Mit Bodybuilding hat Peter Steinmüller überhaupt nichts am Hut, als er vor fünf Jahren beim Surfen im Internet auf ein paar dürre Worte über den Deutsch-Amerikaner Harry Gelbfarb stößt. Gelbfarb soll "Mitte der Fünfziger in Schweinfurt das erste Fitness-Studio Deutschlands eröffnet" haben? Die Neugier des Schweinfurter Journalisten ist geweckt. Er will mehr wissen über den Athleten, der Vater des Bodybuildings und der Fitnessbewegung war. Und er stößt auf eine unglaubliche Biografie.

Seine ersten, knappen Kenntnisse über Gelbfarbs Leben schildert Peter Steinmüller der Schweinfurter Lokalzeitung. Die berichtet darüber. Das Echo auf die Veröffentlichung ist gewaltig. Mehr als 60 Weggefährten Gelbfarbs melden sich innerhalb eines Wochenendes - und vor allem erzählen sie. Fred Conrad aus Zell bei Schweinfurt, ein Verwandter von Gelbfarbs späterer Ehefrau Elly, übergibt Steinmüller eine Schachtel mit Hinterlassenschaften des Fitnessstudio-Gründers.

Der Journalist findet darin viele Dokumente und starke Bilder von starken Schweinfurter Jungs im Sommerbad, von dem körperverliebten Ehepaar Gelbfarb - und Bilder von Harry und Arnold Schwarzenegger. Gelbfarb hatte den späteren Schauspieler und Gouverneur von Kalifornien im Jahr 1966 kennengelernt. Schwarzenegger arbeitete damals in einem Münchner Studio als Trainer und galt als aufsteigender Stern am Bodybuilding-Himmel. Gelbfarb sei von Schwarzenegger beeindruckt gewesen, "aber mehr von dessen Ehrgeiz als von seinem Körperbau", zitiert ihn Steinmüller.

Auch Harry Gelbfarb ist Österreicher. Er wird am 5. Oktober 1930 in Wien geboren. Der Vater ist Christ, die 19-jährige Mutter Sabina Jüdin. Weil der Großvater keinen Christen als Schwiegersohn akzeptiert, gibt Sabina Gelbfarb ihr Kind in ein Waisenhaus und lässt es nach jüdischem Brauch rituell beschneiden. Nach vier Jahren nimmt ein kinderloses Ehepaar jüdischen Glaubens, Erwin und Anna Kornfeld, Harry in seine Obhut.

Als die Kornfelds ins KZ verschleppt werden, muss der Junge in ein jüdisches Kinderheim. Elf Jahre ist er da alt. Es wird noch schlimmer, als der gefürchtete Alois Brunner die 50.000 Juden Wiens deportieren lässt. Widerstandskämpferin Franzi Löw, damals erst Anfang Zwanzig, überzeugt Pater Ludger Born, dem kleinen Harry einen gefälschten Taufschein auszustellen. Er wird nicht deportiert, muss aber Zwangsarbeit leisten.

Mit seiner Pflegemutter Anna Kornfeld, die die drei Jahre im KZ überlebt hat, wandert Harry nach dem Krieg in die USA aus. Er ist geschwächt, doch gegen den Rat der Ärzte fängt er mit dem Boxen an. Da fallen ihm einige Bodybuilding-Zeitschriften in die Hände. Er ist so fasziniert von dem Körperkult, dass er zu trainieren beginnt. 1951 muss er zum US-Militärdienst und ist ein Jahr in Schweinfurt stationiert. Dort lernt er beim Kunstspringen im Ernst-Sachs-Bad, der heutigen Kunsthalle, die Sportlehrerin Elly Böttcher kennen. Um bei der Liebe seines Lebens bleiben zu können, muss Gelbfarb in Deutschland für seinen Lebensunterhalt sorgen. Also eröffnet er 1956 das erste Bodybuilding-Studio Deutschlands, im Graben 26 in der Schweinfurter Innenstadt. Heute ist dort eine Bierkneipe zu finden.


Prominente Trainingsgäste

Schnell wird es zu eng, 1957 zieht der Bodybuilder in größere Studioräume in die Friedhofstraße 16 um. Die bekanntesten Trainingsgäste sind die Schweinfurter Olympiateilnehmer, die Eisschnellläufer Günter und Jürgen Traub. Gelbfarb erschließt sich mit dem "orthopädischen Turnen auf Krankenschein" eine zweite Einnahmequelle.

In der Friedhofstraße wird auch der erste deutsche Bodybuilding-Verband gegründet. Als Peter Steinmüller vor kurzem in Schweinfurt auf Einladung des "Historischen Vereins" einen Vortrag hält - "Von der Muckibude zum Fitnesstempel" - sitzen Gründungsmitglieder des Verbands aus Schweinfurt im Saal: Lorenz Breier etwa oder Karl-Heinz Rüd, der einst ein erfolgreicher Gewichtheber war. Als bekannten Sportler hatte Gelbfarb ihn zu Werbezwecken kostenlos trainieren lassen. Und Rüd machte sich als erfahrener Athlet einst lustig über die Jünglinge, die sich bei Gelbfarb für den Urlaub an Italiens Stränden stählten. "Adria-Muskeln haben wir das genannt", erinnert sich Karl-Heinz Rüd.

Auch Heinz Rösch gehört dazu. Der einstige Gelbfarb-Schüler überreicht Journalist Steinmüller am Vortragsabend einen von Gelbfarb erfundenen Gummi-Expander aus den 1950er Jahren. Die Gussform für den Expander hatte der Sennfelder Schwimmmeister Helmut Kager entworfen. Kager hatte noch vor der Gründung des ersten Studios mit Harry in der Wohnung von dessen späterer Frau Elly mit dem Hantelstemmen begonnen.

Da ist Wolfgang Hartmann, der einen Gutschein für ein kostenloses Probetraining präsentiert, ausgestellt für Gelbfarbs erstes Studio in der Friedhofstraße. Es meldet sich Nadja Nollau, die 1981 in Gelbfarbs Studio im Zentrum Marienbach trainierte. Nollau ist heute Autorin von Wellness-Ratgebern und Co-Autorin des von Christine Neubauer veröffentlichten Buches "Die Vollweib-Diät".


Rückkehr in die USA

1973 eröffnet Gelbfarb im Rückert-Center ein großzügiges Studio mit dem Namen Vital. Anfangs läuft es dort nicht so gut, dann aber immer besser. Anfang der 1980er eröffnet Gelbfarb deshalb eine "Wuchterbude" speziell für Bodybuilder. Dann das plötzliche Ende: Gelbfarb verkauft 1983 alles und kehrt in die USA zurück.

Aus religiösen Gründen, mutmaßt Steinmüller. Zu den Rosenkreuzern, Christen, die an die Wiedergeburt glauben, hatte Gelbfarb beim ersten US-Aufenthalt gefunden. Sein Glück aber findet er in den Staaten nicht. Alle Versuche, mit Trainingsmaschinen und einem Studio Geld zu verdienen, scheitern. 1991 kehrt der Bodybuilder-Vater nach Deutschland zurück, mit Elly verbringt er seinen Lebensabend in Zell bei Schweinfurt.

Bei einem Bodybuilding-Veteranen-Treffen 1996, zu dem er auch Arnold Schwarzenegger nach Oberhausen lädt, trifft Gelbfarb alte Freunde aus den Anfangstagen wieder. Dann erkrankt er an Krebs, muss gepflegt werden. Er stirbt am 27. Mai 2005, drei Jahre vor Elly. Seine leibliche Mutter Sabina, die Kontakt zu ihm aufgenommen hatte, wollte er nicht mehr sehen. Zu tief waren die Wunden.

Steinmüllers Fazit: Harry Gelbfarb hat mit seiner Verbandsgründung, der Organisation von Meisterschaften und seinem Werben für die Sportart die Infrastruktur geschaffen, die Bodybuilding in der Gesellschaft verankerte. Die These "Ohne Harry kein Arnie", ohne Gelbfarb kein Schwarzenegger, habe deshalb ihre Berechtigung. Gelbfarb sei Idealist gewesen, der geringe wirtschaftliche Erfolg des Bodybuilding-Vaters sei insofern kein Wunder. Wie die Zeitgenossen sagen: Heute gehe es in der Fitness-Branche nur noch ums Geschäft. Harry Gelbfarb aber "ging es um den Sport".


Von Hannes Helferich