Christian Wolff beschäftigt sich seit Jahren mit der ägyptischen Muslimbruderschaft. Gemeinsam mit anderen Politologen hat er den Blog fokus-nahost.de gegründet. Und langsam nimmt auch seine Doktorarbeit Formen an. Derzeit trägt sie den Arbeitstitel "Die ägyptische Muslimbruderschaft und die Entwicklung liberalen Denkens".

Wie entwickelt sich das liberale Denken bei den Brüdern?
Christian Wolff: Es gab in der Muslimbruderschaft schon immer eine Grundströmung liberalen Denkens. Nicht in dem Sinn, wie wir es in Europa mit liberalen Parteien wie der FDP verbinden, sondern im Sinne des Schutzes von Rechtsstaatlichkeit, Freiheitsrechten und des Privateigentums. Aber mit einer religiösen Komponente.

Wie macht sich der Muslimbruder Mohammed Mursi als Präsident?
Ich finde es interessant, wie mutig er auftritt. Er sucht auch die offene Auseinandersetzung mit der Militärregierung. Andererseits ist er zahnlos - und er weiß es. Das Sagen hat das Militär.

Trotzdem versuchen die Muslimbrüder doch, sich ein Stück der Macht zu sichern?
Das Problem ist, dass sie diese Situation schon einmal hatten. Beim Staatsstreich 1952, unter Nasser, waren die Muslimbrüder dabei. Der spätere Präsident Sadat stand ihnen in seiner Jugend nahe. Doch zwei Jahre später wendete sich das Blatt. Die Muslimbrüder wurden verfolgt. Sie wissen zu gut, wie leicht es passieren kann, dass man gerade noch die Macht mitgestaltet - und ganz plötzlich ist man eine illegale Organisation. Mursi wird versuchen, innenpolitisch und wirtschaftspolitisch mitzugestalten. Die sicherheitspolitische Befehlsgewalt bleibt beim Militär. Es wird ein Spiel zwischen Militär und ziviler Politik, und es wird sich einpendeln - zu einer Konstruktion, die wir in Europa nicht kennen: einem System mit demokratischen und autoritären Elementen.

Wie kommt das Land denn nun zu einer Verfassung?
Militär, Wirtschaftseliten und zunehmend auch die demokratischen Kräfte werden das aushandeln. Die Wirtschaftsordnung wird eine große Rolle spielen, viele Jugendliche haben ja keinen Job - und das ist eines der größten Probleme. Es muss eine demokratische und eine religiöse Komponente geben. Es wird diskutiert, ob und wie die Scharia in die Verfassung aufgenommen werden muss. Die Tendenz geht dazu, die Scharia als interpretatorischen Rahmen der Gesetzgebung zu sehen.

Und wie kann die Wirtschaft neu geordnet werden?
Den Muslimbrüdern schwebt eine soziale Marktwirtschaft mit islamischem Anstrich vor. Ihr Wirtschaftsprogramm liest sich nicht viel anders als das europäischer Parteien. Aber es wird nicht einfach, die alten Monopole zu zerschlagen. Die Frage ist, wie weit das Militär die Privatwirtschaft reinlässt. Und es wird auch die Frage sein, wie weit Europa ägyptische Produkte in seinen Wirtschaftsraum lässt. Landwirtschaftlich wäre da einiges zu machen, außerdem gibt es kreative IT-Firmen.

Die Fragen stellte Natalie Schalk