Nun war ein, durch Zufall entdecktes Buch der Wollenweber und Tuchmacher von Bischofsheim und Umgebung von 1764, das im Rhönmuseum Fladungen aufbewahrt wird, Anlass für ihn, sich noch einmal näher mit den Bischofsheimer Tuchmachmanufaktur zu beschäftigen. In einem Vortrag im Bischofsheimer Rentamt stellte er seine neuen Erkenntnisse der Bevölkerung vor.

1764 begann Tuchmachermeister Johannes Schöbner mit Eintragungen in einem Buch der Wollenweber und Tuchmacher von Bischofsheim und Umgebung, das bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts geführt wurde. Darin befinden sich Abschriften von Urkunden und Beschlüssen, die bis ins 16. Jahrhundert zurückreichen.

In dem altehrwürdigen Band findet sich beispielsweise eine Abschrift eines "Ratsprotokolls über die Walkmühle auf dem Wörth gelegen", die 1547 erbaut wurde. Eine Walkmühle ist eine seit dem Hochmittelalter eingesetzte Maschine zur Verarbeitung, Verdichtung und Veredelung von Geweben, die als Tuche bezeichnet wurden. Sie ersetzte das Walken mit den Füßen.

Die Arbeit der Tuchmacher lohnte sich ohne Zweifel, denn schon 1563 war die Errichtung einer zweiten Walkmühle an der Straße nach Unterweißenbrunn erforderlich. Auf einer Aufnahme der Bayerischen Vermessungsverwaltung, die in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstand, sind diese beiden Walkmühlen zwischen Unterweißenbrunn und Bischofsheim eingezeichnet.

1594 wurde zudem eine Färberei am Mühlwasser in Bischofsheim errichtet.

Jeder Tuchmacher in Bischofsheim besaß einen Anteil am Färberhaus im Wert von 15 Gulden, der jeweils an die nächste Generation vererbt wurde. Es war keiner ermächtigt, seinen Teil ohne Wissen der anderen Teilhaber zu verkaufen.

Das Elend der Stadt überdauert

Ungemach kam über die Tuchmacher und Bischofsheim durch den Dreißigjährigen Krieg 1618 - 1648. Anton Schumm mutmaßt 1875 in seinem Buch "Geschichte der Stadt Bischofsheim vor der Rhön" , dass Bischofsheim damals untergegangen wäre, wenn nicht die schon zuvor aufgekommene Tuchmanufaktur das Elend der Stadt überdauert und einigen Unterhalt gewährt hätte.

Nach dem Dreißigjährigen Krieg war der Wohlstand der Bischofsheimer vernichtet, doch sie ließen sich nicht unterkriegen, die Tuchmanufaktur wurde wieder aufgenommen. Die Meisterzahl stieg 1663 auf 88 und bis zum Jahre 1680 sogar auf 101. In jener Zeit mag der bekannte Vers entstanden sein, der die Vorzüge der einzelnen Rhönstädte preist und worin es zu Bischofsheim heißt: "Bischofsheim hat den Fleiß." Die Tuchmacher aus Bischofsheim und Umgebung waren in einer Zunft zusammen geschlossen. Nur ein Zunftmitglied durfte das betreffende Handwerk ausüben. Die Zünfte regelten die Ausbildung, überwachten die Ausübung des Handwerks und vertraten die Belange der Mitglieder nach außen. So in Weisbach und Oberelsbach habe es Tuchmacher gegeben, berichtete Albert. "Daran kann sich dort heute niemand mehr erinnern." Im 18. Jahrhundert sank die Anzahl der Tuchmacher in Bischofsheim und Umgebung. Bischofsheim verpasste den Fortschritt, Gerätschaften wurden nicht erneuert, die Verarbeitung nicht verfeinert, alles bleib beim Alten. Gespottet wurde über den "Böschemer Scharlach", oder "Böschemer Sammt", wie das das zu Bischofsheim verfertigte rote oder andersfarbige Tuch betitelt wurde.

Aber auch gesetzliche Vorgaben und Zollbestimmungen machten es dem Tuchmacherhandwerk schwer. Den Tuchmachern war bei Strafe verboten, ihre Ware außerhalb des fränkischen Landes zu verkaufen. Es wurden zwar Versuche einer wirtschaftlichen Belebung unternommen, um die Zustände der Rhön zu bessern. Ein vorübergehender Aufschwung war sogar zu vermelden als Fürstbischof Franz Ludwig von Erthal zur Herstellung seiner Kleidung Bischofsheimer Tuch verwenden ließ. Es kam zu einer erneuten Blütezeit, doch der Erfolg wärte nicht von langer Dauer.

Mit der Angliederung Frankens an Bayern 1814 hoffte man in Bischofsheim weiter auf die Belieferung des königlich-bayerischenen Militärs, eine Hoffnung die sich zerschlagen sollte. Die Absatzmärkte schrumpften, alle
Rettungs- und Neubelebungsversuche scheiterten. Auch das Handelsministerium lehnte jegliche Unterstützung ab und gab den Bischofsheimer Tuchmachern die Schuld, die ein Anpassung an die modernen Verhältnisse verpassten.

Zeitzeuge Anton Schumm schilderte die folgende Entwicklung: "Das lebhafte Treiben und Schaffen hörte auf, ein Webstuhl nach dem andern verstummte, in den Wohnungen, in welchen ehedem Munterkeit und Frohsinn herrschte, zog Wehklagen und Schluchzen ein. Familien, die in behaglichem Wohlstand gelebt hatten, sahen dem Hunger in das unheimliche Antlitz und trugen die Doppellast verschämter Armut. Männer, die noch wenige Jahre zuvor auf den Messen Mitteldeutschlands gute Geschäfte gemacht hatten, zogen nun in stillem Gram mit der Holzaxt zum Walde, um sich einen Taglohn zu verdienen. Andere suchten auswärts ihr Brot, wieder andere erwarteten von der Auswanderung nach Amerika eine günstige Wendung ihres Schicksals. Die Handwerksgeräte, denen einst so viele Unterhalt und Zufriedenheit verdankt hatten, wanderten zuletzt in die Öfen. Auch die sämtlichen andern Geschäfte, die eng mit der Tuchmacherei verbunden waren, mussten eines nach dem andern unabwendbar zu Grunde gehen."