Mit dem Fahrplanwechsel 2018 dürfte der neue Betreiber der Nürnberger S-Bahn nicht mehr wie bisher DB Regio Franken heißen, sondern National Express Rail. Das hört sich englisch an und ist es auch. Das Unternehmen ist eine hundertprozentige Tochter der börsennotierten National Express Group PLC und erst seit 2012 mit einem Stammkapital von derzeit 250.000 Euro in das Handelsregister eingetragen. Ein absoluter Neuling auf dem Markt also, der hier der etablierten Bahn erfolgreich Konkurrenz gemacht hat.

Dabei ist der Geschäftsführer des englischen Ablegers, Tobias Richter, in Franken kein Unbekannter. Richter war 18 Jahre bei der Deutschen Bahn beschäftigt, später Vorstand der Regentalbahn und Geschäftsführer der Vogtlandbahn. Bis 2008 war der auch kommunalpolitisch aktive Bahnexperte zudem gewählter Verbandsrat im Zweckverband des Verkehrsverbunds Großraum Nürnberg (VGN), bestens vernetzt auch mit der Bayerischen Eisenbahngesellschaft (BEG). Sein Angebot muss unwiderstehlich gewesen sein. In zwölf Betriebsjahren rund 100 Millionen Euro günstiger als das Angebot des nächsten Bewerbers.

Mit der jetzt getroffenen Entscheidung verliert DB Regio Franken ein knappes Fünftel seines Streckennetzes und ein gutes Drittel seiner 19 Millionen Zugkilometer. Das schmerzt. Auch weil es nach Bahnangaben um die Zukunft von rund 450 Mitarbeitern gehen soll. Eine Zahl, die National Express Rail-Chef Richter anzweifelt. Er geht von 250 Mitarbeitern aus, die allesamt bei ihm unterkommen könnten. Sein Unternehmen benötige allein 130 Lokführer, dazu noch 30 bis 40 Servicekräfte. Und er werde gut bezahlen. "Wir wollen, dass gute Arbeit auch gut bezahlt wird", so Richter. Dabei sollen bestehende vertragliche Vereinbarungen auch inhaltlich übernommen werden. Neu verhandelt werden müsste in jedem Fall, da die bisherigen Vereinbarungen ja nur zwischen Gewerkschaften und Deutscher Bahn ausgehandelt worden seien.

38 neue Triebwagen seien inzwischen bei Škoda in Pilsen bestellt worden, heißt es weiter. Deren Wartung soll natürlich in der Region vorgenommen werden. "Nürnberg bietet sich da geradezu an, weil hier genügend Kapazitäten in den DB-Werkstätten vorhanden sind," gibt sich Richter zuversichtlich, dass es hier zu einer Kooperation kommen wird.

Letztlich sei alles Verhandlungssache. Sprich: Der Preis muss passen. In Nordrhein-Westfalen habe man schon entsprechende Wartungsverträge abschließen können. Man sei jedoch grundsätzlich auch in der Lage, eine eigene Werkstätte zu errichten.

Nürnbergs Oberbürgermeister Ulrich Maly (SPD) machte kein Hehl aus seiner Skepsis. Die Deutsche Bahn sei bislang ein bewährter Partner gewesen. Offenbar habe man es bei der BEG sehr auf eine private Trägerschaft angelegt. Sorgen bereiten dem OB natürlich insbesondere mögliche Arbeitsplatzverluste in der Region. Maly fürchtet auch um entsprechende Anlaufschwierigkeiten beim Übergang vom alten zum neuen Betreiber. "Wir werden auf jeden Fall ein waches Auge darauf haben, dass die vom neuen Betreiber gemachten Versprechungen auch eingehalten werden", so Maly.

Zuvor hatte ein Bahnsprecher erklärt, man bedauere die BEG-Entscheidung und werde die Vergabe eingehend analysieren. Nach Gewerkschaftsangaben sind in Nürnberg von der BEG-Entscheidung 500 bis 700 Beschäftigte betroffen. Hier fürchtet man insbesondere, dass im Falle der Übernahme von DB-Mitarbeitern durch den neuen Betreiber die Konditionen schlechter werden könnten. Der Grund: Es gibt in Bayern keine Tariftreueregelung bei öffentlichen Ausschreibungen.


Das Unternehmen


Gründung Die National Express Rail GmbH (NX Rail) wurde 2012 gegründet. Sie ist eine hundertprozentige Tochter der National Express Group PLC (NX Group).

Der Konzern Der Mutterkonzern ist ein britisches Verkehrsunternehmen, das Transportdienstleistungen mit Reise- und Linienbussen sowie Zügen in Großbritannien, den USA, Kanada, Australien, Spanien, Portugal, Deutschland und Marokko anbietet.

Geschichte National Express wurde 1972 gegründet, um die von verschiedenen Verkehrsunternehmen betriebenen Fernverkehrs- und Expressbusse der National Bus Company zu einer einheitlichen Marke zusammenzufassen. 1988 wurde National Express vom Management übernommen und privatisiert. 1992 ging das Unternehmen an die Börse. Ziel war, die Aktivitäten auch auf andere Bereiche der Personenverkehrsbranche auszuweiten.

Schiene Im Februar 2013 erhielt das Unternehmen den Zuschlag zum Betrieb des Rhein-Münster-Express und der Rhein-Wupper-Bahn ab Dezember 2015.

Kritik In Großbritannien kam das Unternehmen wegen Sicherheitsbedenken aufgrund unzureichender Wartung in die Kritik.


Kommentar: Vom Sterben des Favoriten

Was bleibt ist Skepsis. Besonders mit Blick auf das Vergabeverfahren der Bayerischen Eisenbahngesellschaft. Das so recht keiner kennt, aber von dem Insider behaupten, es diente der politischen Vorgabe zur Bevorzugung privater Anbieter. Fakt ist, dass sich BEG-Chef Johann Niggl und National Express Rail-Chef Tobias Richter gut kennen. Beide waren zeitgleich in Spitzenfunktionen bei der Regentalbahn tätig. Absprachen habe es aber selbstverständlich keine gegeben, erklärt Richter. Gleichwohl gab es intensive Kontakte zur BEG.

Zurückzuführen eventuell auch auf sehr intensive und ernsthafte Bemühungen, die Ausschreibung unbedingt für sich entscheiden zu wollen. Oder zu müssen. Immerhin hatte National Express zuvor bei der Ausschreibung des Berliner S-Bahnnetzes die Segel streichen müssen. Und nachdem sich DB Regio angeblich zu sehr in Sicherheit wiegte, weniger engagiert bewarb als die Mitbewerber, hatte der Favorit auf einmal das Nachsehen