Früher konnten die wenigsten mit dem Begriff EZB etwas anfangen. Heute ist die Europäische Zentralbank in aller Munde. Wie kommt das?
Otmar Issing: Die EZB wird in Europa inzwischen als einzige Institution angesehen, die handlungsfähig ist. Wenn irgendetwas auf den Märkten geschieht, kommt der Ruf nach der EZB. Das wird zum Problem, denn immer mehr verlässt sich die Politik darauf, dass die EZB das Feuer löscht. Das bremst Reformen in den einzelnen Ländern nach dem Motto: Naja, die EZB wird es schon richten.

Wann sind die Möglichkeiten der EZB erschöpft?
Potenziell unerschöpflich ist die Möglichkeit, Geld zu drucken. Da gibt es keine technische Grenze. Das wird die EZB aber nicht tun. Das darf sie nicht tun. Die EZB ist nicht gegründet worden als Gelddruckmaschine, sondern um eine Geldpolitik zu betreiben, die für Preisstabilität sorgt.

Das ist bisher einigermaßen gelungen.
Perfekt sogar. In Deutschland stößt das meist auf Unglauben, wenn ich berichte, dass die durchschnittliche jährliche Preissteigerungsrate in den Jahren des Euro deutlich unter der für die D-Mark liegt in den 50 Jahren ihrer Existenz von 1948 bis 1998. Aber das ist eine Tatsache.

Was verbinden Sie mit Geld?

Geld wird oft dämonisiert. Aber der Dämon sitzt nicht im Geld. Er sitzt in den Menschen. Es liegt an den Menschen, was die daraus machen. Ähnlich wie mit dem Feuer, das nach griechischer Mythologie Prometheus den Menschen brachte. Man kann damit schlimme Dinge anrichten, aber auch kochen oder Wärme erzeugen. So ist es auch beim Geld.

Wie sollte dieses Geld dann eingesetzt werden?

Zunächst einmal gibt es in der Geschichte viele Vorschläge, Geld komplett abzuschaffen, um so alle Übel dieser Welt zu beseitigen. Das hört sich nett an, ist aber grundfalsch. Im Alten Testament erschlägt Kain seinen Bruder Abel. Damals gab's kein Geld, noch nicht einmal Tauschverkehr. Das allein zeigt, dass mit der Abschaffung des Geldes die Probleme nicht aus der Welt geschafft sind. Aber eine Wirtschaft ohne Geld kann gar nicht funktionieren.

Aber irgendwann wird Geld problematisch?

Der einzelne Geldschein ist unschuldig. Im Oktober 1923 hat die monatliche Inflationsrate 32000 Prozent betragen. Das heißt, wenn Sie Kaffee bestellt haben, hat sich der Preis schon verdoppelt als er gebracht wurde. Das lag aber nicht am Geld, sondern an der Notenbank, die so viel Geld gedruckt hatte. Der Druck kam von der Regierung, die ihre Ausgaben mit der Notenpresse finanzieren ließ. Damals gab es eine Karikatur, da steht Herr Gutenberg vor einer Gelddruckmaschine und sagt: Das habe ich nicht gewollt. Ein gutes Beispiel. Die Maschine druckt Geld, die Menschen müssen sie bedienen, und wenn sie sie falsch bedienen, gibt es zu viel Geld.

Eine Steigerung von 32000 Prozent? Kann sich so etwas wiederholen?

Nein. Die Angst vor der Inflation steckt den Deutschen im Blut. Zweimal innerhalb einer Generation haben sie den Verlust des Geldvermögens erlebt - 1923 und 1948. Aber so etwas wird nicht wieder kommen.

Was macht Sie so sicher?
Die Erfahrung, dass man damit Probleme nicht löst. Man hat aus solchen Krisen gelernt und die Bundesbank und jetzt die EZB unabhängig gemacht, um dem Druck der Politik zu widerstehen. Denn hinter großen Inflationen stand und steht immer die Finanzierung von Staatsausgaben durch Gelddrucken.

Kann die EZB wirklich stets unabhängig von der Politik agieren?
Das muss sie. Niemand kann die EZB zwingen, mehr Geld zu drucken, als sie für verantwortlich hält.

Aber im Moment gibt es eine Geldschwemme.
Die ist aber nicht angekommen in der realen Wirtschaft. Deswegen haben wir keine Inflation. Die Aktienkurse sind getrieben von Liquidität und die Staatsanleihen werfen niedrige Renditen ab. Alles Auswirkungen der Geldschwemme. Aber Inflation wird es erst dann geben können, wenn diese Liquidität der Notenbank sich umsetzt in eine wachsende Kreditmenge. Das ist im Moment nicht zu sehen. Aber irgendwann wird das passieren, und dann wird es kritisch.

Wie kritisch ist die Situation Ende 2013?
Gesamtwirtschaftlich gesehen sehe ich für die nächsten beiden Jahre keine Inflation in Europa. Eher herrscht die, allerdings unbegründete Sorge, dass die Preise sinken.

Europa wird seit jeher von Amerika beeinflusst. Dort ist das Pendant zur EZB die Fed. Wo liegen die größten Unterschiede?
Die beiden Wirtschaften sind verschieden. Die amerikanische zeichnet sich durch viel mehr Flexibilität und Innovationskraft aus, während in Europa zu vieles reglementiert ist. Das muss die jeweilige Notenbank in der Geldpolitik berücksichtigen.

Das heißt konkret?

Die EZB ist mit schwächerem Wachstum konfrontiert und in ihrer Geldpolitik dann auch entsprechend vorsichtiger.

War die Arbeit bei der EZB zu Ihrer Zeit leichter als heute?
Der Zusammenhalt der Währungsunion stand damals nicht zur Debatte. Das hat sich geändert. Mit Griechenland fing es an. Das sind Probleme, mit denen die EZB damals nicht konfrontiert wurde.

Sind mittlerweile zu viele Länder in der Währungsunion?
Selbst Länder, die wie Italien von Anfang an dabei waren, hätten nach dem Eintritt dringend Reformen machen müssen. Das Hauptproblem der Währungsunion bis zum heutigen Tag ist, dass die Lohnentwicklung in einzelnen Ländern völlig aus dem Ruder gelaufen war. Das bedeutet, die Länder sind zu teuer geworden, der Export brach ein, der Import stieg, weil er billiger war. Die Konsequenz war ein großes Defizit in der Leistungsbilanz. Das gibt Probleme. Mit denen sind wir bis heute konfrontiert.

Kommt denn demnächst der Negativzins?
Da gibt es viele Missverständnisse in der Öffentlichkeit. Manche haben Angst, dass dann von ihrem Ersparten etwas abgezogen wird. Aber das ist Unsinn. Nur Banken müssten dann für Geldeinlagen bei der Notenbank einen Zins bezahlen. Damit sollen die Banken veranlasst werden, nicht Liquidität zu halten, sondern Kredite zu geben. Fraglich, ob das gelänge.

Eine so lange Niedrigzinsphase bringt aber Probleme mit sich.
Natürlich. Junge Leute, die für das Alter sparen, müssen viel mehr zurücklegen, um am Ende eine bestimmte Summe zu erreichen.

Gibt es eine Persönlichkeit in der internationalen Finanzwelt, der sie besonders vertrauen?

Ich würde das nicht an Personen festmachen. Das Wichtigste ist, dass wir ein Finanzsystem bekommen, das stabil ist, dass die Banken höheres Eigenkapital halten, weniger Risiken eingehen, dass die Auszahlung der Boni ganz stark gebunden wird an das, was langfristig Erfolg bringt.

Man hat aber das Gefühl, dass sich wenig ändert.
In vielen Bereichen geht es so weiter. Dennoch geschieht eine Menge. Die Großbank JPMorgan musste zum Beispiel vor kurzem 13 Milliarden Dollar Strafe zahlen. Da hört sich wohl künftig so manches auf.

Was halten Sie von strenger Regulierung?
Je mehr man im Detail reguliert, desto mehr Schlupflöcher oder Umgehungsmöglichkeiten schafft man. Es bedarf der Regulierung, aber in übersichtlicher Form, die auch überwacht werden kann. Es kann nicht sein, dass am Bankschalter quasi immer ein Regulierer dahinter steht, der alles beaufsichtigt. Das kann nicht funktionieren.

Müssen wir uns damit abfinden, dass die menschliche Gier niemals endet?

Gier wird es wohl immer geben. Die Vorstellung, dass es durch strikte Regulierung nie mehr Krisen gibt, ist eine Illusion. Man kann aber verhindern, dass es zu einem Riesencrash kommt.


Otmar Issing - Architekt der Währungsunion

Person Otmar Issing wird am 27. März 1936 in Würzburg geboren und macht dort 1954 das Abitur. 1960 schließt er an der Uni Würzburg als Diplom-Volkswirt ab, 1961 folgt seine Dissertation, 1965 habilitiert er sich mit der Arbeit über "Leitwährung und internationale Wirtschaftsordnung".

Karriere 1967 wird Issing als Direktor des Instituts für Internationale Wirtschaftsbeziehungen an die Uni Erlangen-Nürnberg berufen. 1973 wechselt er auf den Lehrstuhl für Volkswirtschaftslehre, Geld und Internationale Wirtschaftsbeziehungen an der Uni Würzburg. 1990 wird er Direktoriumsmitglied der Deutschen Bundesbank, von 1998 bis 2006 ist er EZB-Direktoriumsmitglied und Chefökonom.

Zentralbank Issing steht unter den Präsidenten Wim Duisenberg und Jean-Claude Trichet acht Jahre lang für eine rigide Zinspolitik. Mit seinem Namen ist das unbedingte Festhalten an Stabilitätskriterien verbunden.