Hanno Behrens, der Kapitän des 1. FC Nürnberg, ist von seinem Naturell her eher ein ruhiger Vertreter seiner Zunft. Kernige, wuchtige, markige Sprüche sind von ihm so gut wie nie zu hören - zumindest nicht in der Öffentlichkeit. Vielmehr lässt der defensive Mittelfeldstratege lieber Taten als Worte sprechen. Insofern sind seine Aussagen, die der 29-Jährige nach dem 3:0-Erfolg über den FC Augsburg getätigt hatte, ob ihrer Seltenheit und ihrer Emotionalität äußerst bemerkenswert: "Wir werden uns in die letzten sieben Spiele reinhauen und um unser Leben kämpfen." Hanno Behrens in der Rolle als "emotionaler Leader" - wie einst Mark van Bommel beim FC Bayern München.

Das Leben, so viel ist gewiss, wird in der Partie beim VfB Stuttgart nicht in Mitleidenschaft gezogen werden. Gleichwohl, und das sollten die Behrensschen Worte zum Ausdruck bringen, wird der Tabellen-Siebzehnte im Duell gegen den Tabellen-Sechzehnten alle Anstrengungen unternehmen, um den ersten Auswärts-"Dreier" der Saison einzufahren - und damit zugleich den Rückstand auf den Relegations-Platz auf einen Zähler zu minimieren. Anstoß im ausverkauften Stuttgarter Stadion - darunter 6000 bis 7000 Nürnberger Fans - ist am Samstag um 15.30 Uhr.

Gedämpfte Gemütslage beim VfB

Während der Club nach dem jüngsten Erfolg wieder Hoffnung im Kampf um den Klassenverbleib schöpft, ist die Gemütslage beim VfB Stuttgart weitaus gedämpfter. Erst ein Sieg steht für die Mannschaft von Trainer Markus Weinzierl in diesem Jahr zu Buche. Die mageren sechs Zähler, die bis Anfang April auf das VfB-Konto hinzugefügt wurden, haben ebenfalls wenig zur Beruhigung der Gesamtlage beitragen können.

Ein Grund für das permanente Verharren in der Abstiegs-Zone, Stuttgart steht seit dem 16. Spieltag auf Platz 16, ist die Abschluss-Schwäche der für die Offensive zuständigen Akteure. Der ehemalige Nationalspieler Mario Gomez hat zwar bereits sechsmal für die Schwaben getroffen, doch die Formkurve des wuchtigen Stürmers zeigt seit Wochen konstant nach unten. Auch der Argentinier Nicolas Gonzalez, ein erst 20-jähriges, ungestümes Talent, fehlt in den "Big-Point-Situationen" die Kaltschnäuzigkeit vor dem Tor. Vom Griechen Anastasios Donis (22 Jahre) kommt ebenfalls viel zu wenig Output.

"Müssen die Ruhe bewahren"

So verwundert es kaum, dass der VfB mit 26 Treffern über die drittschlechteste Tor-Ausbeute nach Hannover (24) und Nürnberg (22) verfügt. Der Unmut der Stuttgarter Anhänger richtet sich indes weniger gegen das im Rahmen seiner Möglichkeiten agierende Personal auf dem grünen Rasen als vielmehr gegen VfB-Präsident Wolfgang Dietrich (70). Mit Transparenten machen die Fans deutlich, wen sie für den tatsächlich Verantwortlichen der sportlichen Misere halten.

Der Unternehmer, der seit 2016 dem dreimaligen Deutschen Meister (1984, 1992, 2007) vorsteht, weiß um die prekäre Situation, ist sich aber sicher, aus dieser mit einem blauen Auge herauszukommen. "Natürlich macht mir das Bauchschmerzen", so Dietrich gegenüber den Stuttgarter Nachrichten. "Wir müssen die Ruhe bewahren. Die bewahren wir - und dann schaffen wir das." Es klingt so, als befürchte Dietrich, dass es bei einer weiteren Niederlage im näheren Umfeld des Klubs doch noch so richtig ungemütlich werden könnte. Nachvollziehbar, dass der Präsident vor der Partie gegen den 1. FC Nürnberg von einem "Muss-Spiel" spricht. Allerdings kann Trainer Markus Weinzierl nicht seinen besten Kader aufbieten. Aufgrund von Verletzungen fallen Kapitän Christian Gentner und Gonzalo Castro aus; dagegen darf Mittelfeld-Mann Santiago Ascacibar nach seiner Gelbsperre wieder mitwirken.

Fans ein wertvolles Pfund

Atmosphärisch ganz anders stellt sich die Situation beim Club dar. Auf die Unterstützung des Publikums konnten und können sich die Spieler jederzeit verlassen; zudem hat das Binnenklima trotz der langen Durststrecke mit 20 Begegnungen ohne "Dreier" nicht gelitten. So nimmt man es Verteidiger Lukas Mühl ohne mit der Wimper zu zucken ab, wenn er sagt, dass man eine Super-Truppe und immer positiv sei. "Die Stimmung", sagt Mühl, "ist generell gut." Jetzt sei sie natürlich noch besser, "weil wir mal wieder gewonnen haben".

Dass es gegen den VfB Stuttgart vor allem auf die psychische Verfassung der Protagonisten ankommen werde, verneinte der 22-Jährige, der 2011 vom TSV Regen an den Valznerweiher gekommen war: "Jedes Spiel ist ein Kopf-Spiel." Wichtiger sei es, dass man die "richtige Einstellung auf den Platz legt". Ein sprachlich etwas schiefes Bild, das allerdings den Kern trifft. Denn die Einstellung hat, von wenigen Ausnahmen abgesehen, stets gestimmt. Insofern ist der Optimismus, den Torhüter Christian Mathenia versprüht, kein zur Schau gestellter. "Ich bin zuversichtlich, dass wir wieder drei Punkte holen." Es wären die ersten im gegnerischen Stadion - und die damit verbundene Hoffnung auf ein weiteres Vorrücken in der Tabelle.