Was ist die Steigerung von Regietheater? Möchtegern-Regietheater. Ab sofort im Mainfrankentheater zu erleben. Dort hat Kurt Josef Schildknecht mit den Ausstattern Rudolf Rischer (Bühne) und Götz Lanzelot Fischer (Kostüme) Richard Wagners "Lohengrin" so auf die Bühne gestellt, dass sowohl Fans der Bayreuther "Tannhäuser"-Produktion als auch Liebhaber der Opernparo dien von Otto Schenk schreien könnten vor Glück.

Klingt schrecklich, ist es auch. Zumindest szenisch. Die musikalische Interpretation indes ist aller Ehren wert. Enrico Calesso, seit 2011 Generalmusikdirektor in Würzburg, hat Kritik und Publikum schon bei seinem "Tristan"-Debüt begeistert. Erneut verwirklicht er eine schlankere, transparente Lesart. Das neu edierte Orchestermaterial aus dem Schott-Verlag überzeugt und tut den klanggewaltigen Chorauftritten und Orchestertuttis keinen Abbruch. Im Gegenteil: Die Wirkung ist umso größer.

Dass die Streicher des Philharmonischen Orchesters am Sonntag bei den flirrend-filigranen Stellen des Vorspiels mehrfach patzten, darf man als Premierenfieber verbuchen, wenn man ihre Gesamtleistung an dem gut viereinhalbstündigen Abend bedenkt. Vor allem die Blech- und Holzbläser spielten auf einem unerwartet hohen Niveau - und zwar nicht nur in rein spieltechnischer Hinsicht.

Man hört diesem "Lohengrin" an, dass der Dirigent mit den Musikern intensiv an Tempo, Phrasierung und Artikulation gearbeitet hat. Jede Beschleunigung, jedes Langsamerwerden macht sinnlich erfahrbar, worum es geht. Die Kunst des Übergangs ist dabei entscheidend. Das Zarte, Leise kommt - wenn es denn gelingt - eben nicht nur in der Ouvertüre scheinbar aus dem Nichts, sondern ist, ebenso wie der machtvolle, überwältigende Wagnerklang der großen Ensemble-, Chor- und Orchesterszenen musikdramatisch logisch entwickelt.

Calesso hat stets den großen Bogen vor Augen, vermittelt ihn mit viel Gespür und präzisen Zeichen und erreicht damit einen über weite Strecken geradezu magischen Zusammenklang von Orchester-, Chor- und Solistenstimmen. Man kann es nicht anders sagen: Der 1974 geborene Italiener ist ein Glücksfall für Würzburg, der hoffentlich noch ein paar Jahre bleibt. Er wird Karriere machen - auch und gerade im Wagnerfach.

Dass Sören Eckhoff, ein ehemaliger Würzburger Chorchef, der inzwischen den Chor der Bayerischen Staatsoper leitet, an der Einstudierung mitgewirkt hat, gereicht der Produktion ebenfalls zum Vorteil. Waren die Würzburger Chöre je besser? Umso mehr ist zu bedauern, dass dieser "Lohengrin" einen großen Pferdefuß hat. Selbst wenn die Bühnenräume der Kooperation mit dem Kroatischen Nationaltheater Zagreb nicht identisch sind, kann das nicht der Grund für die gedankliche Plattheit von Konzept, Ausstattung und der handwerklich indiskutablen Personenführung gewesen sein.

Rampentheater und Klischees

Nirgendwo blitzt ein gescheiter neuer Gedanke auf, alles ist schrecklich vorhersehbar, bis auf Telramund hat keine der Figuren ein Bühnenleben außerhalb von gängigen Klischees. Die gemeinte und modische Faschismuskritik in Bühnenbild und Kostümen ist genauso lachhaft wie die Regie, die spiegelbildlichen Rampentheater-Käse auf nur schwer zu begehenden Treppen und Podesten serviert.

Schon allein dafür, dass die Choristen ihre Holzschwerter allesamt an der Schneide halten dürfen, müsste der dafür verantwortliche Kurt Josef Schildknecht in die Wüste geschickt werden. Nur der Gottfried-Statist packt das Schwert am Griff - ist halt ein Junge, der noch weiß, wie es sich gehört. Das Wunder des ersten Lohengrin-Auftritts vollzieht sich selbstredend so, dass alle, die so lautstark davon singen, es gar nicht gesehen haben können.

Darüber hinaus hat der Regisseur nichts dagegen getan, damit der sängerisch achtbare Scott MacAllister als Lohengrin nur wirkt wie dessen Alter ego in der Paul-Barz-Komödie "Nie sollst du mich befragen". Und wer sich fragt, warum ihm so viele Details in der Ausstattung bekannt vorkommen, dem sei versichert, dass man fast alle Bühnenbildlösungen, Requisiten und Kostüme irgendwie schon in Bayreuth gesehen hat. Toll, was?

Das Gemisch aus schlechtem Geschmack und ungewollter Opernparodie tut einem schon deshalb weh, weil die zum Teil alternierend besetzten Solisten darin auf verlorenem Posten stehen. Joachim Goltz (Telramund), Karen Leiber (Elsa), Daniel Fiolka (Heerrufer), Frank van Hove (König Heinrich), Ruth-Maria Nicolay (Ortrud) und die zwei Tenöre, die als Lohengrin gastieren, hätten Besseres verdient.