K urz mal weggeschaut - schon ist das Kerlchen verschwunden. Wo ist es hin? Annette Nemeth grinst und deutet auf die Krone des großen Gummibaums am Terrassenfenster. Dort wackeln ein paar Blätter. Perfekt getarnt, turnt ein putziges, gelb-grün-schimmerndes, schuppiges Geschöpf daran herum. Es rollt die großen Augen in alle Richtungen, als wolle es sagen: "Ich seh' Dich auch, wenn Du mich nicht siehst."

Annette Nemeth kennt ihre Pappenheimer. Außer dem Jemen-Chamäleon (Chamaeleo calyptratus) namens "Zwerg" sind auch zwei Bartagamen (Pogona) und eine Kragenechse (Chlamydosaurus kingii) ihre Schützlinge. Die exotischen Tiere leben - wenn sie nicht gerade Freigang haben - in geräumigen Glas-Terrarien, die dem Wohnzimmer der Nemeths Urwald- und Wüstenatmosphäre verleihen - und das mitten in Gerolzhofen im Kreis Schweinfurt.

Dass Annette Nemeth "Reptilien-Mutter" geworden ist, verdankt sie einer Freundin - und ihrem eigenen Helfersyndrom. Die Freundin arbeitet im Zoofachhandel und erzählte Annette von einem Bartagamen-Bock, der seinen "eigenen Kopf" habe und schwer zu vermitteln sei. Das interessierte Annette. Sie kaufte das Tier und nahm es in einem nagelneuen Terrarium bei sich auf. Im Jahr 2006 war das. "Merlin", so hieß der Bock, "war erst mal kein angenehmer Hausgenosse". Doch man gewöhnte sich schnell aneinander.

Auch als "Merlin" starb, lebte Annettes Liebe zu Reptilien, insbesondere zu "Problemfällen", weiter. Mit Kreativität, Zement, Fliesenkleber und Bootslack bauten Annette und ein befreundeter Terraristiker zwei weitere große Terrarien. In einem davon wohnt seit drei Jahren "Schuhko". Der Name rührt daher, dass das Bartagamen-Männchen in einem Schuhkarton im Zoogeschäft abgegeben wurde. "Er hat überhaupt nichts gefressen. Noch heute muss ich ihn füttern, weil er von alleine keinen Bissen anrührt."

Ganz anders "Aggro Asyl". Auch er ist ein Bartagamen-Bock, ein ganz hübscher obendrein, allerdings ist sein Name Programm: "Er stammt aus einer überhaupt nicht artgerechten Haltung und musste in einem Karton sein Leben fristen. Kein Wunder, dass er zunächst ganz schön aggressiv war. Noch immer ist er ein echter Einzelgänger."

Doch bei Annette sind auch ganz liebe Tiere gelandet. Kragenechse "Tristan" zum Beispiel. Er teilt sich mit "Schuhko" ein Terrarium und die beiden harmonieren prima.

Morgens eine halbe Stunde, abends eine halbe Stunde: Annette nimmt sich die Zeit zum Füttern und Pflegen ihrer Tiere gern. "Das gehört für mich zum Alltag dazu, ich brauche diese Zeit auch für mich." Gleich nach dem Aufwachen schaut die kaufmännische Angestellte, ob Temperatur und Luftfeuchtigkeit in den Terrarien passen. Dann holt sie Futter: etwas Obst, selbst angebauten Salat für "Zwerg", Heuschrecken und Schaben für "Tristan", Salat, Vogelmiere, Löwenzahn, Klee und ab und zu auch lebende Insekten für "Aggro Asyl" und "Schuhko" - "aber nicht zu viel, sonst verfettet die Leber".

"Annette kennt sich wirklich gut aus", stellt Walter Bernt fest. Bernt hat vor vier Jahren die "Reptilienfreunde Gerolzhofen und Umgebung" ins Leben gerufen, eine lockere Gruppe von Reptilienfreunden - "keine Beiträge, keine Pflichten" -, die sich einmal pro Monat zum Erfahrungsaustausch trifft. "Die bis zu 15 Leute, die im Durchschnitt so kommen, nehmen für unsere gesellige Runde durchaus auch weite Anfahrtswege in Kauf." Sie haben Reptilien aller Art - mit Ausnahme von Gifttieren.

Walter Bernt, der sein Heim unter anderem mit Bartagamen-Bock "Oscar" teilt, war schon als Bub von Reptilien fasziniert. "Ich hatte als Kind eine Strumpfbandnatter. Die war toll. Später haben es mir dann die Fische angetan; ich hatte zum Beispiel afrikanische Buntbarsche", erzählt der 69-Jährige, der seit Jahrzehnten im Zierfischverein "Diskus" in Gerolzhofen aktiv ist. Dass er nun die Reptilien besonders im Blick hat, liegt unter anderem daran, dass es noch immer viele Missstände gibt, was die Haltung der exotischen Tiere angeht. "In den letzten Jahren habe ich zum Beispiel falsch gehaltene Wasseragamen, Tigersalamander und Riesenschlangen vermittelt - ihre früheren Besitzer konnten die Tiere einfach nicht artgerecht halten."

Artgerecht halten - das bedeutet, dass man sich nicht nur genaues Fachwissen über die verschiedenen Arten aneignet, sondern auch die Zeit und das Geld investiert, sein Wissen umzusetzen. "Terraristik ist kein billiges Hobby", weiß Annette Nemeth aus Erfahrung. "Viele, die sich ein Terrarium kaufen, haben die Folgekosten nicht im Blick. Denn mit ein bisschen Futter ist es nicht getan."

Um ein gutes Klima für die Reptilien zu schaffen, müsse es im Terrarium je nach Tierart zwischen 23 und 45 Grad Celsius (unter der Wärmelampe) warm sein - das kostet Strom. Ein Fühler signalisiert, ob Temperatur und Luftfeuchtigkeit passen. Wenn nicht - wenn etwa eine UV- oder Wärmelampe defekt ist- , müsse der Tierbesitzer schnell reagieren. "Deshalb ist die Terraristik auch nicht unbedingt ein Hobby für Leute, die ständig unterwegs sind", stellt Annette Nemeth klar.

Sie selbst hat, wie auch Walter Bernt, im Lauf der Jahre viel Geld in ihr Hobby investiert. Beide bereuen es nicht. "Reptilien zu beobachten, ist etwas ganz Besonderes und ganz Tolles", findet die 50-Jährige. "Mich fasziniert und erdet das." Bernt nickt. Auch er kann Stunden damit verbringen, die urzeitlich anmutenden Tiere einfach nur anzuschauen. "Sie sind überhaupt kein bisschen schleimig. Ihre Hornschuppen sind ganz trocken. Bei manchen Arten können sie sogar die Farbe verändern."

Als verstünde er jedes Wort, zeigt "Zwerg" am Ast des Gummibaums ein schwarz-weiß-gelb-grünes Körpermuster, das kein Designer besser ersinnen könnte. Walter Bernt schmunzelt. Er weiß, dass Chamäleons nicht besonders gut hören können. Dafür aber ist ihr Sehsinn viel feiner entwickelt als der des Menschen. Ein Chamäleon kann bis zu einen Kilometer weit sehen - und zwar ganz scharf sowie in alle Richtungen. "Zwergs" Augen haben einen Seh-Radius von 340 Grad.

Vom Gummibaum aus nimmt sein eines Auge jetzt Walter Bernt ins Visier. "Wow!", sagt der. "Dieser Blick... Das sind einfach tolle Tiere."


Info: Die Reptilienfreunde Gerolzhofen treffen sich jeden letzten Freitag im Monat ab 19 Uhr am Stammtisch des Gasthauses "Ach" am Kapellenberg in Gerolzhofen. Die nächste Zusammenkunft findet am 29. April statt. Alle Interessierten können gern unverbindlich vorbeikommen oder sich unter Telefon 0171/1471478 (Walter Bernt) weitere Informationen holen.