Der Beginn der Sommerferien bot den ehrenamtlichen Deutschlehrern für die Flüchtlinge in der oberen Rhön den Anlass, Bilanz zu ziehen: Was wurde erreicht? Was bleibt noch zu tun? Wo drückt der Schuh?

Hans Rott, der "dienstälteste" Lehrer, ist begeistert von der Lernmotivation der meisten seiner "Schützlinge". Egal, ob sie zu Fuß kommen müssen oder mit dem Fahrrad oder mit dem Bus transportiert werden, die meisten Asylbewerber nehmen regelmäßig am Unterricht teil, der für sie freiwillig ist, solange sie noch nicht anerkannt sind.
Die Lernerfolge schätzen alle Lehrer als sehr gut und gut ein. Einige der Flüchtlinge seien durch die Erlebnisse während der Flucht und wegen der fortdauernden Trennung von ihrer Familie traumatisiert. Sie haben oft Lernschwierigkeiten und machen nur geringe Fortschritte. Aber auch in diesem Punkt gelte für den größten Teil, dass die Lernbereitschaft für die deutsche Sprache außergewöhnlich groß sei, auch in der Freizeit.
Einige Teilnehmer machen schnell große Fortschritte. Mit ihnen können schon problemlos kleine Gespräche über Alltagsdinge geführt werden; und sogar als Dolmetscher für die weniger Sprachfertigen können sie in Alltagssituationen schon helfen. Die Lehrer schätzen das auch deshalb hoch ein, weil ihre "Schüler" nur in wenigen Fällen aus dem Heimatland eine Schulbildung mitbringen, die den hiesigen Standards entspricht. Einige sind überhaupt nie zur Schule gegangen.
Lothar Lindner aus Bischofsheim unterrichtet seit Oktober. Er freut sich über die vielen lobenden Rückmeldungen seiner Teilnehmer und über jeden Fortschritt im Sprechvermögen, den er wahrnimmt. Interessiert sind seine Zuhörer bei der Sache, wenn er nicht nur das Sprechen mit ihnen übt, sondern auch Informationen zum Alltag in Deutschland und zu wichtigen Rechtsthemen vermittelt. Lindner ist Jurist und weiß, mit welchen Klippen die Flüchtlinge hier im Alltag noch zu kämpfen haben werden.
Ganz anderen Grund zur Freude haben Grete Zirngibl aus Sondernau und Elisabeth Hauck aus Nordheim. Seit Anfang des Jahres unterrichten sie mit viel Erfolg die Analphabeten, die Anfang dieses Jahres in immer größerer Zahl gekommen sind. Eifrig lernen die syrischen und afghanischen Asylbewerber in Nordheim und Weisbach das lateinische Alphabet schreiben und lesen. Einige in den beiden Klassen haben auch in der Heimat keinerlei Schulbildung genossen. Oft müssen kleine Übungen gemacht werden, um die Beweglichkeit der Hände und Finger für das Schreiben der ersten Buchstaben herzustellen. Am Anfang werden viele Buchstaben noch einfach abgemalt. Doch nach einigen Wochen werden dann den Buchstaben die Laute zugeordnet und die ersten kleinen Wörter können gelesen und dann auch geschrieben werden. Es ist ein Riesenschritt, wenn die Lehrerin die Wörter nicht mehr an die Tafel schreiben muss, sondern diktieren kann.
"Welche Leistung Schüler erbringen wird deutlich, wenn wir uns vorstellen, wir müssten in wenigen Wochen Arabisch oder Dari (die hauptsächlich in Afghanistan gesprochene und geschriebene Sprache) lesen und schreiben lernen, und das, ohne dass wir Deutsch lesen und schreiben können", sagte Hans Rott.



Wenige Ärzte und Ingenieure

Es hieß anfangs, dass viele Ärzte und Ingenieure aus Syrien nach Deutschland kommen werden. Die Deutschlehrer in der Rhön können dies so nicht bestätigen, auch wenn zwei Ärztinnen, ein Rechtsanwalt und wohl auch ein Ingenieur kurzzeitig in den Deutschklassen gelernt haben. Die meisten Flüchtlinge in der oberen Rhön haben in einfachen Berufen im Handwerk, in der Landwirtschaft oder im Dienstleistungsbereich gearbeitet. Trotzdem sei es gelungen, einige in Arbeitsstellen zu vermitteln. Darauf ist Hans Rott mit Recht besonders stolz. Vielen hat er durch sein Engagement den Weg wenigstens in einen Minijob oder an einen Vollzeitarbeitsplatz geebnet. Die überwiegende Mehrheit der Asylbewerber will in Deutschland arbeiten. "Immer wieder hören wir, dass die Männer und Frauen, die sie unterrichten, ihre Kinder aus eigener Kraft versorgen wollen, ohne ihren Gastgebern auf der Tasche zu liegen", so Rott. Haupthindernisse seien aber nicht nur die fehlende Anerkennung als Asylanten, sondern auch in vielen Fällen die nicht ausreichenden Sprachkenntnisse und auch - das können die Lehrer nur vermuten - nicht ausreichende berufliche Kenntnisse und Fertigkeiten, um die Anforderungen in Deutschland zu erfüllen.
Der Unterricht fand seit Oktober bis zu den Pfingstferien in der Grundschule in Ostheim in drei Klassen statt. Die Bedingungen waren für das Lehrerteam und die Schüler dank der aufgeschlossenen Schulleiterin optimal. Nach den Pfingstferien stand die Schule nicht mehr zur Verfügung. Nach vielen Gesprächen wurde der Unterricht nach Pfingsten an den Standorten Ostheim, Nordheim und Weisbach weitergeführt, doch nur Weisbach bietet optimale Bedingungen. Das zentrale Problem sei der Transport der Teilnehmer von ihren dezentralen Wohnorten in Fladungen, Heufurt, Ostheim, Stockheim, Urspringen, Nordheim, Ginolfs, Oberelsbach, Unterelsbach, Oberweißenbrunn und Sandberg an die verschiedenen Schulstandorte. Der Wunsch der Lehrer wäre eine zentrale Unterrichtsversorgung am zentralen und optimalen Standort Weisbach. Ob dies gelingt, ist offen.
Volker Dauscher, der als gelernter Erwachsenenpädagoge mit Erfahrungen in Deutsch als Fremdsprache seine Kolleginnen und Kollegen immer wieder mit selbst gefertigtem Material und Tipps für den Unterricht versorgt, hat daneben noch ein anderes Problem: "Ich würde es sehr bedauern, wenn nach und nach die Abschiebebescheide für viele der Menschen, die wir unterrichten, kommen. Durch den Unterricht bauen wir menschlich-persönliche Kontakte auf. Wir lernen die Flüchtlinge als freundliche, motivierte und leistungsbereite Menschen kennen. Sie sind für uns keine anonymen Fälle, über deren Bleiben oder Gehen wir vom Schreibtisch aus entscheiden wollten. Wie werde ich damit umgehen, wenn es Menschen trifft, die ich einige Monate lang unterrichtet habe und von denen ich inzwischen denke, dass sie ganz gut in unsere Gesellschaft passen würden? Wen interessiert das außer mich?" me