Bundestagswahl 2017: Prognosen, Ergebnisse, Reaktionen, Wahlbeteiligung

Die Kulisse passt: Auf seinem Hof am Ortsrand von Garstadt bei Schweinfurt zeigt Bio-Bauer Paul Knoblach seine Kartoffeln, im Hintergrund erheben sich die Kühltürme des stillgelegten Kernkraftwerks von Grafenrheinfeld. Mittendrin steht Anton Hofreiter und übt im Wahlkampf-Endspurt den Spagat von erdiger Basis-Arbeit zu großer Politik.

Bei solchen Terminen ohne Mikrofone und Rednerpultmacht Hofreiter eine bessere Figur als so mancher andere Spitzenpolitiker. Der promovierte Biologe aus München hat kein Problem damit, vom bissigen Wahlkampf-Modus auf "Kumpel" umzuschalten; und das ist schon eine Leistung für einen Oberbayern in Unterfranken.


Im grünen Umfrage-Tief

"Ich sach jetzt einfach Toni zu dir", sagt Bauer Knoblach, und den Toni freut's. Im Wahlkampf-Endspurt klappert der Fraktionschef der Grünen im Bundestag jeden Tag drei bis vier Termine ab, düst mit einem Hybrid-BMW kreuz und quer durchs Bundesgebiet, angetrieben nicht zuletzt durch die anhaltend bescheidenen Umfrage-Werte für die Grünen. Die sind mit aktuell acht Prozent noch weit weg von dem Ziel, das Hofreiters Chef, der Grünen-Vorsitzende Cem Özdemir jüngst bei seinem Besuch im fränkischen Steigerwald ausgegeben hatte: Die Grünen wollen die drittstärkste Kraft bei der Bundestagswahl werden.

Warum eigentlich? Der harte Platz auf den Oppositionsbänken wird durch ein paar Prozent mehr nicht weicher. Aber das ist auch nicht der Platz, den die Grünen anstreben. Hofreiter hat bei vielen Auftritten in jüngster Zeit durchblicken lassen, dass er die Grünen in der nächsten Bundesregierung sehen, einen Politik-Wechsel gestalten will, nicht nur bei ur-grünen Themen wie der Mobilität (Diesel). Und da es mit der SPD beim besten Willen nicht reichen wird, bleibt nach dem 24. September als Regierungs-Variante nur Schwarz-Gelb-Grün, das sogenannte Jamaica-Bündnis aus Union, FDP und Grünen wie in Schleswig-Holstein. In einem solchen Konstrukt hätten die Grünen gute Aussichten, in Hofreiter den nächsten Bundesverkehrsminister zu stellen. Der Gedanke lässt den Amtsinhaber schon jetzt schäumen. Alexander Dobrindt (CSU) beschimpfte Hofreiter jüngst als "rhetorischen Neandertaler", was den sonst durchaus zu Deftigkeit neigenden Grünen beim Besuch in Garstadt erstaunlich kalt ließ. Im kleinen Kreis an der Basis machen es die Zwischentöne, etwa beim Blick auf Knoblachs Riesen-Kartoffeln: "Die großen sind ja innen oft hohl."

Richtig politisch wurde Hofreiter beim Interview mit unserer Redaktion:

Herr Hofreiter wie erklären Sie sich die Tatsache, dass trotz so vieler aktueller ur-grüner Themen wie Diesel-Skandal, Klimawandel und Energiewende die Grünen in den Umfragen trotzdem nicht richtig punkten können? Verkaufen Sie "Ihre" Themen falsch?
Anton Hofreiter: Wir liegen im Schnitt bei acht Prozent. Da geht noch mehr. Deshalb legen wir uns bis zur Wahl noch voll in die Riemen. Am vergangenen Sonntag haben wir auf einem starken Wahlparteitag gezeigt, wofür wir kämpfen. Echten Klimaschutz statt Tatenlosigkeit wie bei der Union und FDP, die die giftigen Braunkohlekraftwerke weiterlaufen lassen möchte. Und voller Einsatz gegen Kinderarmut und die sozialen Schieflagen, die mit der Großen Koalition trotz SPD-Beteiligung entstanden sind. Ich bin mir sicher, dass wir für das Anpacken dieser Themen auch viel Unterstützung am Sonntag an den Wahlurnen bekommen.

Frage: Stichwort Diesel: Mit dem Ruf nach Fahrverboten lösen die Grünen einen Reflex aus wie beim Veggie-Day: Viele Bürger denken, dass die Grünen alles verbieten wollen. Sie haben da ja sogar in der eigene Partei eine starke Opposition, Herrn Kretschmann ...
Hofreiter: Lassen Sie uns mal ein paar Fakten zurechtrücken: Die Autobosse haben die Innovationskraft ihrer Ingenieure in Abgasbetrügereien gesteckt statt in die Entwicklung sauberer Autos. Und die Bundesregierung hat das gedeckt. Daher ist die Luftverschmutzung in Städten so hoch, dass die Gerichte einschreiten müssen, um die Bürger zu schützen. Wir wollen keine Fahrverbote, sondern dass die betroffenen Autos auf Kosten der Hersteller rasch nachgerüstet werden. Ab 2030 sollen nur noch emissionsfreie Autos neu zugelassen werden. Das ist genügend Zeit, damit die Produktion umgestellt werden kann und die Arbeitsplätze zukunftsfest gemacht werden. Zwei Drittel der Deutschen können sich heute schon vorstellen, ein Elektroauto zu kaufen. Die kommende Bundesregierung muss attraktive Kaufanreize setzen, um emissionsfreie Autos auf dem Markt zu etablieren und sie muss für ein flächendeckendes und komfortables Ladesäulennetz sorgen. Mit einer Merkel-Rede auf der IAA ist es nicht getan.

Frage: Sie sprechen inzwischen von Erd-erhitzung - während andere die Klimaveränderung und den Anteil des Menschen daran hartnäckig leugnen und auch in der Bevölkerung kein nachhaltiges Bewusstsein für die Folgen des Klimawandels und die notwendigen Maßnahmen dagegen zu erkennen ist. Ist das für Sie nicht manchmal frustrierend?
Hofreiter: Na klar ist das frustrierend. Erst recht, wenn ich sehe, wie schnell sich die Erde aufheizt, die Polkappen schmelzen und immer mehr Extremwetterereignisse selbst bei uns auftreten. Aber das ist auch Ansporn für mich, noch mehr für Klimaschutz zu kämpfen. Beispielsweise wenn sich bei der FDP mal wieder jemand als Klimaskeptiker outet oder die AfD ihre unerträglichen Märchen fernab jeder wissenschaftlichen Erkenntnis erzählt. Aber die Klimaskeptiker sind ja in Deutschland glücklicherweise nur eine Randerscheinung. Es liegt jetzt in unserer Hand, etwas zu ändern. Merkel hat den Ausstoß des klimaschädlichen CO2 seit 2009 um keine Tonne reduziert. Weitere vier Jahre ohne wirklichen Klimaschutz darf sich Deutschland nicht leisten.