Der legendäre Sepp-Herberger-Spruch, dass ein Spiel 90 Minuten dauert: Er stimmt nicht mehr - oder er besitzt zumindest nur noch rudimentäre Gültigkeit. In der Regel gibt es vom vierten Offiziellen zwei, drei oder vier Minuten obendrauf. Und mitunter dauert eine Bundesliga-Partie sogar 90+6 Minuten. So geschehen in Frankfurt, als der eingewechselte Milot Rashica mit einem feinen Freistoß in letzter Sekunde den Hansestädtern den 2:1-Erfolg über die Eintracht bescherte. Eine Woche zuvor, beim Heim-Auftritt gegen Hannover 96, war es Verteidiger Theodor Gebre Selassie, der ebenfalls zu vorgerückter Spielzeit - die Digital-Uhr der Stadion-Leinwand hatte die 85. Minute angezeigt - mit seinem Treffer zum 1:1 den Bremern einen Punkt rettete.

Last-Minute-Tore sind eine Spezialität von Werder Bremen

Und zu eben jenen Bremern, die offensichtlich das Credo ihres Trainers Florian Kohfeldt bereits früh in der Saison verinnerlicht haben, "eine Mentalität zu entwickeln, überall gewinnen zu wollen", wie der 35-Jährige im Kicker konstatiert hatte, reist der 1. FC Nürnberg am 3. Spieltag in der Fußball-Bundesliga (Sonntag, 15.30 Uhr). Doch der Club sieht sich für die anstehende Aufgabe gerüstet - weil die Nürnberger, wie es Abwehrspieler Enrico Valentini formuliert, "während der Länderspielpause gut im Saft geblieben sind".

Dem 17:1 über den Bezirksligisten TSG Roth hatte die Mannschaft von Trainer Michael Köllner ein 4:0 über das tschechische Team von Dukla Prag folgen lassen. Obschon Valentini solche Breaks, erst recht, wenn die Leistungskurve wie zuletzt gegen Hertha BSC Berlin weiter nach oben zeigt, überhaupt nicht mag: "Am liebsten würde ich immer weiterspielen." Trotzdem gewinnt er der Unterbrechung etwas Positives ab. Dadurch habe man an der Taktik arbeiten können - um flexibler zu werden und im Spiel schneller reagieren zu können.

Nicht zuletzt hätten die Tests der Integration der neuen Spieler gedient. Einer von ihnen, der Niederländer Virgil Misidjan, hat die Extra-Einheiten an Wettkampfpraxis genutzt, um Werbung in eigener Sache zu machen: Der aus der bulgarischen Liga von Ludogorez Razgrad gekommene Offensiv-Mann hinterließ einen guten Eindruck und legte gegen Prag zwei Treffer auf.

Von seinem Antritt und seiner Technik erhofft sich Michael Köllner weitere Tor-Optionen - denn bislang leben die Nürnberger von der Treffsicherheit ihres Torjägers Mikael Ishak. Der Schwede, der gegen die Tschechen eine Pause verordnet bekommen hatte, ist bis jetzt eine "Tor-Bank" - eine Einschätzung, die auch Enrico Valentini teilt: "Mikael ist für uns enorm wichtig", betont der 29-Jährige. Gleichwohl habe der Klub in der vergangenen Rückrunde der Zweiten Liga gezeigt, dass man nach einem kleinen Durchhänger auch ohne seine Tore wieder in die Erfolgsspur gefunden habe. Deswegen sei man nicht von einem Spieler abhängig.

Offensive Qualitäten

Beim Konkurrenten aus Bremen, der nach Aussage von Valentini über ein "sehr gutes, spielstarkes Mittelfeld" verfügt und überdies "extrem heimstark" ist, hat bislang neben Gebre Selassie und Rashica auch Yuya Osako seine Abschluss-Qualitäten unter Beweis gestellt. Der japanische A-Nationalspieler, vor der Spielzeit vom Erstliga-Absteiger 1. FC Köln an die Weser gewechselt, ist neben Max Kruse, Florian Kainz, Neu-Erwerbung Martin Harnik (Hannover) und "Edel-Joker" Claudio Pizarro, der mehr Bundesliga-Einsätze auf seinem Konto hat als der gesamte Nürnberger Kader, eine von zahlreichen Tor-Optionen im Kohfeldt'schen System.

Nürnberg hat Blut geleckt

Angesichts der Bremer Offensiv-Kraft, die bereits im Mittelfeld ihren Ursprung hat, wird am Sonntag besonders die Nürnberger Defensiv-Abteilung, zu der auch Valentini gehört, gefordert sein. Dennoch glaubt der Verteidiger an einen Coup in der Hansestadt: "Wir haben in der Zweiten Liga bewiesen, dass wir auswärts vielleicht noch einen Tick stärker sind als zu Hause. Wir haben Blut geleckt und sind heiß." Heiß auf den ersten Dreier der noch jungen Saison.