Alle Jahre wieder taucht sie auf, die Frage nach der rechten Form des Hallenfußballs. Klassisch, mit Bande und großen Toren? Oder doch lieber Futsal, mit kleinem Ball, kleinen Toren und einem komplexen Regelwerk? Gefühlt hat sich die südamerikanische, den versierteren Umgang mit dem Ball fördernde Spielart in der Region noch nicht wirklich durchsetzen können. Der Bayerische Fußball-Verband (BFV) sieht es anders, spricht im Person seines Präsidenten Rainer Koch von einem Siegeszug im Freistaat. Die Folge ist eine kontroverse Diskussion in den sozialen Medien.

"Die Zahlen sprechen für sich. Futsal wird bei den bayerischen Vereinen immer beliebter, auch wenn es die Gegner nicht wahrhaben wollen." In seinem Facebook-Post vom 14. Dezember gibt sich Koch forsch. Er führt bayernweit 230 Junioren-Mannschaften ins Feld, die am winterlichen Futsal-Ligenbetrieb teilnehmen. Vor drei Jahren seien es nur 16 gewesen. Koch gibt sich zuversichtlich, die Diskussion in naher Zukunft nicht mehr führen zu müssen. Als Aushängeschilder nennt er den FC Deisenhofen und den FC Ludwigvorstadt. Und im Aktivenbereich habe der SSV Jahn Regensburg die Ambition, 2021 Gründungsmitglied der Futsal-Bundesliga zu werden.

Nord-Süd-Gefälle

Zwei oberbayerische Klubs, einer aus der Oberpfalz - genau da liegt die Krux. Das setzt sich fort in der Teilnahme am Ligenbetrieb. Sechs von sieben bayerischen Regierungsbezirke waren schon einmal mindestens in der Bayernliga vertreten. Es fehlt: Unterfranken. Das räumt auch Koch ein, verbunden mit der Hoffnung, dass dies nur eine Frage der Zeit sei. Sein Vize und gleichzeitig unterfränkischer Bezirksvorsitzender, Jürgen Pfau, sagt auch: "Hallenturniere werden insgesamt weniger. Der Ligenbetrieb in Bayern aber nimmt zu. Nur eben verstärkt im Süden."

Einer, der es versucht hat in Unterfranken, ist der aus Ebelsbach (Lkr. Haßfurt) stammende Schweinfurter Spielgruppenleiter Gerald Makowski. Bis vorletzte Saison war er zuständig für die Futsal-Bezirksliga. Bis zu sechs Mannschaften haben um den Titel gespielt. Dann hat er aus Zeitgründen sein Amt abgegeben. Aktuell gibt es die Liga nicht mehr. Makowski sagt, dass ein solcher Spielbetrieb nur mit außergewöhnlichem Aufwand zu realisieren sei, denn: "Im Süden gibt es alle fünf Kilometer eine Dreifach-Turnhalle, in Unterfranken indes eine enorme Problematik bei den Hallenzeiten.""Die Mannschaften, die mitgemacht haben, waren begeistert", ist Makowski durchaus Futsal-Anhänger. "Auch wenn das spektakuläre Element fehlt, für die Nachwuchsförderung ist das technischere Spiel förderlich." Generell sieht er in Deutschland großen Nachholbedarf, man habe zu spät auf den nach Europa schwappenden Futsal-Hype reagiert.

Zumindest in Unterfranken sind somit zwei Dinge zusammengekommen: Der Zweifel am Neuen, am Unbekannten, und das allgemein messbare, nachlassende Interesse am Hallenfußball. Selbst die Würzburger Stadtmeisterschaft, einst mit bis zu 2000 Zuschauern beliebtester "Budenzauber" in der Region hat gut und gerne 40 Prozent Fans verloren und startet 2020 nach einem Jahr Pause mit neuem Konzept. In Schweinfurt fand die letzte, stets am zweiten Weihnachtsfeiertag ausgetragene, Hallen-Stadtmeisterschaft 2017 statt - vor nahezu leeren Rängen. "Wir müssen uns weg orientieren vom klassischen Turnier-Event", meint Pfau. "Es finden eben immer weniger Menschen toll, den ganzen Tag in einer Halle herumzusitzen."

Der Frankenwinheimer sieht die Zukunft in der Futsal-Liga und in kurzen, knackigen Turnieren. Ohne Bande. "Eine Rückkehr auf Verbandsebene zur Bande wird es definitiv nicht geben. Da geht es zu sehr um Kraft und Bolzen. Wir stehen für die Spielform, die der Entwicklung von Spielern zuträglicher ist, und das ist der Futsal. Man sehe nur die Weltfußballer der letzten Jahre. Messi und Ronaldo haben ihre Wurzeln im Futsal."

Adrian Gahn sieht den Konflikt aus der Sicht des Fußballers und Trainers. Als Kicker wurde er vom Hallen-Fetischisten Ernst Gehling seinerzeit bei der FT Schweinfurt mit dem Hallen-Virus infiziert, als FTS-Coach lebt er das weiter - und sieht Vorzüge wie Nachteile in beiden Spielformen. Nur bei einem lässt er keine Diskussionen aufkommen: "Wir brauchen das größere Tor. Nur das garantiert bis in die Schlusssekunden diese fantastische Dramaturgie des Hallenfußballs." Kein Zuschauer, kein Spieler und auch kein Trainer sei beim Kick unterm Dach zu begeistern von taktischen 0:0-Spielen.

Mehr Spielkontrolle

Für Futsal, so Gahn, spräche der platte Ball, der mehr Technik im Umgang mit diesem verlange und mehr Spielkontrolle ermögliche. Auch stehe diese Spielform für ein geringeres Verletzungsrisiko. Nur passe dazu nicht, dass der Verband seit dieser Saison als Zugeständnis an den klassischen Hallenfußball das Grätschen wieder erlaubt. "Genau das ist ja nicht das Thema der ablehnenden Haltung vieler Fußballer gegenüber Futsal." Neben den kleinen Handballtoren macht Gahn für den Rückgang der teilnehmenden Mannschaften und Zuschauer bei den offiziellen Vorturnieren zur Kreismeisterschaft insbesondere das Regel-Wirrwarr verantwortlich. "Gerade in den Anfangsjahren sorgte das immer wieder für ein Chaos." Viele Trainer und Spieler würden die Regeln um Teamfouls und verschiedene Freistoß-Varianten schon nicht exakt kennen, dann erst die Fans: "Wenn man von etwas keine Ahnung hat, will man es auch nicht sehen. Das ist vergleichbar mit American Football in Deutschland. Wenn der Verband Futsal forcieren will, dann soll er dafür sorgen, dass bei den Turnieren ein Sachkundiger da ist, der ständig kommentiert."

Mehr Flair beim Klassiker

Solange die von ihm monierten Umstände sich nicht ändern würden, bleibt Gahn mit seiner FTS zwar auch dem Futsal gewogen, ziehe aber eindeutig spektakuläre Banden-Turniere wie die abendliche Bad Neustadter Hallen-Gala, das Silvesterturnier in Rimpar oder den Bergtheimer EEV-Cup vor. "Kurze Turniere am Abend, viele Tore, das ist eben ein besonderes Flair. Und da kommen auch viele Zuschauer."

Die wurden in den vergangenen Jahren insbesondere bei den Qualifikationsturnieren, aber auch bei einigen Kreis- und Bezirksmeisterschaften weniger. Wie die Mannschaften. Jüngstes Beispiel ist der Fußballkreis Würzburg. Gerade drei Vorturniere werden rund um den Jahreswechsel gespielt. Es waren einmal sechs. Die Nachfrage nach organisiertem Hallenfußball ist in Unterfranken geringer geworden. Im Raum Main-Spessart gibt es in diesem Winter erstmals kein Vorturnier. In den vergangenen Jahren hatte diese Veranstaltung stets der SV Altfeld in Marktheidenfeld ausgerichtet. "Es will eben keiner Futsal spielen", so SVA-Sportleiter Helmut Freudenberger. Nur vier Main-Spessart-Klubs haben überhaupt für die Qualifikation gemeldet.Michael Bauer