Als Yvonne Bruder schon nichts mehr zu verlieren hatte, nahm sie all ihren Mut zusammen und schrieb eine E-Mail. Am 2. Juli vergangenen Jahres appelliert sie an die "sehr geehrten Damen und Herren" im Bundesarbeitsministerium, "zu den Aussagen ihrer Bundesministerin zu stehen und mir die Umschulung zur Erzieherin zu ermöglichen".



Heute füllt sie keine Babynahrung und Spülmittel mehr ins Regal. Heute lernt Yvonne Bruder, die ehemalige sogenannte Schleckerfrau aus Schwabach, was es heißt, eine Kindererzieherin zu sein.

Es war am 20. Januar 2012, als sich die Drogeriekette für zahlungsunfähig erklärt. Am 1. Juni war Schlecker dann Geschichte. 27.000 Beschäftigte verloren ihre Arbeitsstelle. 90 Prozent von ihnen waren Frauen.
19 Jahre hat Yvonne Bruder bei Schlecker gearbeitet. "Ich wäre gerne ich bis zur Rente geblieben", sagt sie. Sie zählt das gute Arbeitsklima auf und auch die Bezahlung. 15,14 Euro hat Bruder in der Stunde verdient, das ist mehr, als viele andere Einzelhändler bezahlen.

Bruders positive Erinnerungen stehen in einem eigentümlichen Kontrast zum schlechten Image, das Schlecker begleitet hat: Längst war die Drogeriekette zu einem Symbol geworden, an dem stellvertretend über Arbeitsbedingungen, Lohnniveaus und auch Geschlechterverhältnisse diskutiert worden ist. Auf der einen Seite standen der autoritäre Patriarch Anton Schlecker und der technokratisch kühle Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP). Der wollte ein ordnungspolitisches Exempel statuieren und verhinderte die Gründung einer Transfergesellschaft.

Männer gegen Frauen
Auf der anderen Seite die Schleckerfrauen: kämpferisch, aber eben doch wehrlos und schwach. Eine symbolisch derart aufgeladene Figur wollte Yvonne Bruder aber nie sein. Schleckerfrau, das klinge doch wie "Trümmerfrau". Was Yvonne Bruder stattdessen ist, ist eine intelligente, selbstbewusste und zähe junge Frau. Das weiß heute vielleicht auch Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU).

Die hatte auf dem Höhepunkt der Krise den von Arbeitslosigkeit bedrohten Frauen ans Herz gelegt, sich zu Erzieherinnen umschulen zu lassen. Auf diese Idee war Yvonne Bruder schon zuvor gekommen. Erzieherin, das komme ihrem eigentlichen Traumberuf auch am nächsten: "Nach dem Abitur wollte ich eigentlich Lehrerin werden. Aber dann wurde eine Lehrerschwemme vorausgesagt."

Auf dem Arbeitsamt können sie mit Bruders Eigeninitiative nicht viel anfangen. Ihr fehlt die nötige Ausbildung in einem sozialpflegerischen Beruf ebenso wie Berufserfahrung in der Kinderbetreuung.

Dann liest Bruder vom Vorschlag von der Leyens. Fühlt sich hinters Licht geführt und schreibt der Ministerin eine Mail. Bekommt eine "nichtssagende Antwort". Schreibt nochmal. Zwei Wochen später bietet ihr der Amtsleiter des Schwabacher Arbeitsamts an, die Umschulung doch zu bezahlen. Den Ausschlag gibt, dass Bruder nach der Geburt ihrer Tochter vier Jahre zu Haus geblieben war und sich ganz der Erziehung gewidmet hatte.

Hohe Ansprüche an Erzieher
Was zwischen der Absagen und der Zusage tatsächlich geschehen ist, lässt sich nicht mehr genau rekonstruieren. Der damalige Amtsleiter arbeitet schon länger nicht mehr in Schwabach und war für eine eigene Einschätzung nicht zu erreichen.

Es ist Bruder im Grunde auch egal. Entscheidend ist, dass das Arbeitsamt ihr zwei Jahre lang Arbeitslosengeld bezahlt und das Schulgeld für die Fachschule in Nürnberg übernimmt. Im dritten und letzten Ausbildungsjahr muss Bruder auf eigenen Beinen stehen. Sie wird das schaffen, weil sie dann ein einjähriges Praktikum macht und dafür Geld bekommt. Yvonne Bruders Weg ist eine Erfolgsgeschichte, aber sie ist eben auch ein Einzelfall. Sie selbst weiß von keiner Kollegin, die ihr es nachgemacht hat. Und auch die Bundesagentur für Arbeit (BA) kennt für Franken keinen weiteren Fall. "Ich bin eine Rarität", sagt Bruder selbst von sich. Zu schwer wiegen wohl die Voraussetzungen wie die Mittlere Reife. Zudem bedeutet heute Erzieherin zu sein, Kinder auf die Schule vorzubereiten und schon bestehende Entwicklungsdefizite auszugleichen.

Bis sie als Erzieherin anfangen kann, muss Bruder noch viele Klausuren schreiben und neben Mitschülern sitzen, die im Schnitt 15 Jahre jünger sind. Ihr mache das nichts aus, sagt sie, aber sie ist auch erst 38 Jahre alt.
Hätte man Vergleichbares von einer 50-Jährigen erwarten können? Nein, sagt Yvonne Bruder.