von Hans Bahmer

O b in der Steinzeitküche oder in der edelstahl-blitzenden Edelrestaurant-Küche des 21. Jahrhunderts - der Kümmel war und ist immer dabei. Echter Kümmel (Carum carvi) gehört zu den beliebtesten und bekanntesten heimischen Gewürzen. Trotzdem dürfte den wenigsten Kümmelliebhabern bewusst sein, dass sie mit der Verwendung der fünf Millimeter langen, leicht sichelförmig gebogenen, mit Feinripp ausgestatteten Früchte nicht nur ein Würz-, sondern zugleich ein Arzneimittel zu sich nehmen. Für das Jahr 2016 wurde die Kümmelstaude sogar zur Arzneipflanze des Jahres gekürt.

Wer Kümmel verwendet, der nutzt p-Mentha-6,8-dien-2-on - so lautet der offizielle Fachname des Hauptwirkstoffes, der als Carvon mit 60 Prozent im Kümmelöl und ebenso in Mandarinenschalen enthalten ist. Das farblose bis gelbliche, in Wasser unlösliche Öl ist in Sekretspeichern der Kümmelfrüchte deponiert. Damit die Substanz entweichen kann, müssen die Körner angestoßen werden. Dieser mechanische Eingriff führt zur Zerstörung der ätherischen Öldepos.

Der Arzt und Botaniker Lonicerus formulierte die medizinische Wirkung 1679 so: "Treibt die Winde aus den Därmen ... und stärcket den Magen." Auch heute gilt: Das natürliche Karminativum vertreibt Blähungen und Völlegefühl. Darüber hinaus hat es eine krampflösende, antimikrobielle Wirkung, die den überstrapazierten Verdauungstrakt wieder ins rechte Lot bringt.

Es fördert die Sekretabscheidung der Magen-Darm-Schleimhaut und deren Durchblutung. Das pflanzliche Heilmittel wird in Gestalt der Früchte oder als extrahiertes Öl verordnet. Wobei Letzteres auch zu Hautreizungen führen kann. Neben den wissenschaftlich anerkannten Wirkungen werden Kümmelprodukte in der Erfahrungsheilkunde zur Förderung der Muttermilch, bei rheumatischen Beschwerden oder Katharren der Atemwege eingesetzt. Wegen des positiven Einflusses auf die Atemluft kann sogar ein Kuss nach Kümmelgenuss zu einem besonders erotischen Erlebnis werden. Zumindest, solange es sich nur um die harten Körner handelt und nicht um Spirituosen, die unter dem Begriff "Kümmel" bekannt sind, weil sie Kümmelextrakte enthalten.


Vorsicht vor der Hundspetersilie!

Der Doldenblütler wächst mancherorts sogar wild als Wiesenkümmel am Straßenrand und in Wiesen. Von der Selbstversorgung mit Kümmel sollte man aber doch absehen, denn zu der Pflanzenfamilie gehören ein paar ähnliche, aber ausgesprochen giftige Gewächse, wie Hundspetersilie oder Schierling, deren Inhaltsstoffe einen Menschen locker unter die Erde bringen können.

Beim Echten Kümmel dagegen ist sogar die gesamte Pflanze mehr oder weniger verwertbar, was aber heute so ziemlich in Vergessenheit geraten ist. So eignet sich das Kraut als Tierfutter und das Stroh als Einstreu, Brennmaterial und zum Besenbinden. Die bei der Alkoholherstellung gewonnenen Destillationsrückstände sind wegen ihres Eiweiß- und Fettgehaltes gute Futtermittel. Einst erfolgte der Anbau sogar wegen der spindelförmigen Speicherwurzel, die der Pastinake ähnelt, "aber ein nicht für jedermann angenehmes Gemüse gibt".

Und nicht zu vergessen: Bienen "fliegen" auf die Blumen. Obwohl das Nektar- und Pollenangebot nach heutiger Erkenntnis eher gering ist, sind doch Wildbienen an den kleinen, weißen Blüten zu beobachten. Besonders häufig ist eine winzige Sandbiene (Andrena proxima), die fleißig den weißen Pollen einsammelt und schwer beladen davonschwirrt.

Scharf auf Nektar und Pollen der Kümmelblüten ist auch der nur wenige Millimeter große Wollkrautblütenkäfer (Anthrenus verbasci), besser als Museumskäfer bekannt, weil sich dessen gefürchtete Larven gerne über Tierpräparate in Sammlungen hermachen. Die großen, schwarzroten Weichkäfer (Cantharis fusca) kann man nicht übersehen. Sie sind keine reinen Vegetarier mehr, sondern verspeisen zusätzlich Tiere geeigneter Größe.
Zu den Gästen der Doldenblütler gehört auch die Streifenwanze (Graphosoma lineatum). Diese auffällige, rot gefärbte Wanze mit den schwarzen Streifen saugt an Kümmelpflanzen und anderen Vertretern dieser Familie. Neben Nahrung findet sie auf der Kümmel-Kontaktbörse auch Geschlechtspartner, weshalb ständig Tiere bei Paarungen anzutreffen sind.

Am Pollenbüffet ist sogar der Zwei-fleckige Zipfelkäfer (Malachius bipustulatus) zu finden. Er zeichnet sich durch ein raffiniertes Liebesleben aus. Beim Liebesspiel lecken die Weibchen ein an den Fühlern des Männchens austretendes Aphrodisiakum auf.

Am Kümmel ist also immer etwas los. Das Getümmel am Kümmel ist leicht zu beobachten. Sollte dem Beobachter wegen der vielen Eindrücke der Kopf brummen, ist das nicht weiter schlimm. Schließlich hat er es mit einer Arzneipflanze zu tun, über die Lonicerus schreibt: "Wer ein blöd Haupt hat/ der siede Wißkümmel in einem Säcklein/ legs aufs Haupt/ er genißt."