Andreas Steitz bläst den Rauch aus und schaut nachdenklich aus dem Fenster. Sein Blick bleibt am wuchtigen Bau der Arbeitsagenturzentrale hängen. "Was Glück für mich bedeutet? Frei sein!", sagt der 52-Jährige, während er seinen Joint behutsam auf den Rand des Aschenbechers legt. "Im Kopf, in meinen Entscheidungen und frei sein von Schmerzen." High wirkt er nicht, obwohl es nicht seine erste Graszigarette an diesem noch jungen Tag ist. Ohne Rausch möchte er nicht mehr sein. Weil er ihm hilft.

Steitz macht nicht den Eindruck eines gebrechlichen Mannes. Aber die Liste seiner Diagnosen ist lang. Sie lesen sich wie das Tagebuch eines Lebens voller Rückschläge. Und Tiefschläge. "Angefangen hat alles ganz früh", sagt er. Als Junge habe der gebürtige Frankfurter Gewalt erfahren, ist misshandelt worden. Zu seinen psychischen Leiden gesellten sich nach kräftezehrenden Arbeitsjahren körperliche. Einen Job hat er gerade nicht. In seiner Freizeit engagiert er sich für soziale Zwecke. Wenn die Schmerzen nicht so schlimm sind.

Knapp 15 Joints am Tag

Um die in den Griff zu bekommen oder zumindest halbwegs abzumildern, raucht er etwa 15 Joints am Tag. 100 Gramm der "Wunderpflanze", wie er Cannabisblüten nennt, bekommt er pro Monat verschrieben. "Sich selbst reglementieren, ist enorm wichtig", sagt Steitz. Denn: Auch wenn er die ablenkende Wirkung des Rausches schätzt, das medizinale Hanf entfaltet eine starke Wirkung, weshalb er genau auf die Dosierung achtet. Zudem macht der 52-Jährige viel Sport. "Ohne könnte ich mich wohl gar nicht mehr bewegen", sagt der gelernte Dachdecker und Landschaftsgärtner.

Ein Kommentar zum Thema Cannabis: Die Legalisierung kommt auf jeden Fall

Erst seit etwa einem Jahr darf Steitz offiziell Cannabis konsumieren. Weil die Krankenkasse seinen Antrag auf Kostenübernahme trotz Diagnosenkatalog ablehnte, ging er vor Gericht. Mit Erfolg. "Das Gesetz ist vom Grundsatz her gut", sagt er. Aber die Praxis? Lieferengpässe, bürokratische Hürden und fehlende Akzeptanz: "Wenn das Gesetz in der Realität ankommen würde, könnte viel mehr Leuten geholfen werden."

Ärger mit Ämtern und Behörden

Steitz beschäftigt sich intensiv mit dem Thema, verfolgt politische Debatten und neue Erkenntnisse genau. "Die Menschen sind krank, sind sowieso geschwächt und müssen sich dann durch Ämter und Behörden kämpfen. Das kann nicht sein." Deshalb ärgert es ihn, dass es Leute gibt, die sich über das Gesetz ihren "Party-Rausch" zu finanzieren suchen. Weil er und viele andere Betroffene auf eine Stufe mit denen gestellt würden.

Unterkriegen lassen will sich Steitz nicht. Nicht von den Schmerzen und nicht von Gegnern der Idee, Cannabis als Medizin einzusetzen. Zahlreiche Aktenordner dokumentieren seinen Weg, die Schmerzen legal zu lindern. Ein Schrankfach darunter liegen seine Utensilien für den Konsum, akkurat verstaut. Auf herkömmliche, chemische Medikamente will Steitz nicht vertrauen. Er baut lieber auf Cannabis.

Zwei Jahre Cannabis auf Rezept: Bedarf steigt, Skepsis bleibt

Zwei Jahre nach der Liberalisierung von medizinischem Cannabis in Deutschland ist die Nachfrage stark gestiegen. Seit dem 10. März 2017 können Ärzte Cannabis-Präparate auf Kosten der Krankenkassen verschreiben. 2018 gaben Apotheken etwa 145 000 Einheiten cannabishaltiger Zubereitungen und unverarbeiteter Blüten auf Kosten der gesetzlichen Krankenversicherungen ab. 95 000 Rezepte wurden bundesweit verschrieben. Die Wirkstoffe von Cannabis können Schmerzen bei Krebserkrankungen, Übelkeit nach Chemotherapien oder Spastiken bei Multipler Sklerose lindern. Teils ist die medizinische Wirksamkeit aber umstritten.

Dr. Markus Schneider verschreibt es nur sehr zurückhaltend. "Cannabis ist kein Schmerzmittel", sagt der Bamberger Orthopäde, Unfallchirurg und Mitglied der Deutschen Schmerzgesellschaft. Die Wirkstoffe der Pflanze könnten Schmerzkranke dabei unterstützen, mit ihren Leiden besser klarzukommen, meint er. "Aber das reine Schmerzempfinden wird nicht nachweislich geringer."

Zweifel an der Wirksamkeit

Dennoch sei Cannabis auch ohne Wirksamkeitsnachweise auf den Markt gekommen. Das habe bei den Patienten Erwartungen geweckt, die Ärzte nicht immer erfüllen können. Zudem seien bürokratische Hürden für Ärzte hoch und die Vergütung spiegele den Verwaltungsaufwand nicht wider. Für Schneider ist klar: "Cannabis muss am Ende der therapeutischen Leiter stehen".

"Für einen breiten Einsatz von Cannabis mangelt es nach wie vor an Belegen zur Wirksamkeit und Sicherheit," sagt Dr. Bettina Dubbick, Referentin für Arzneimittel beim AOK-Bundesverband. Kritisiert wird, dass es keiner üblichen Zulassungsverfahren bedurfte. Anspruch haben Versicherte mit schwerwiegenden Erkrankungen. Welche Diagnose gilt und welche nicht, ist nicht konkret definiert. Ärzte entscheiden, das führt zu Verunsicherungen. Alleine bei der AOK Bayern sind schon fast 5000 Anträge eingegangen. Die Kassen prüfen dann, ob die Voraussetzungen für eine Übernahme der Kosten gegeben sind. Ablehnen musste die AOK Bayern nach eigenen Angaben bisher nur 27 Prozent.

Oft kommt es zu Lieferengpässen

Franjo Grotenheimer überzeugt das nicht. "Gegenwärtig werden Anträge auf eine Kostenübernahme zum Teil mit wenig überzeugenden Argumenten abgelehnt", schreibt der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Cannabis als Medizin. Er fordert, den Genehmigungsvorbehalt der Krankenkassen zu streichen. Die wären dann zur Kostenerstattung gezwungen, wenn ein Arzt eine Therapie für notwendig erachtet.

"Wir wissen nicht, ob alle Patienten, die von medizinischem Cannabis profitieren könnten, Zugang haben", sagt Andreas Kiefer, Präsident der Bundesapothekerkammer. Aktuell sind sie auf Importe aus den Niederlanden und Kanada angewiesen. Immer wieder kommt es aber zu Lieferengpässen, weil auch dort die Bedarfe steigen.

Kommentar vom Autor: "Versprechen einhalten!"

Gebt das Hanf frei! Zwar haben die Bundeskoalition und noch weniger die bayerische Staatsregierung den Mut, den Konsum von Cannabisprodukten juristisch mindestens (beziehungsweise höchstens) mit dem gefährlicherer, legaler Drogen wie Alkohol und Nikotin gleichzustellen. Noch immer wirkt die auf Kriminalisierung von Kiffern setzende Drogenpolitik wie eine Hexenjagd. Aber seit zwei Jahren dürfen Schwerkranke ihre Schmerzen offiziell mit Cannabis lindern. Immerhin. Hoffnung, von ihren Krankheiten geheilt zu werden, gibt ihnen dieser Freischein freilich nicht.

Aber jede Minute, die ein Joint sie von ihren quälenden Schmerzen abgelenkt, ist eine gute Minute. Noch immer haben wohlwollende Ärzte, Apotheken und Therapeuten mit bürokratischen Hürden zu kämpfen, noch immer werden Betroffene als Drogenabhängige stigmatisiert. Fakt ist doch: Wer meint, dass ihm Cannabis hilft, beschafft es sich. Zur Not illegal.

Um Patienten vor dem oft mit kriminellen Machenschaften einhergehenden Drogenmilieu fernzuhalten, müssen sie auf ihrem Weg unterstützt werden und Stolperfallen verschwinden. Nur so kann der Staat sein Versprechen einhalten, das er mit der Gesetzesänderung im März 2017 gegeben hat.mit dpa