Als Norbert K. am Dienstagmorgen auf der Anklagebank im Nürnberger Landgericht Platz nimmt, geschieht das mit erkennbarem Widerwillen. Normalerweise landen hier jene Kriminellen, gegen die K. und seine Kollegen vom Landeskriminalamt (LKA) ermittelt hatten. Nun steht der Hauptkommissar selbst im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit.

Mario W., der Spitzel, der K. und fünf weitere Beamte vor Gericht bringt, ist ein Krimineller mit rund einem Dutzend Vorstrafen. Früher sah er in K. den Beschützer. Doch als der V-Mann bei der Rückfahrt aus Tschechien mit Drogen erwischt wurde, beendete das LKA blitzartig die anrüchig gewordene Zusammenarbeit.

Der Spitzel landete im Knast und vor Gericht. Seitdem ist Norbert K. der personifizierte Feind für den bulligen Kriminellen, den er "hängen" sehen will. Zu einem hohen Grad ist das jetzt schon gelungen: K., der sogar Polizeikollegen in ganz Bayern in V-Mann-Führung schulte und selbst gut 100 Spitzel geführt haben soll, ist suspendiert - wie jene fünf Kollegen, die wie er mit W. zu tun hatten bei der Bekämpfung krimineller Rocker.

Sie müssen nun versuchen, sich vor Gericht von dem Verdacht reinzuwaschen, dem Spitzel zu lange Leine gelassen und das dann mit frisierten Akten und Falschaussagen vertuscht zu haben in Prozessen gegen Mario W. wegen Drogenhandels.

Das Nürnberger Landgericht sieht das als Mammutaufgabe an. 30 Verhandlungstage sind angesetzt. Mit einem Urteil ist erst im März nächsten Jahres zu rechnen.
Der Spitzel soll als Hauptbelastungszeuge im Dezember aussagen. Er wurde vergangene Woche aus dem Gefängnis entlassen und ist untergetaucht.


Aus Angst vor Rache

Angeblich hat er zum zweiten Mal den Namen gewechselt, weil er die Rache der von ihm bespitzelten Rocker der Gruppe "Bandidos" in Regensburg fürchtet. Eine ganze Reihe "Bandidos" musste nach seinem V-Mann-Einsatz vor Gericht. Ein "Bandido" verfolgt denn auch mit Argusaugen aus dem Zuschauerraum den Nürnberger Prozess - der stellvertretende NPD-Landesvorsitzende Sascha Roßmüller, der zur "Bandido"-Führungsriege zählt.

Das LKA betonte auf Anfrage: Der V-Mann wurde 2011 nicht speziell auf Roßmüller angesetzt. Dabei machte der NPD-Funktionär wie eine Reihe weiterer Rechtsextremer bundesweit damals gerade bei den Rockern Karriere - und bayerische Behörden hätten jede noch so kleine Information aus dem rechten Spektrum gut gebrauchen können. Roßmüller schweigt auf die Frage, warum er hier sei. Er deutet nur dunkel an, hier werde "noch viel mehr herauskommen".

V-Mann Mario W. hatte 2012 im Gespräch mit der "Mainpost" im Würzburger Gefängnis von einem Waffendeal mit zwei gebrauchten Pistolen berichtet, von dem er 2011 seine Betreuer beim LKA informiert haben will. "Ich sag dem K.: ,Der hat die Kanonen dabei, verhaftet ihn doch'", sagte er. "Doch der sagte: Nö, lass mal."

Beim LKA hält man das für eines der Märchen, die der V-Mann erzählte. Allerdings bestritt das LKA gegenüber dem Würzburger Landgericht 2012 auch, vom V-Mann über den Diebstahl dänischer Bagger informiert worden zu sein - was dank der internen Ermittlungen nun Kern der Anklage ist.

Im Bericht interner Ermittler heißt es, dass die V-Mann-Akte beim LKA "nachträglich mehrfach verändert wurde, um tatsächliche Erkenntnisse und Abläufe zu verschleiern". Mario W. habe "detaillierte und zeitnahe Informationen" zum Diebstahl der Bagger geliefert, "sodass eine Unterbindung der Straftat bzw. eine Festnahme der Mittäter in Dänemark möglich gewesen wäre".

Woran es keinen Zweifel gibt: Mehrfach hatten LKA-Mann K. und sein mitangeklagter Kollege den V-Mann W. aus heiklen Situationen herausholen müssen, weil er sich immer wieder in kriminelle Geschäfte einließ. Schluss war, als Würzburger Drogenfahnder immer stärkere Belege dafür fanden, dass W.s Tochter in Kitzingen mit Drogen Geld verdiente, die ihr Vater besorgte.

Mehrfach kam der Spitzel davon - bis die unterfränkischen Ermittler ihre LKA-Kollegen unverhohlen beschuldigten, sie würden die Ermittlungen verraten. Nachdem W. mit zehn Gramm Crystal bei der Einreise aus Tschechien erwischt wurde, war endgültig Schluss.

Das Landgericht Würzburg verurteilte ihn 2013 zu sechs Jahren Haft. Da erzählte W., das LKA habe beim Diebstahl von drei Baggern tatenlos zugesehen, ebenso, als ihm der Rocker aus der rechtsextremen Szene Pistolen anbot und er geklaute antike Münzen besorgen wollte. Das klang abenteuerlich. Aber das LKA sorgte selbst dafür, dass Mario W. immer glaubwürdiger wirkte.

Ein unvollständiger Bericht für den Landtag, der nichtöffentliche Auftritt von LKA-Beamten in Würzburg sowie interpretierbare Aussagen der LKA-Beamten im Zeugenstand nährten den Verdacht, da werde etwas vertuscht.

Dass die Arbeit mit kriminellen Spitzeln ein Balanceakt ist, bestätigen langjährige Ermittler. Einerseits sei man an Recht und Gesetz gebunden: Ein V-Mann, der straffällig werde, müsse "abgeschaltet" werden. Andererseits fordere der Dienstherr Ergebnisse. W. sollte Infos in einem schwierigen Milieu besorgen, aus der abgeschotteten Welt krimineller Rocker, von der Mario H. sagte: "Wir sehen dort sehr hohes Gefahrenpotenzial." H. ist ranghoher LKA-Beamter - und einer der Angeklagten.

Im Prozess 2012 protokollierte keiner genau mit. Notizen, die sich Verteidiger und Staatsanwalt machten, weichen stark voneinander ab. Reporter waren vom Prozess ausgeschlossen. K. und der zweite V-Mann-Führer beharrten darauf, den Spitzel nicht in Auslandseinsätze geschickt zu haben. Warum Mario W. dafür vom LKA zeitweise bis zu 5000 Euro im Monat bekam, konnte damals keiner erklären.
Dazu bestünde jetzt Gelegenheit, auch das ist Gegenstand der Anklage. Doch zu Prozessbeginn schweigen K. und der zweite mitangeklagte V-Mann-Führer.
"Das überrascht uns", sagt der Vorsitzende Richter. Nach dem Vorgespräch im Oktober habe die Kammer mit "umfangreichen Einlassungen" der Angeklagten gerechnet und zunächst keine Zeugen geladen. Das Verfahren wird am Mittwoch fortgesetzt.