Samstag, 10.15 Uhr, Berufsfachschule für Musik. Skeptisch betritt Wilhelm Bauer den großen Saal. Seine Klarinette hat der 69-Jährige mal mitgenommen. Man weiß ja nie. In wenigen Minuten beginnt der nächste Probentag der Nordbayerischen Brass Band. Notenpulte stehen herum, einige der Musiker packen ihre Instrumente aus. Die hereinfallende Sonne lässt versilbertes Metall und Messing glänzen.

Bauer weiß, dass er seinesgleichen hier vergeblich sucht. In einer Brass Band gibt es keine Klarinettisten. Die in der Tradition englischer Bergarbeiter-Kapellen spielende Formation verzichtet gänzlich auf die gebräuchlichen Holzblasinstrumente des Blasorchesters. Keine Flöten, und schon gar keine Saxophone.

"Das ist einfach eine andere klangliche Welt", sagt ein junger Mann mit Brille und schwarzem Jackett. Es ist Mathias Wehr, der Dirigent. Mit seinen 28 Jahren verkörpert er eine Generation im Nordbayerischen Musikbund (NBMB), die den gewachsenen Ausbildungsstand der Laienbewegung zeigt. Auswahlorchester, Projektphasen, Bläserjugend, symphonische Blasmusik: Der Verband legt Wert auf Aus- und Fortbildung - und auf Vielfalt. Weit mehr als die Hälfte der Bläser und Schlagzeuger in Oberfranken, Unterfranken, Mittelfranken und der Oberpfalz, die vom NBMB vertreten werden, sind jünger als Dirigent Wehr.

Vorläufer war der "Fränkische Musikbund"


Zu Anfang war das noch ganz anders. Als 1952 in einem Gasthaus nahe Bamberg der "Fränkische Musikbund" als Vorläufer des jetzigen Verbands entstand, waren es zunächst ältere Herren - oft ehemalige Militärmusiker - die in den angeschlossenen Blaskapellen ein Blasinstrument spielten. Ihr höchstes Ziel laut Satzung: "die Erhaltung, Förderung und Weitergabe des edlen deutschen Volksmusikgutes".

Es war die Zeit, als beim kleinen Wilhelm Bauer zuhause in Memmelsdorf (Landkreis Bamberg) eines Tages zwei Männer aus dem Ort auftauchten und ihm (in Absprache mit seiner Mutter) eine Klarinette in die Hand drückten. Einige Tage später ging es für ihn und zwei weitere Buben mit Unterricht los. "Wir spielten Tonleitern, in Dur und Moll. Warum das Ganze, hat man uns nicht erzählt", erzählt Bauer. "Theorie war nicht viel. Dafür haben wir nach kurzer Zeit schon in einer Kapelle zusammengespielt." Bauers erstes Orchesterstück - ein Marsch: "Lausitzer-Marschalbum Nr. 25". Den Namen hat er vergessen.

In Bad Königshofen begrüßt Dirigent Wehr vom Pult aus seine Musiker. Schlagzeuger sind nicht darunter. "Die vier kommen erst zur Gesamtprobe am Nachmittag", berichtet er. Vormittags wollen die Bläser der Brass Band zunächst in Registern proben, also jede Instrumentengruppe für sich. Noch sind nicht alle Brass-Band-Mitglieder eingetroffen. Doch Wehr nimmt es gelassen. "Die Anreise ist für einige schon sehr lange", meint er nur. Morgen werden sich die Musiker erneut zum Proben treffen, diesmal in Stein bei Nürnberg. Wer in einem NBMB-Auswahlorchester spielt, muss lange Wegstrecken in Kauf nehmen.

Hoher Frauenanteil im Verband


Der große Saal wird allmählich leerer. Die einzelnen Instrumentengruppen wechseln mit ihren Instrumenten in andere Klassenzimmer. Zurück bleiben die Tubisten. Drei Männer und eine Frau. Eine Frau und Tuba? Bauer ist beeindruckt. "Frauen hatten wir in den 50er Jahren gar nicht in der Kapelle. Es war ein reiner Männerhaufen", berichtet er. Zehn, zwanzig Jahre später begannen dann auch Mädchen sich stärker für Blasmusik zu interessieren. In der Regel wählten sie ein Holzblasinstrument, gelegentlich auch mal die Trompete.

Heute ist es nicht mehr ungewöhnlich, dass Frauen auch zu Posaune oder Tuba greifen. Überhaupt ist das Geschlechterverhältnis im Nordbayerischen Musikbund gerade dabei, sich stark zu verschieben. Laut aktueller Statistik des Verbands sind bei den über 27-Jährigen zwar die meisten männlich. Aber bei den jüngeren Jahrgängen überwiegt schon jetzt der Frauenanteil - auch im mitgliederstärksten Bezirk Unterfranken.

Aus Unterfranken, genauer aus dem Raum Aschaffenburg, stammt einer der vier Tubisten. Die anderen sind aus Regensburg angereist. "Where Eagles Sing" von Paul Lovatt Cooper liegt auf ihren Notenpulten. Sie üben Takte mit schnellen Achteln im Wechsel. Es klingt weich und irgendwie geheimnisvoll. Während sie innehalten und sich besprechen, ertönt plötzlich leise, aber doch vernehmbar ein breiter Orchesterklang.


Gemeinschaftskonzert in der Konzerthalle Bamberg



Über dem großen Probenraum befindet sich der sogenannte Orgelsaal. Dort probt zeitgleich Bundesdirigent Ernst Oestreicher mit dem Nordbayerischen Jugendblasorchester - ebenfalls ein Auswahlorchester des Verbands. Jugendblasorchester und Brass Band haben an diesem Tag ein gemeinsames Ziel: den Abend des 27. Oktober. Dann werden sie anlässlich des 60-jährigen Verbandsbestehens ein Gemeinschaftskonzert geben, in der Konzerthalle Bamberg, an dem Ort, wo die Bamberger Symphoniker ihre Bühne haben. Bis dahin liegen noch einige Stunden Probenarbeit, vor allem vor der Nordbayerischen Brass Band. Es ist schließlich der erste Konzertauftritt überhaupt für die im Juli gegründete Formation.

Wilhelm Bauer kann es da mittlerweile gelassener angehen. Nach sechs Jahrzehnten und dem Start in der Jugendblaskapelle Memmelsdorf liegen Wertungsspiele, Konzerte und vor allem unzählige Bierzelt- und Unterhaltungsauftritte mit unterschiedlichen Kapellen hinter ihm. Der Elektrotechniker im Ruhestand dirigiert heute einen Chor. Die Klarinette bläst er auch noch, bei Auftritten der Bad Staffelsteiner Blasmusik.

Während Bauer die Tuben verlässt und sich auf die Suche nach den Proberäumen der anderen Registern macht, kramt er seinen alten NBMB-Mitgliederausweis hervor. So etwas stellt der Verband heute nicht mehr aus. Überhaupt haben sich die Zeiten geändert. Gab es früher eine ehrenamtlich geführte Geschäftsstelle, so besitzt der Verband mit Andreas Kleinhenz inzwischen einen hauptamtlichen Geschäftsführer.


Nur 15 Brass Bands deutschlandweit



Diesen trifft Bauer im Proberaum der Althörner. Kleinhenz spielt in der Brass Band mit. Sein Instrument: ein: Flügelhorn. "Das Flügelhorn ist die Verbindung zwischen Cornet und Althorn.", erklärt Dirigent Mathias Wehr, der die Registerprobe leitet." Cornet, Althorn - Instrumente, die im Blasorchester nicht zu finden sind. "Wir spielen Originalliteratur aus England", sagt Kleinhenz. Deshalb lege er Wert auf die stimmige Besetzung. Weichere Cornets statt Trompeten zum Beispiel. Und aus mehr als 34 Musikern sollte eine Brass Band nicht bestehen.

Etwa 15 solcher Formationen gibt es derzeit in Deutschland, schätzt Wehr. Tendenz steigend. Der 28-jährige Berufsmusiker dirigiert vier Blasorchester. Doch derzeit reizt ihn die neu formierte Brass Band am meisten. "Der Klang ist unheimlich weich und sonor. Ich habe in der Tiefe viel mehr Möglichkeiten als im Blasorchester." Konkurrenz für die Orchester des Verbands sieht er nicht. "Die Brass Band ist lediglich etwas für Bläser, die mal etwas anderes ausprobieren möchten."

Auch Bauer würde gerne etwas ausprobieren, seine Klarinette aus dem Koffer holen. Anders als beim Nordbayerischen Jugendblasorchester hat die Brass Band keine Altersbeschränkung. Vom 14-jährigen Mädel bis zum 52-jährigen Bläser machen alle mit. Voraussetzung, sie spielen ein Blechinstrument. Das ist Bauers Handicap.

Doch wenig später kommt seine Klarinette doch noch zum Einsatz. Die zehn Cornet-Bläser in Saal 002 lassen Bauer - wenigstens kurz - mitproben. Schließlich übernehmen sie in der Brass Band unter anderem das, was im Blasorchester sonst die Klarinetten spielen. Bleibt am Ende noch zu klären, was der Dirigent der Nordbayerischen Brass Band für ein Instrument spielt. Man glaubt es kaum: Der aus Schwabach stammende Musiker ist studierter Klarinettist. Womit die Ehre sämtlicher Holzbläser aus Franken und der Oberpfalz gerettet sein dürfte.


Das Jubiläumsprogramm des Nordbayerischen Musikbundes für den 27. / 28. Oktober in Bamberg

Samstag, 27. Oktober

8 - 19 Uhr Internationaler CISM-Wettbewerb für Orchester der Mittel-, Ober- und Höchststufe (Konzerthalle)

9 - 12 Uhr Internationaler Wettbewerb für Blaskapellen
in böhmisch-mährischer Stilrichtung (Konzh, Hegelsaal)

17 Uhr Festakt, anschließend Empfang

19.30 - 21.30 Uhr Galakonzert mit Preisverleihung: Nordbayerisches Spielleuteorchester, Nordbayerische Brass Band, Nordbayerisches Jugendblasorchester

22 - 2 Uhr Partynacht im Foyer der Konzerthalle mit dem Blue Train Orchestra aus Bamberg und dem Savoy Ballroom Orchestra aus Bütthard

Sonntag, 28. Oktober

8.45 Uhr Festgottesdienst im Bamberger Dom mit Weihbischof Werner Radspieler und dem Kreisorchester Bamberg

11 - 12 Uhr Live-Sendung BR "Bayern 1 - Blasmusik" aus dem Joseph-Keilberth-Saal mit Stephan Ametsbichler, der Mühlendorfer Blasmusik sowie der Nordbayerischen Brass Band

13 - 17 Uhr "Musik, Spiel, Spaß und mehr", u. a. mit Pierre Ruby und Herzensdame Amanda,
Spaß und Spiel für Kinder, Instrumenten-Probierecke, wim - wir musizieren, Saxofourte, HerzensBLECHer
Bezirksorchester Unterfranken, Seniorenblasorchester Unterfranken, Oberpfälzer Blechapostel, Blaskapelle der Lebenshilfe Augsfeld-Haßfurt, Bläserklassen, Erwachsenenbläserklasse Obereschenbach Jugendorchester Obereschenbach, Körnier Ruckser, Symphonisches Jugendblasorchester Küps

17 - 18 Uhr Abschlusskonzert Kreisorchester Bamberg