Soll meiner 90-jährigen Mutter eine Magensonde gelegt werden? Kann bei meinem Mann die therapeutische Behandlung wirklich eingestellt werden? Oder: Wie verhalte ich mich als Arzt, wenn ich

sehe, dass das Leben des Patienten zu Ende geht, die Angehörigen aber immer neue Therapien fordern? Solche und ähnliche Fragen stellen sich im Alltag des Klinikbetriebs immer

wieder, berichtet der Vorsitzende des Ethikkomitees, Wolfgang Schöller. "Angesichts der medizintechnischen Fortschritte und lebenserhaltender Maßnahmen ist der ethische Gedanke im Laufe

der Jahre immer wichtiger geworden."
Laut Schöller ist das Ethikkomitee am St. Josef dazu da, um Ratsuchende in Konfliktsituationen zu unterstützen, in denen moralische Werte und

Überzeugungen berührt werden. Es sollen im Gespräch - zum Beispiel zwischen Angehörigen und Komiteemitgliedern - Lösungen gefunden werden, die von allen Beteiligten

mitgetragen und verantwortet werden können. Dabei muss der Behandlungsfall nicht spektakulär sein. Oft seien es Alltagssituationen, in denen eine Ethikberatung helfen kann, Orientierung zu

finden, so Schöller. Von 12 000 Patienten, die jährlich im St. Josef Krankenhaus behandelt werden, sind es etwa drei bis vier Fälle pro Jahr, bei denen es aus verschiedenen

Gründen zu einer Beratung kommt.

Im Zweifel Freunde befragen
Schöller erzählt von dem Fall einer über

80-jährigen Frau, die aufgrund von schweren Verdauungsstörungen keine Nahrung mehr zu sich nehmen konnte. "Da stellte sich für die Familie die Frage, ob man sie über eine

Magensonde ernähren sollte." Nach intensiven Gesprächen entschied die Familie, die alte Frau ziehen zu lassen. Es gebe in den meisten Fragen erst mal kein "richtig" oder

"falsch", erklärt Krankenhausdirektor Martin Stapper. "Wichtig ist vor allem, aus welchen Gründen man die Entscheidung trifft."
Oft treten Unsicherheiten bei den Angehörigen

auf, wenn es keine Patientenverfügung gibt, in der ein letzter Wille - meist im Hinblick auf lebensverlängernde Maßnahmen - erklärt ist.

In der Ethikberatung werde versucht herauszufinden, was der Wunsch des Patienten gewesen wäre. "Im Zweifel befragen wir auch Freunde und Bekannte dazu." Für Schöller und Direktor

Stapper sind in einem Krankenhaus in kirchlicher Trägerschaft auch die christlichen Leitlinien sehr wichtig. So heißt es unter anderem: "Wir schützen und achten menschliches

Leben, vor allem werdendes Leben. Besondere Aufmerksamkeit widmen wir Menschen in der Zeit ihres Sterbens. Wir erweisen den Verstorbenen die gebührende Ehre."
Sein fünfjähriges

Bestehen stellt das Ethikkomitee unter das Motto "Fünf Jahre - Fünf Themen". So gibt es zwischen Februar und Juni Vorträge zu Themen wie Sterbebegleitung, Krankenhausseelsorge oder

ethische Entscheidungen in der Intensivmedizin. Zudem werden fünf Filme gezeigt, die um diese Themen kreisen. Los geht's mit dem ersten Vortrag am Donnerstag, 5.

Februar, um 18 Uhr in der Cafeteria. Die Chefärztin der Palliativstation, Dr. Susanne Röder, und der Chefarzt der Neurologischen Klinik am Leopoldina Krankenhaus, Dr.

Johannes Mühler, werden über "Wie kann Sterbebegleitung gelingen - Impulse aus medizinischer und ethischer Sicht" referieren. Der erste Film "Wie im Himmel" wird am 11.

Februar um 19 Uhr in der Krankenhaus-Kapelle gezeigt. Mehr Infos: www.josef.de. Katja Glatzer