Das Igelkind Maja streckt die kleine Nase neugierig in die Luft. Langsam tippelt es in dem geräumigen Gehege auf Herbert Martin zu. Der 62-Jährige verströmt einen vertrauten Duft für sie. Maja läuft auf seine Hand und lässt sich voller Vorfreude streicheln - denn gleich ist Fütterzeit. Für den gerade einmal fünf Wochen alten Igel ist Martin eine wichtige Vertrauensperson. Er und seine Frau Gudrun haben vor 25 Jahren Unterfrankens bislang einzige Igel-Auffangstation gegründet. Etwa 300 Igel päppeln sie seitdem bis zum Wintereinbruch Jahr für Jahr auf. Die Kosten dafür tragen sie zum großen Teil selbst.


Kleine Igel müssen häufig gefüttert werden


Als Maja vor wenigen Wochen bei der Igel-Auffangstation in Gerbrunn im Landkreis Würzburg abgegeben wurde, wog sie gerade einmal knapp über 20 Gramm. Alle zwei Stunden wurde sie gefüttert - auch nachts. "Wir leiden im Moment schon sehr unter Schlafentzug. Denn gerade ist Säuglingszeit bei den Igeln", sagt Gudrun Martin. Rund 70 hilflose Igel hat das Paar in diesem Jahr bereits aufgenommen, vorher lässt sie sich telefonisch immer die Fakten zum gefundenen Igel nennen. Denn nicht jeder Igel braucht tatsächlich Hilfe. "Wir wurden auch schon angerufen, weil einer nachts beim Weintrinken auf der Terrasse einen Igel gesehen hat", erinnert sich Herbert Martin und schüttelt den Kopf. Igel, die zu schlecht beieinander oder zu schwer verletzt sind, verweist das Paar direkt an den Tierarzt.



Igel sind Wildtiere


In ganz Deutschland gibt es viele hundert Menschen, die Igel vor dem sicheren Tod retten. Allein beim Verein "Pro Igel" sind mehr als 200 Igelstationen, -beratungsstellen und -pflegestellen gelistet. Wichtig sei, dass die hilfsbedürftigen Tiere im Sinne des Bundesnaturschutzgesetzes betreut werden, sagt die erste Vorsitzende des Vereins, Ulli Seewald.Nicht wenige Igelhelfer pflegen die Tiere leider nicht sachgemäß. "Das Ziel jeder Igelhilfe ist die baldmöglichste Rückführung in die Natur! Wer jetzt etwa Igelwaisen aufzieht, kann und soll diese noch im Herbst wieder auswildern." Viele gutwillige Igelpfleger aber lassen Jungtiere im Haus überwintern, obwohl sie längst in die Natur zurück gehören.

Die Martins wissen das und streben die Auswilderung bei jedem einzelnen Igel an. Auch Igelmädchen Maja wird bald in der Natur ihr Glück versuchen müssen. Mittlerweile ist sie etwa 170 Gramm schwer und kann im Herbst problemlos zurück in die Wiesen und Wälder laufen. "Der Igel ist schließlich ein Wildtier, das viel laufen will." Laien würden die Igel teilweise in einem Karton im viel zu warmen Keller über den Winter bringen wollen, aber "das ist einfach nur Tierquälerei".


Die Igel kommen in Pflegefamilien bis sie groß genug sind


Das Ehepaar ist in den vergangenen 25 Jahren zu Igel-Experten geworden. Jeder Igel wird entwurmt, bekommt Antibiotika, wird mindestens dreimal gegen Krankheiten gespritzt, in den ersten Wochen füttern die Martins die Tiere alle zwei Stunden mit spezieller Welpenaufzuchtnahrung, danach mit püriertem Katzenfutter. Die Martins haben sich in den vergangenen Jahren ein besonderes Helfer-Netzwerk aus Pflegefamilien aufgebaut. Die übernehmen die Tiere, wenn sie über den Berg sind und selbst genug fressen können. Nach einer gewissen Zeit, setzen sie die Igel dann wieder in die Natur. "Wir prüfen ganz genau, ob bei den Pflegefamilien alles passt. Das Gehege muss eine Mindestgröße und natürliche Verstecke haben und gut gesichert sein", sagt Herbert Martin. Dort sollen sie wieder lernen, scheu zu werden und sich einzurollen.


Die Familie investiert viel Zeit und Geld in die Igel-Aufzucht


Die Igel-Auffangstationen werden selten von den Kommunen unterstützt. "Wir sind auf Spenden angewiesen", sagt Gudrun Martin. "Wenn jeder, der einen Igel vorbei bringt, ein paar Euro mit dalassen würde, wäre das ein sehr guter Anfang." Der Wildtierstation Hamburg zufolge kosten Essen, Medikamente und Tierarzt-Behandlungen eines Igelwaisen rund 200 Euro. So viel Geld müssen die Martins pro Tier nicht in die Hand nehmen, denn das Tierheim der Region stellt die Medikamente. Einige tausend Euro kommen trotzdem jährlich zusammen.
Und die Martins investieren nicht nur Geld in die Igel-Auffangstation. "Von Mitte Juli bis Ende Februar können und wollen wir wegen der Igel keinen Urlaub machen." Sie bereuen dennoch keinen einzigen Tag. "Wenn die Igel es geschafft haben, dann ist das unsere Genugtuung, unser Lohn", sagt Gudrun Martin, die drei Kinder hat.

Die Pflege scheint ihr im Blut zu liegen. Sie war jahrzehntelang auch Pflegemutter für ein- bis dreijährige Kinder. 53 Pflegekinder hat sie insgesamt versorgt. Seit einigen Jahren kümmert sie sich nun nur noch um die Igel. An Ruhestand wollen die beiden 62-Jährigen noch lange nicht denken. "Die Igelstation ist unser Baby. Und wenn so ein kleines Tierchen Hilfe braucht, können wir einfach nicht Nein sagen."