Nach dem Torklau von Donezk haben Joseph Blatter und Franz Beckenbauer vehement die Einführung technischer Hilfsmittel für Schiedsrichter gefordert und den Druck auf die Technik-Gegner bei der Uefa erhöht. "Nach dem Spiel der vergangenen Nacht ist die Torlinien-Technologie keine Alternative mehr, sondern eine Notwendigkeit", teilte der Boss des Fußball-Weltverbandes Fifa, Blatter, mit.

Der Blackout des ungarischen Torrichters Istvan Vad, der den Treffer von Marko Devic bei der 0:1-Niederlage der Ukraine gegen England nicht anerkannte, stürzt vor allem Uefa-Präsident Michel Platini in Erklärungsnöte. Der Franzose hatte nur 24 Stunden zuvor bekräftigt, eine "menschliche Lösung" zu favorisieren. Für Referee Viktor Kassai hatte der Fehler dennoch Konsequenzen: Er zählt mit Wolfgang Stark (Ergolding), Björn Kuipers (Niederlande) und Carlos Velasco Carballo (Spanien) zu den vier Schiedsrichtern, die von der Uefa für den weiteren Turnierverlauf aussortiert wurden.

"Das war der letzte Beweis, dass man auf die Technik setzen soll. Ich bin auch dafür. Ich bin allerdings auch ein Fan der Torrichter. Aber man sieht ja - alleine auf sie kann man sich auch nicht verlassen. Wenn es nach mir geht: Torkamera und Torrichter", sagte Beckenbauer.





Auch Uefa-Schiedsrichterchef Pierluigi Collina räumte den Fehler ein. "Sie haben recht, der Ball war hinter der Linie. Es war ein menschlicher Fehler, verursacht durch einen Menschen", sagte der Italiener in Warschau. Was die Gemüter auch außerhalb der Ukraine so erregte, war eine Szene nach gut einer Stunde Spielzeit. Der Ukrainer Marko Devic schoss beim Stand von 0:1 Englands Torwart Joe Hart an. Der Ball überquerte dann knapp, aber doch deutlich für alle Fernsehkameras sichtbar die Linie, bevor ihn Englands Routinier John Terry wieder ins Feld beförderte. Was alle TV-Kameras einfingen, was alle Menschen im Stadion später zu sehen bekamen und was als die Fehlentscheidung dieser EM-Vorrunde in die Rückblicke eingehen wird, hatte Torrichter Vad nicht erkannt. Das Spiel lief weiter, die Ukraine war um den verdienten Ausgleich gebracht - und musste sich am Ende nach dem 0:1 durch das Tor von Wayne Rooney verabschieden.Für die Ukraine begann mit dem Torklau von Donezk das große Weinen. Der vermeintlich betrogene Co- Gastgeber verabschiedete sich als zweiter EM-Ausrichter nach Polen von der Heim-EM. "Die Schiedsrichter waren schuld, sie haben uns ein Tor gestohlen", schimpfte Trainer Oleg Blochin.

"Das war ein klares Tor, es hätte das Spiel verändert", meinte Andrej Schewtschenko nach seinem traurigen Abschied von der großen Bühne, "es war zwar kein Diebstahl, aber wir müssen über eine Torlinientechnologie sprechen." Für den eingewechselten 35 Jahre alten Nationalhelden endete sein letztes Turnier somit tragisch. Die Enttäuschung im gesamten Team war groß, die Spieler reisten alle noch in der Nacht nach Hause. Eine weitere Verabschiedung von den Fans wird es nicht mehr geben. Auch Schewtschenko hatte vom Fußball erstmal genug und meinte: "Ich möchte einfach nur nach Hause gehen, meine Kinder in den Arm nehmen und meine Frau küssen."