Es ist skurril, es ist befremdlich, es ist auch ein klein wenig beklemmend, aber vor allem ist es eins - stockdunkel. Mit einer Maske über den Augen versuche ich, mich in einer Sporthalle zurechtzufinden. Und nicht nur das, ich habe auch vor Ball zu spielen.

Die neue Serie "Großer Sport in Franken" hat mich nach Veitshöchheim verschlagen. Hier trainieren die Würzburger Blindenfußball-Bundesligaspieler und ich darf bei einer Einheit dabei sein. Zunächst eine kleine Vorstellungsrunde, in der mir Trainer Ansgar Lipecki sagt, dass ich es heute auch mit zwei Nationalspielern zu tun habe. Praktisch mit dem Mario Götze und dem Manuel Neuer des Blindenfußballs. Doch von Starallüren keine Spur. Mittelfeldspieler Sebastian Schäfer und Torwart Enrico Göbel - übrigens das einzige Teammitglied, das etwas sieht - nehmen mich gut auf und versprechen, mich während des Trainings nicht zu schonen.



Wie wahr! Doch bevor es losgeht, erklärt mir Ansgar Lipecki einige Grundzüge des Spiels und wie ich mich auf dem Feld verhalten soll. "Konzentriere Dich auf Dein Gehör", ist die wichtigste Regel. Dann bekomme ich meine Maske. Wer jetzt denkt, ein bisschen was wird man an den Seiten oder unten noch sehen können, dem kann ich versichern: Es ist wirklich absolut finster. Etwas unheimlich, denn die Augen versuchen trotzdem, irgendeine Lichtquelle zu orten. Erst nach einiger Zeit geben sie auf und ich lege los.


Herumstochern im Dunkeln
Für die erste Übung bekomme ich vom Trainer gleich einen Ball, mit dem ich laufen soll. Ich bin sowieso eher Sofa-Fußballer als echter Rasensportler, sodass mir das Dribbeln an sich schon schwer fällt. Doch mit Maske ist es nur in kleinen Schritten möglich überhaupt mit Ball voranzukommen.

Während ich noch hinter meinem durch die Gegend kullernden Ball herstochere, höre ich portugiesische Laute. "Voy" rufen die Spieler immer wieder, wenn ihnen ein anderer zu nahe kommt. Das Wort aus Brasilien, dem Mutterland des Blindenfußballs, heißt so viel wie "Achtung" und ist wichtiger Bestandteil des Spiels.

Doch keine Zeit für einen Sprachkurs, schon kommt Schwierigkeitsgrad zwei auf mich zu: passen. Ich stehe gegenüber meines Trainingspartners, die Füße wie eine Ente zu einem "V" geformt, und lausche, ob ein Ball kommt. Tatsächlich, dank der Schellen im Ball, merke ich, wie er auf mich zukommt - und vorbeirollt. So sehr ich mich auch bei den folgenden Versuchen konzentriere, ich kann die Geschwindigkeit und die Richtung des Balls nicht wirklich einordnen.

Inzwischen läuft mir, obwohl ich mich kaum bewegt habe, der Schweiß über das Gesicht. "Völlig normal", erklärt mir Lipecki. Zum einen wegen der enormen Konzentration, zum anderen aber auch, weil es unter der Maske mollig warm geworden ist.

Aber das war erst der Anfang. Jetzt wird gerannt. Mit dem Ball am Fuß soll ich zum anderen Ende der Halle spurten. Na klar! Ich sehe mir das erst einmal bei den Profis an: Mit einem Affenzahn wetzen sie übers Feld, begleitet von den Rufen einer Helferin, einer sogenannten Guide, die hinter dem Tor steht und in Metern angibt, wie weit es noch zur Mauer ist.

Übermütig wage ich mich auch daran. Im vergleichsweise gemütlichen Tempo "renne" ich die Halle entlang. Doch konzentriere ich mich zu sehr auf das Geräusch des Balles und überhöre fast meine Guide, die mich nur durch ein lautes "Wand" davor schützt, dass ich mir die Nase am Hallenende breche.

"Es ist von großem Vorteil, wenn das Dribbeln im Unterbewusstsein läuft und man sich auf die Kommandos konzentrieren kann", erklärt mir später Sebastian Schäfer. Einfach gesprochen von dem Nationalspieler, aber wie umsetzen?

Fix und fertig stehe ich in der Halle. Das Aufwärmen war mir eigentlich schon genug. Doch Lipecki hat noch eine letzte Übung für mich. Jetzt versperren mir zwei Spieler den Weg zum Tor. Mit meinem Ball - mehr oder weniger - am Fuß laufe ich auf die "Voy" rufenden Gegner zu. Ich versuche es links herum, rechts herum, doch es wird nichts. Entweder schafft es der Ball an den Abwehrspielern vorbei oder ich, aber nie beide zusammen.

So bekomme ich beim Training der Würzburger Blindenfußballer zwar kein Erfolgserlebnis, aber doch einen Eindruck, wie intensiv diese Sportart ist - und wie groß die Leistung derer, die nichts sehen können.


Der Verein
Die Würzburger Blindenfußballer sind im Vital-Sportverein Würzburg (VSV) organisiert. Neben Blindenfußball wird hier auch Badminton, Sitzball oder Leichtathletik trainiert. Die Bundesligamannschaft umfasst 23 Mitglieder, davon 13 Fußballer. Trainer Ansgar Lipecki sowie die Betreuer arbeiten ehrenamtlich für das Team. Lipecki kommt aber aus der "Materie". Er ist Sportlehrer am Würzburger Blindeninstitut. Ebenso arbeitet Torhüter Enrico Göbel als IT-Lehrer am Berufsförderungswerk in Veitshöchheim, wo das Team trainiert.

Ehrenamtliche sind wichtig, doch auch ein Blindenfußball-Team kommt nicht ohne finanzielle Mittel aus. Hier ist das größte Problem, dass die Spiele und Turniere meist ohne große Öffentlichkeitswahrnehmung stattfinden. "Wir sind auf Spenden angewiesen", erklärt Lipecki und stellt auch gleich eine Rechnung auf. "Wenn wir mit 14 Spielern und Betreuern zu einem Auswärtsturnier fahren, kostet uns der Trip um die 3500 Euro." Zuschüsse von öffentlichen Stellen? Fehlanzeige! "Da freut man sich, wenn die Oma einem 50 Euro zusteckt, weil ihr Enkel bei uns spielt", so Lipecki. Nichtsdestotrotz sind die Franken mit Feuereifer dabei.


Die Sportart
Blindenfußball wird meist im Freien gespielt, auf einem Feld, das den Maßen eines Handballfeldes ähnelt und in drei Zonen eingeteilt ist. An den Längsseiten befinden sich Banden. Jedes Team stellt vier blinde Feldspieler und einen sehenden Torwart.

Zu diesen Spielern gesellen sich zwei Helfer, sogenannte Guides, die an der Längsseite sowie hinter dem gegnerischen Tor postiert sind und den Spielern Infos geben. Das Spiel wird von zwei Schiedsrichtern geleitet. Die reine Spielzeit beträgt zweimal 25 Minuten.

Beim Blindenfußball handelt es sich um eine sehr körperbetonte Sportart. Mit dem Wort "Voy" machen sich die Spieler untereinander auf dem Platz bemerkbar, sobald ein Spieler in die Richtung des Ballführenden läuft. Sollte ein Spieler dagegen verstoßen und sich an seinen Gegner "anschleichen", gibt es eine Strafe.

Jeder Spieler hat pro Spiel fünf persönliche Fouls, nach denen er für das restliche Spiel gesperrt wäre. Für schlimmere Vergehen gibt es wie beim Fußball gelbe und rote Karten. So können auch Guides verwarnt werden, sollten sie regelwidrig ins Spiel eingreifen.

Da der Torwart als Einziger auf dem Platz etwas sieht, ist sein Bewegungsradius sehr eingeschränkt. Einzig in einem kleinen Raum von zwei Metern um sein Tor herum, darf er sich aufhalten und den Ball spielen.

Mannschaftsspiel wird beim Blindenfußball groß geschrieben. "Gerade gegen zwei Abwehrspieler, wie es oft der Fall ist, hat man alleine keine Chance", erklärt Ansgar Lipecki. "Da muss man schon gemeinsam kombinieren, um vor das Tor zu kommen. Fernschüsse sind für gute Torhüter selten ein Problem."