Wäre Adelheid Wendel-Schratz ein Kind unserer Tage, würde sie wahrscheinlich den Laptop aufklappen, ihre Digitalbilder überspielen und ein Fotobuch gestalten. Abgespeichert und weitergeleitet. Fertig ist das Geschenk zum 60. Geburtstag des Herzallerliebsten. Aber wir blenden uns in einen Biedermeiersalon, wo alles ein wenig langsamer geht, eine Frau am Stickrahmen sitzt und aus silbernen Fäden geduldig "Traumblumen" erschafft.

Sie will die Fakten im Leben ihres geliebten Grafen dokumentieren und verziert sie mit Engeln, geflügelten Pferden, goldenen Spinnen oder Schmetterlingen mit Edelsteinfühlern. Adelheid im Wunderland. "Millionen von Stichen hab ich wohl gemacht und innig bei jedem an Dich treu gedacht", wird sie später dazu schreiben. Jahrelang arbeitete sie an diesem außergewöhnlichen Erinnerungsstück, den legendären "Herzensschrein", der in 19 Bildern die Biografie von Friedrich Krafft von Crailsheim nacherzählt.

Hier ist die Zeit stehen geblieben

Es ist eine seltsame Welt, die wir beim Gang über die Zugbrücke des Wasserschlosses im mittelfränkischen Rügland (Kreis Ansbach) betreten. Der Hof liegt totenstill, und als Rudolf Tischer das Portal aufschließt, ist es in den hohen Räumen noch eisiger als draußen. Als wäre die Zeit stehen geblieben. Im Jagdzimmer starrt uns ein ausgestopfter Keiler mit Trachtenhut entgegen. Der große Saal, wo manchmal Konzerte stattfinden, ist verlassen. In der Bibliothek liegt ein aufgeschlagenes Buch, von den Wänden blicken die Ahnen streng auf uns herab. "Die Räume sind als Familienmuseum der Crailsheim gestaltet", erzählt Rudolf Tischer, der 1990 Bürgermeister wurde und mit dem seinerzeitigen Oberhaupt der Rüglander Adelslinie, Hanns Freiherr von Crailsheim, vereinbarte, acht Zimmer des Schlosses für Besucher zu öffnen. Schon damals diente das 1714 bis '17 errichtete Bauwerk nur noch als Sommerresidenz.

Inzwischen sind sieben Schlösser des Geschlechts in eine Stiftung überführt; die Familie des jungen Freiherrn Wolfgang von Crailsheim hat Wohnrecht und bezieht im Sommer manchmal den Seitenflügel. Wenn in einem der anderen Familiensitze ein Gemälde oder ein barockes Sofa weichen muss, kommt es nach Rügland ins Museum. Aber das Prunkstück ist der "Herzensschrein", der - solange er verschlossen ist - ziemlich unscheinbar an der Wand steht. Erst wenn Rudolf Tischer den Schlüssel ansetzt, gehen Betrachtern die Augen über. Sesam öffne dich: Da glitzert und leuchtet es wie in einer Schatzkammer aus Tausendundeiner Nacht.

Nicht standesgemäß

Dabei ist die Liebesgeschichte zwischen Adelheid und Friedrich alles andere als glanzvoll. Beide wuchsen in Ansbach auf: Sie wurde 1843 als Tochter eines Regierungsbeamten und einer kränkelnden Mutter geboren, er zwei Jahre früher als Spross einer weitläufigen Familie mit klingendem Namen. "So wie der junge Frühling, beglückt die Erde grüßt, so hast du deine Seele, als Kind mir eingeküsst", dichtet Adelheid. Dann wurde ihr Vater nach Erlangen versetzt, wo der junge Friedrich inzwischen studierte.

Was für ein Glück. Spätere Verse lassen darauf schließen, dass sie sich in der Hugenottenstadt getroffen haben und die Liebe richtig entflammte. Ziemlich zeitgleich kehrten beide nach Ansbach zurück, doch war es undenkbar, die nicht standesgemäße Verbindung zu legalisieren. Friedrich heiratete Luise Freiin von Lindenfels 1865 und ging nach München, Adelheid folgte 1870 ihrem Mann Wilhelm Schratz nach Regensburg. Crailsheim machte politische Karriere, war maßgeblich an der Absetzung von König Ludwig II. beteiligt, wurde Außenminister und 1890 als Vorsitzender des Ministerrates quasi Bayerischer Ministerpräsident (bis 1903). Seine Ehefrau Luise verstarb bereits kurz nach der Silberhochzeit 1891; die kinderlos gebliebene Adelheid wurde 1895 Witwe.

Wiedersehen am 55. Geburtstag

Ob sie ihren Friedrich in den Jahren dazwischen gesehen hatte, hält die mittelfränkische Trachtenbeauftragte Evelyn Gillmeister-Geisenhof, die Adelheids Leben und ihre Stickereien für ein Buch erforscht hat, für unwahrscheinlich. Aber an Crailsheims 55. Geburtstag 1896 gab es ein Zusammentreffen in Rügland. Adelheid verehrte dem Angebeteten ihren Gedichtband "Aus Herz und Welt" und hatte hier wohl die Idee für den "Herzensschrein", den sie Friedrich zum 60. Geburtstag am 15. März 1901 übergab. In 19 Bildern, ihrem "Lebenswerk", blickt sie auf die Biografie des Politikers: seine Ehe mit Luise und die Geburt einer Tochter, seine Reisen, seine Freude an der Musik, die Auszeichnung mit verschiedenen Orden, die Verleihung von Ehrenbürgerwürden. Die Kunstwerke sind in einen Schrank eingepasst und in einem Begleitbuch mit "poetischen Commentaren" versehen.

Adelheid Wendel-Schratz starb 1911 in Bad Aibling, Friedrich Krafft Graf von Crailsheim 1926 in München. Ob ihre Liebe nur Schwärmerei war oder jemals gelebt wurde, ist ein Geheimnis, das beide mit ins Grab genommen haben. Der "Herzensschrein" stand zunächst noch in München und wurde im Zweiten Weltkrieg nach Schloss Rügland ausgelagert, wo er sich heute noch befindet. Als Vermächtnis einer großen Liebe.


Besichtigung möglich

Das Schloss von Rügland kann besichtigt werden. Voranmeldung ist erforderlich bei der Gemeinde (Telefon 09828/244) oder bei Rudolf Tischer (Telefon 09828/291).