Es gibt Tage, da verteilen Klaus Hiltner und seine ehrenamtlichen Helfer bis zu 60 warme Mahlzeiten auf den Tellern in der Erlanger Obdachlosenhilfe. Menschen jeden Alters und jeder sozialen Herkunft besuchen die Tagesstätte in der Wilhelmstraße. Viele leben in prekären Verhältnissen, manche stehen kurz davor, ihre Wohnungen zu verlieren. Einige ziehen abends zum Obdachlosenheim Wöhrmühle, um ein Bett zu bekommen, andere suchen sich eine ruhige Ecke im öffentlichen Raum.

"Sozialer Abstieg kann sehr schnell gehen und jeden treffen", sagt Hiltner. Das kann schon mit dem unerwarteten Verlust der Arbeitsstelle oder dem Ende einer Partnerschaft beginnen. Wie viele Menschen tatsächlich ohne Obdach leben beziehungsweise als wohnungslos gelten, ist nur schwer zu ermitteln. 2014 erhob die Bayerische Staatsregierung flächendeckend Daten zur Wohnungslosigkeit. Damals fielen in den fränkischen Bezirken etwa 3200 Menschen unter diese Rubrik. Neuere Zahlen sind bislang nicht veröffentlicht worden.


Kommunen gesetzlich verpflichtet

Kommunen sind gesetzlich verpflichtet, Obdachlosenhilfe zu gewährleisten. Wie deren Einrichtungen ausgelastet sind, gibt daher zumindest einen kleinen Einblick in die Lage. Gerade größere Städte verzeichnen einen deutlichen Anstieg. Fränkischer Spitzenreiter ist Nürnberg mit aktuell 2020 Menschen, die "ordnungsrechtlich untergebracht" sind. Wie das dortige Sozialamt auf Nachfrage bestätigt, steigt der Bedarf seit acht Jahren kontinuierlich an. Ähnliches meldet die Stadt Erlangen: Waren 2015 noch 244 Menschen gemeldet, sind es im vergangenen Jahr schon mehr als 350 gewesen. In Städten wie Bayreuth (58) und Bamberg (26) sind die absoluten Zahlen zwar deutlich niedriger. Wohnungslosigkeit gibt es aber auch dort.


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Gründe dafür gibt es viele. Zum einen spielten gesamtgesellschaftliche Entwicklungen eine Rolle, sagt Hilde Rainer-Münch, Referentin für Sucht- und Wohnungslosenhilfe der Caritas Bayern. Demografischer Wandel und die Vereinsamung von gerade älteren Menschen tragen nicht zur Entspannung bei. Aber vor allem die Wohnungsnot - nicht nur in Bayern - lässt das Problem oft akut werden. In Städten gibt es zwar Wohnungen, die können sich aber viele nicht leisten. In ländlichen Regionen wäre Wohnraum zwar bezahlbar, oft gibt es aber nicht genug. "Die Wohnungsnot verstopft das Hilfesystem", meint Rainer-Münch. "Wir können nichts vermitteln, was nicht zur Verfügung steht."


Betroffene müssen aktiv werden

Viele Kommunen haben die Probleme erkannt und teils eigene Initiativen ins Leben gerufen, um Wohnungslosen dauerhaft einen Platz zum Schlafen zu garantieren. Außerdem kümmern sich Sozialverbände um deren Belange. Auch der Staat hilft. "Betroffene können Wohngeld beantragen und werden von der Schuldnerberatung unterstützt", erklärt Rainer-Münch.
Dafür müssen Betroffene aber auch aktiv Hilfe suchen, sagt sie. Nur: "Viele wissen gar nicht, wo sie überall Hilfe bekommen könnten", erklärt die Caritas-Expertin. "Darüber hinaus sind manche Betroffene von ihrer prekären Lage derart überfordert, dass sie nicht einmal mehr ihre Briefe öffnen." Andere sind anderweitig psychisch belastet oder kämpfen mit Suchtproblemen. Auch Scham kann ein Hinderungsgrund sein, um Hilfe anzunehmen.

Themen, mit denen der Erlanger Diakon Klaus Hiltner vertraut ist. Zumindest in seiner Einrichtung funktioniert das mit der Hilfe zur Selbsthilfe jedoch hervorragend, erzählt er. "Wenn heute einer zu uns kommt, der keine Wohnung hat, wird in der Regel nach ein paar Wochen wieder selbstbestimmt wohnen." Ein Zeichen dafür, dass seine psychosoziale Arbeit fruchtet. Dies würde er sich für alle Betroffene wünschen - nicht nur in Bayern.


Kommentar von Stephan Großmann:


Menschen gewöhnen sich an alles. Bettler in Großstädten wie München und Berlin rufen kein Naserümpfen mehr hervor. Obdachlose, die in Parks schlafen oder Hinterhöfen kauern, werden gerne übersehen. Nun mag es sein, dass sich Betroffene, die auf der Straße leben, ihren Weg teils selbst aussuchen. Wie Sozialverbände bestätigen, schlagen viele die angebotenen Hilfe aus. Aber diese Gruppe ist die kleinste.

Gravierender stellt sich die Wohnungslosigkeit dar. Denn die kann jeden treffen. Jobverlust, Trennung, Sucht: Prekäre Situationen treten schnell auf. Dass Verbände und Kommunen dann Hilfe leisten, ist schön. Dass Bayern noch mehr helfen will, wie Ministerpräsident Markus Söder ankündigte, ist noch schöner. Wichtiger aber wäre es, Bedingungen zu schaffen, um Menschen gar nicht erst dahin abrutschen zu lassen.

Wenn Leute nur knapp von ihrer Arbeit leben können, werden sie keine Rücklagen für schlechte Zeiten bilden können. Wenn Wohnen die Gehälter auffrisst, bedroht das schnell die Existenz. Und: Die oft beschworene Selbstregulierung befeuert die Schräglage auf dem Immobilienmarkt eher als sie ihn ausgleicht. Vergangene Jahre zeigten, dass Hartz-Gesetze und Mindestlohn die Geringverdiener kaum entlastet haben. Sozialer Wohnungsbau darf daher keine (Wahlkampf)-Floskel bleiben. Das heißt auch, profitgierigen Immobilien-Spekulanten nicht das Feld zu überlassen.