfache Mutter ihren Einspruch gegen den Strafbefehl auf "die Rechtsfolgen beschränkt". Das bedeutet, dass sie ihre Schuld an dem Unfall anerkennt, aber eine niedrigere Geldstrafe wünscht.


Gericht reduziert Tagessatz

Im Strafbefehl ist das Einkommen der Hausfrau geschätzt worden, das Gericht ging davon aus, dass sie für sich allein über 1200 Euro netto verfügt. Nun erklärt sie, dass sie deutlich weniger Geld habe. Sie sei allein erziehend, befinde sich im "Erziehungsurlaub" und bekomme nur staatliche Leistungen:
300 Euro Erziehungsgeld, 150 Euro Betreuungsgeld, 1200 Euro Hartz-IV und 800 Kindergeld. Von diesen 2450 Euro lebten sie und die vier Kinder.

Das Gericht belässt es bei den im Strafbefehl verhängten 180 Tagessätzen, reduziert aber die Höhe von 40 auf 25 Euro, weil ein Tagessatz einem Dreißigstel des Netto-Monatseinkommens eines Verurteilten entsprechen soll.

Das Gericht geht nun von 750 Euro aus, die ihr persönlich zur Verfügung stehen. Die Frau muss also wegen fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Körperverletzung eine Geldstrafe von 4500 Euro zahlen. Außerdem ist sie wegen dieser beiden Delikte vorbestraft. Die Entscheidung ist rechtskräftig.

Gisela Schmidt