15 Minuten reichen, um sein Leben zu verändern. Nur 15 Minuten nach dem kleinen Pieks in den Finger ist Sebastian Süß kein normaler, junger Mann mehr. Sondern ein normaler, junger Mann mit HIV. Träume, Vorlieben, Sehnsüchte und Ängste reduzieren sich auf drei Worte: "Sie sind positiv". Dieser Satz ändert alles. Ein ganzes Leben krempelt sich durch ein verändertes Vorzeichen um.

Das ist sechs Jahre her. Seither hat sich viel getan im Leben des heute 27-Jährigen. Wer ihm begegnet, legt all seine Vorurteile über "die Infizierten" ab. Weder ist Sebastian Süß sterbenskrank noch sieht er so aus. Im Gegenteil: Der selbstständige Ernährungsberater und Gesundheitscoach strotzt vor Lebenskraft. "Ich habe mehr Energie als irgendwann sonst." Er treibt Sport, ernährt sich gesund, geht bewusst mit sich selbst um. "Im Nachhinein bin ich dankbar für meine Infektion."

"Aids - das haben doch nur die anderen"

Gemerkt hatte er es, als eine vermeintliche Sommergrippe nicht abklingen wollte. Sie wird schlimmer, der junge Student fühlt sich ausgelaugt, selbst der Weg ins Badezimmer wird zur Qual. Es folgt eine Odyssee durch Wartezimmer verschiedenster Fachmediziner - ohne Erfolg. Keiner findet heraus, warum es dem jungen Mann plötzlich so schlecht geht. Dann beginnt das Grübeln. "HIV war kein Thema für mich", erzählt Sebastian, "ich war in einer festen Beziehung und überhaupt: Aids - das haben doch nur die anderen." Bis er sich doch für einen Schnelltest entscheidet, bis ein kleiner Pieks in den Finger alles an sich reißt. X plus 15 Minuten.

Sein Kopf dröhnt, niedergeschlagen steigt er in die U-Bahn, fährt nach Hause und vertraut sich seiner besten Freundin an. "Ich war geschockt", erzählt er. "Wie so viele Menschen heute noch hatte auch ich damals ein falsches Bild vor Augen, über HIV und Aids wusste ich im Prinzip gar nichts." Seine Familie informiert er erst später. Deshalb ist er zu lange - aus wie er heute sagt "falscher Rücksicht" - auf sich alleine gestellt.

Heute ein abgeklärter Optimist

Mittlerweile geht er offen damit um. "Angst vor schiefen Blicken habe ich nicht, als schwuler Mann habe ich genug erlebt." Sein Rezept klingt einfach: Wenn man zu sich selbst steht, akzeptieren einen auch andere. Und doch braucht er eine Zeit, bis er sich vom verunsicherten Neu-Infizierten zum abgeklärten Optimisten entwickelt.

Abgesehen von der täglichen Tablette, die seinen Virus an der Ausbreitung hindert, und dem medizinischen Großcheck alle vier Monate, spielt HIV körperlich gesehen meist nur eine Nebenrolle in seinem Leben. Seit Jahren ist er wieder in einer festen Beziehung, sein Freund ist negativ. Ein Problem? "Nein. Ich bin ja therapiert, es kann also nichts passieren. Theoretisch könnte ich sogar literweise Blut spenden."

Das Wissen über HIV und Aids ist lückenhaft, die Tabuisierung seit dem Aufkommen in den späten 1980ern wirkt nach. Das weiß Süß aus eigener Erfahrung. Obwohl vor allem homo- und bisexuelle Männer den Fallzahlen nach sehr häufig betroffen sind, reden sie nicht zwangsläufig öfter darüber. Es ist kein Thema. Dabei kann es Leben retten, die falsche Scham abzulegen.

Das Robert Koch-Institut (RKI) schätzt, dass etwa jeder Neunte der fast 88 000 Infizierten in Deutschland nichts von ihrer Erkrankung wissen. Dadurch könne das Virus unbeabsichtigt weitergegeben werden. Auch die Sterblichkeit sei bei späten Diagnosen höher. Je früher die Diagnose HIV, desto geringer das Risiko von Aids, also der gefährlich werdenden Immunschwäche. "Mit HIV kann man bei rechtzeitiger Diagnose leben wie alle anderen Menschen", erklärt die Deutsche Aidshilfe. Wichtige Punkte seien Aufklärung der Bevölkerung und von Medizinern, das Schließen der Wissenslücken.

Die Präventionsbemühungen zeigen bereits Erfolge. Die Zahlen Neuerkrankter sind rückläufig, vor allem in der Schwulenszene. Das RKI geht von 2400 im Jahre 2018 aus, 100 Fälle weniger als ein Jahr zuvor. Die Testbereitschaft sei gestiegen und die Testangebote ausgeweitet - das helfe, so das RKI. Ebenso wie die Empfehlung, sofort mit einer Behandlung zu beginnen. "Man kann trotz HIV alt werden, das Kräftezehrende ist das Außenrum", sagt Süß. "Manche Menschen meiden einen aus der Angst heraus, sich anstecken zu können und selbst Ärzte, die es besser wissen müssten, schicken einen weg."

Diskriminierung ist Alltag

In erster Linie ist der Betroffene selbst gefragt, Eigeninitiative kann ihn selbst und andere schützen. Um anderen zu helfen engagiert sich Sebastian Süss seit kurzem ehrenamtlich im Buddy-Projekt der Deutschen Aidshilfe. Das Prinzip ist einfach: Frisch HIV-positiv Getestete werden an Menschen wie Sebastian vermittelt, die schon länger mit der Infektion leben. Die stehen als Ansprechpartner zur Seite und sollen die ersten schweren Schritte begleiten.

"Das größte Problem an der Krankheit ist der öffentliche Umgang damit. Ich freue mich, anderen ihre Ängste ein Stück weit nehmen zu können", sagt Sebastian motiviert. Aktuell wartet er noch auf seinen ersten Schützling. Doch der wird kommen, da ist er sich sicher. Denn der Redebedarf ist groß und wenn es nur 15 Minuten sind. Die reichen, um ein Leben zu verändern.

Ist HIV heilbar - und wie wird das Virus übertragen?

1. Sind HIV und Aids dasselbe? Nein. Die Abkürzung HIV bedeutet "Humanes Immundefizienz-Virus". Übersetzt bedeutet das ein menschliches Abwehrschwäche-Virus, welches das Immunsystem schädigt. Ohne Behandlung kann der Körper eindringende Krankheitserreger wie Bakterien, Pilze oder Viren nicht mehr bekämpfen. Ab diesem Moment heißt es Aids (Acquired Immune Deficiency Syndrome), dem erworbenen Immundefektsyndrom. Dann kann selbst eine harmlose Erkältung gefährlich werden. 2. Ist HIV heilbar? Es gibt verschiedene Forschungsansätze und erste Berichte von erfolgreicher Heilung, etwa durch Stammzellentherapie. Von einer flächendeckenden Heilung lässt sich aber nicht sprechen. HIV ist heute gut behandelbar. 3. Wie funktioniert die Behandlung von HIV? Medikamente unterdrücken die Vermehrung der Viren im Körper und verhindern so das Auftreten von Aids. Oft reicht eine Tablette pro Tag. Bei rechtzeitigem Behandlungsbeginn bestehen gute Chancen auf eine normale Lebenserwartung bei guter Lebensqualität, auch die Nebenwirkungen halten sich meist in Grenzen. Bei erfolgreicher Behandlung ist HIV im Blut nach einiger Zeit nicht mehr nachweisbar. HIV kann dann selbst beim Sex nicht übertragen werden. Menschen mit HIV können sogar auf natürlichem Weg Eltern werden: Medikamente schützen vor Übertragung während der Zeugung, Schwangerschaft und Geburt. 4.Wie kann ich mich anstecken? HIV ist relativ schwer übertragbar. Im Alltag - also Sport, Beruf und Freizeit - kann das Virus nicht übertragen werden (etwa gemeinsame Benutzung von Toiletten und Schwimmbädern oder beim Anhusten und Küssen). Für eine Ansteckung müssen Viren in ausreichender Menge in den Körper gelangen - das passiert vor allem beim Sex oder Drogenkonsum.

5.Wie kann ich mich schützen? Beim Sex schützen können drei Dinge schützen: Kondome und Femidome (Kondom für die Frau), die medikamentöse Therapie von HIV und und die Vor-Kontaktvorsorge (Prä-Expositionsprophylaxe, kurz PrEP). Dabei verhindert ein Medikament, dass sich HIV im Körper festsetzen kann, wenn man damit beim Sex in Berührung kommt. Seit September ist PrEP sogar eine gesetzliche Kassenleistung. 6.Wie und wo teste ich mich?

Schnelltests auf HIV, Hepatitis C und Syphilis können in Beratungsstellen künftig ohne ärztliche Aufsicht durchgeführt werden. So sieht es das Masernschutzgesetz vor, das vor kurzem im Bundestag beschlossen worden ist. 7.Muss ich eine HIV-Ansteckung meinem Arbeitgeber mitteilen? Nein, von wenigen Ausnahmen abgesehen (etwa Piloten). Auch dürfen HIV-positive im Gesundheitswesen, mit Kindern und in der Gastronomie arbeiten. Eine HIV-Infektion allein ist kein Kündigungsgrund. Wer von einer ungerechtfertigten Kündigung betroffen ist, kann sich rechtlichen Beistand suchen. Beraten kann unter anderem die Deutsche Aidshilfe. Wichtig: Rechtliche Schritte müssen innerhalb von drei Wochen eingeleitet werden.

Hilfe und Beratung

Telefonberatung: 0180/33 19411 (max. neun Cent/Min. aus dem deutschen Festnetz, max. 42 Cent/Min. aus deutschen Mobilfunknetzen), montags bis freitags 9-21 Uhr, samstags, sonntags 12-14 Uhr

Onlineberatung gibt's unter www.aidshilfe-beratung.de per Mail und Chat (alles rund um HIV und Geschlechtskrankheiten).

Persönliche Beratung Aidshilfen bieten kostenlose Beratungen vor Ort an (zum Beispiel in Nürnberg: www.aidshilfe-nuernberg.de)

Buddy-Projekt Die Deutsche Aidshilfe hat Angebote speziell für Menschen mit HIV. Zum Beispiel das Buddy-Projekt, bei dem Menschen mit HIV Neuinfizierte ehrenamtlich bei den ersten Schritten im Leben mit HIV begleiten.

Diskriminierung Kontakt per Mail an gegendiskriminierung@dah.aidshilfe.de oder telefonisch 030/690087-67 (Montag, Dienstag und Freitag 9 bis 15 Uhr) In Fällen HIV-bezogener Diskriminierung berät die Kontaktstelle.

Chat für schwule Männer Im Live-Chat auf www.health-support.de bieten Schwule Beratung für Schwule und andere Männer (täglich 17 bis 20 Uhr).