Gemessen allein an der Einwohnerzahl ist die Kreisstadt Bad Neustadt kein Oberzentrum, vielleicht auch gar kein Mittelzentrum. Doch die Aufwertung, die Bad Neustadt im Einklang mit Bad Kissingen im Landesentwicklungsprogramm (LEP) nun erfahren soll, macht durchaus Sinn. Schließlich sind Tag für Tag viel mehr Menschen in und um Bad Neustadt unterwegs, als die Kleinstadt Einwohner hat. Im Stadtrat betonte Bürgermeister Bruno Altrichter, dass die Bedeutung der Kreisstadt längst über die eines Mittelzentrums hinaus geht.

Im nördlichen Bayern gibt es eine Reihe an Oberzentren. Der zentrale Städteverbund mit Nürnberg, Erlangen, Fürth und Schwabach zum Beispiel. Auch die Städte Bamberg, Coburg, Bayreuth und natürlich auch die unterfränkischen Städte Würzburg und Schweinfurt führen den Titel eines Oberzentrums. Beim Blick über die Landesgrenzen von Unterfranken hinaus wird es allerdings dünn. Gerade mal die hessische Stadt Fulda ist ein Oberzentrum, die thüringische Stadt Meiningen hingegen nicht. Erst Erfurt wird wieder als Oberzentrum gelistet, Suhl und Zella-Mehlis hingegen sind ein Mittelzentrum.
Jetzt soll nach Plänen von Heimatminister Markus Söder Bad Neustadt gemeinsam mit Bad Kissingen von einem Mittelzentrum ausgehend auf ein Oberzentrum hochgestuft werden. Gemeinsam werden die beiden Städte dann als "Rhönzentrum" in den illustren Kreis der Oberzentren aufgenommen, zu denen in Bayern auch Städte wie Augsburg, Ingolstadt, Passau und letztendlich auch München zählt.
Können aber tatsächlich zwei kleine Kurstädte wie Bad Kissingen (23.000 Einwohner) und Bad Neustadt (16.000 Einwohner) tatsächlich ein Oberzentrum bilden? Für den Bürgermeister von Bad Neustadt liegt die Antwort klar auf der Hand: "Ja!", sagt Bruno Altrichter und beginnt zu rechnen. "Die Einwohnerzahl ist hierbei nur die halbe Information", betont das Stadtoberhaupt und holt weiter aus.
Die Stadt Bad Neustadt bietet zur Zeit rund 14.000 Arbeitsplätze. Durchschnittlich kommen werktäglich 10.000 Pendler in die Kreisstadt. Rund 1.000 Besucher, ausgehend von den Übernachtungszahlen, hat die Stadt obendrein Tag für Tag und hinzuzählen will Altrichter auch die Schüler aus umliegenden Gemeinden, die an den Schultagen nach Bad Neustadt kommen. Auch die Patienten des Rhön-Klinikums tauchen in Altrichters Rechnung auf. In Summe bedeutet dies, dass die Stadt Bad Neustadt jeden Tag für rund 30.000 Menschen eine Infrastruktur bieten muss. Mit Einkaufsmöglichkeiten, Gastronomie, Schulen, medizinischer Versorgung und vielem mehr.
"Daneben ist die Stadt Bad Neustadt Einzugsgebiet für rund 70.000 Menschen, die ihren täglichen Bedarf aus der Kreisstadt beziehen", sagte Altrichter in der Stadtratssitzung. "Wir haben mittlerweile eine Bedeutung erlangt, die sich in der Bewertung als Oberzentrum niederschlägt", so der Bürgermeister.
Die nun von Markus Söder vorgestellten Reformen des Landesentwicklungsprogramms müssen noch von der Staatsregierung beschlossen werden. Für das neue "Rhönzentrum" könnte die Aufstufung bessere Chancen bei Vergaben von Einrichtungen wie Gymnasien, Krankenhäusern oder Finanzämtern genauso wie im Einzelhandel mit größeren Verkaufsflächen bringen. Neue Förderrichtlinien gelten für Oberzentren natürlich auch. "Wir werden uns dieser Aufgabe stellen", sagte Altrichter im Falle der Aufstufung zum "Rhönzentrum". Stefan Kritzer