Von den meisten Gesetzesänderungen, die das Volksbegehren Artenvielfalt erreichen will, sind Landwirte direkt betroffen. Kein Wunder, dass die heftigste Kritik von Landwirten kommt. Genauer: vom Bayerischen Bauernverband. Andere Bauern wiederum unterstützen das Volksbegehren. Vor allem Biolandwirte - aber selbst die diskutieren heftig und sind gespalten. Eberhard Räder führt seit 20 Jahren in Bastheim einen ökologischen Betrieb und ist ehrenamtlicher Sprecher der ARGE Biobauern Rhön-Grabfeld, der Arbeitsgemeinschaft aller Biobauern im Landkreis. Der 53-jährige Agrartechniker, der dem Präsidium des Anbauverbandes Naturland angehört, beklagt, das inzwischen auch viele Biobauern "durch falsche Darstellungen verunsichert" seien. In der öffentlichen Debatte werde der Eindruck vermittelt, das Volksbegehren gehe gegen die Bauern. Falsch, findet Räder.

Frage: Viele Landwirte haben das Gefühl, der Sündenbock zu sein für das Artensterben - obwohl sie am meisten in und für die Natur tun. Was stimmt? Wie "schuld" ist die Landwirtschaft?

Eberhard Räder: Es geht nicht darum, wer schuld ist. Das Volksbegehren richtet sich auch nicht gegen die Landwirtschaft, im Gegenteil. Es geht darum, etwas für die Artenvielfalt zu erreichen - und zwar gemeinsam. Ohne die Landwirtschaft, die fast 47 Prozent der Landesfläche ausmacht, kann das nicht gelingen.

Was regt Sie in der Debatte am meisten auf?

Schon fast reflexartig kommt vom Bauernverband bei Forderungen nach Veränderungen in der Landwirtschaft ein Dagegen. Man münzt die Kritik am System Landwirtschaft um in Kritik an den Bäuerinnen und Bauern, schürt dazu noch Ängste und verunsichert so die Bauern noch mehr.

Der größte Widerstand gegen das Volksbegehren kommt eben vom Bauernverband. Haben Sie selbst keine Angst vor Zwangsregulierung? Vor Gängelung? Zwangsenteignung?

Niemand soll enteignet werden. Das ist Panikmache. Jede Veränderung bringt eine gewisse Unsicherheit mit sich. Aber worum geht es denn? Die Aussagen der Fachleute sind doch eindeutig. Wir haben laut Forschern einen Rückgang der Insekten um 75 Prozent und bei Vögeln um 50 Prozent. In Bayern! Der Rückgang der Artenvielfalt ist ein ähnlich drängendes Problem wie der Klimawandel. Die Insekten sind systemrelevant. Diese Tatsachen machen mir Angst um die Zukunft unserer Kinder. Sätze wie: "Ich habe nichts gegen Artenvielfalt, aber . . ." machen mich dann fassungslos.

Bei weitem nicht alle Biolandwirte unterstützen das Volksbegehren: Wie gespalten sind die Ökobauern? Wie viel wird gestritten?

Viele Biobauern sind durch die massive Kampagne des Bauernverbandes verunsichert. Da werden handwerkliche Fehler, die der Gesetzentwurf im Moment sicher noch hat, aufgeblasen zu riesigen Bedrohungsszenarien. Wenn auf solche Weise gezielt Existenzängste geschürt werden, bleibt das natürlich nicht ohne Wirkung. Was ich dagegen vermisse, ist eine konstruktive Diskussion.

Der Bauernverband sagt: Ökolandbau soll freiwillig sein. Was spricht gegen Freiwilligkeit?

Niemand will Betriebe zwangsumstellen: die Initiatoren des Volksbegehrens nicht und die Öko-Verbände schon gar nicht. Aber immer engere Fruchtfolgen und der großflächige Einsatz von chemisch-synthetischen Pestiziden und Herbiziden sind nun einmal wesentliche Faktoren, die sich negativ auf die Artenvielfalt auswirken. Mehr Öko-Landbau ist deshalb ein wichtiger Beitrag zur Lösung des Problems. Das sieht im Übrigen auch die Staatsregierung so, die den Anteil der Öko-Flächen in Bayern von derzeit zehn Prozent mittelfristig verdoppeln will. Das sieht die Initiative "Bio-Regio 2020" vor und dieses Ziel haben CSU und Freie Wähler in ihrem Koalitionsvertrag noch einmal bekräftigt. Im Volksbegehren heißt es nun: 25 Prozent Öko bis 2025. Ich sehe nicht, warum das Ängste vor einer Zwangsumstellung heraufbeschwören sollte.

Zehn Prozent Blühwiesen: Was bedeuten die gesetzlich vorgeschriebenen Mähzeiten für Bauern?

Bayernweit einheitlich festgelegte Mähzeiten sind sicher wenig sinnvoll. An solchen Punkten muss noch nachgebessert werden. Stattdessen wird alles in Bausch und Bogen abgelehnt. Wir müssen aber auch mal darüber reden, welches Ziel damit verfolgt wird: zum Beispiel der Schutz von Bodenbrütern. Dann können wir darüber reden, wie das im Einzelnen mit den Erfordernissen der Landwirtschaft in Einklang gebracht werden kann.

Über den angestrebten Öko-Anteil von 30 Prozent sind auch viele Biolandwirte nicht begeistert. Ihre Sorge: Es wird zu viel Bio produziert, das dann keiner kauft. Wird der Markt überschwemmt?

Das ist eine Zielvorgabe, die die Politik leiten soll. Es ist keine gesetzlich verankerte Mindestmarke, die auf Gedeih und Verderb erreicht werden muss - und sei es am Markt vorbei. Der Öko-Landbau in Bayern hat sich bisher gut mit dem Markt entwickelt und wird dies auch weiter tun. Aber die Politik ist dann eben gefordert, noch mehr für die positive Entwicklung des Öko-Markts zu tun. Auch indem es zum Beispiel in staatlichen Einrichtungen künftig Ökoverpflegung gäbe. Das wäre mal ein klares Signal. Übrigens sind diese 30 Prozent erst bis 2030 angestrebt.

Verträgt der Markt 30 Prozent Bioprodukte? Sind so viele Verbraucher bereit, mehr zu bezahlen?

Das wird sich zeigen. Da der Öko-Markt aber seit langem das einzige Segment im Lebensmittelmarkt mit stabil hohen Wachstumsraten ist, habe ich da wenig Sorgen.

Geht die Tendenz nicht auch bei Biobetrieben hin zu größeren Betrieben, bei denen es nur noch um Wirtschaftlichkeit geht? Droht kleinen Höfen nicht das Aus durch sinkende Preise für Bio?

Es gibt auch im Ökolandbau kleine und große Betriebe. Die Vielfalt ist sehr groß, unsere gemeinsame Basis sind die Regeln des ökologischen Landbaus also Verzicht auf Pestizide und mineralische Dünger und eine artgerechte an die Fläche angepasste Tierhaltung.

Was ist für Sie als Landwirt der wichtigste Punkt im Gesetzentwurf?

Das wichtigste? Es geht eben gerade nicht um einzelne Punkte, sondern um das Gesamtpaket. Und wie das am Ende im Detail aussehen wird, steht ja noch gar nicht fest.

Wie und wo schaden Landwirtschaft der Umwelt derzeit am meisten?

Durch den Einsatz von Pestiziden und hier vor allem die Neonikotinoide, also Insektizide, die direkt Insekten schädigen.

Haben Sie keine Angst, dass die bisherigen Förderungen unterlaufen werden? Laut Bauernverband gäbe es im neuen Naturschutzgesetz keine staatliche Förderung für Vertragslandwirtschaft mehr.

Die Verantwortlichen des Volksbegehrens wollen am allerwenigsten, dass bisherige Aktivitäten der Landwirte nicht mehr gefördert werden, ganz im Gegenteil. Sie wollen natürlich, dass zusätzliche Aktivitäten auch so gefördert werden, dass dem Landwirt keine Nachteile entstehen. Zu Förderfragen durfte im Volksbegehren aber aus formalen Gründen nichts stehen, weil das in die Haushaltshoheit des Parlaments eingegriffen hätte und das Begehren damit nicht zulässig gewesen wäre.

Die Kritiker sagen, dass auch jeder Grundstückbesitzer verpflichtet werden müsste, Blühflächen anzulegen und auf Steingärten und das wöchentliche Rasenmähen zu verzichten. Was wünschen Sie sich für den Artenschutz?

Ja, jeder muss und kann etwas für den Artenschutz tun. Wir kommen aber nicht weiter, wenn jeder sagt, es seien erst einmal die Anderen dran. Dann gehen wir gemeinsam unter.

Das Gespräch führte

Alice Natter