Die neu aufgetauchten Himmler-Briefe haben weltweit Aufsehen erregt. Sie sind durch den Fund auch elektrisiert?
Dr. Eckart Dietzfelbinger: Nein, bin ich nicht. Weil Heinrich Himmler sich selbst [schon zu Lebzeiten] in allen Einzelheiten zu seinen Verbrechen bekannte. Von seinen Anfängen als Nationalsozialist über seine Rolle als Polizeipräsident in München und später als Innenminister bis zum Aufbau des Lagersystems inklusive seiner Rolle beim Kinderraub bis zur Vernichtung der europäischen Juden. Dazu bekannte sich Himmler selbst wie gesagt in allen Einzelheiten.

Könnten in Nürnberg, der Stadt der Reichsparteitage, auch noch unentdeckte Briefe von NS-Größen irgendwo auf dem Dachboden liegen?
Ja das kann sein, aber man weiß es nicht. Auf Dachböden oder sonstwo: Es taucht immer wieder etwas auf. Im Dokumentationszentrum sind Briefe auch von hohen Nationalsozialisten immer wieder abgegeben worden.

Können Sie ein Beispiel nennen? Denn die Frage ist doch: Was bringen solche privaten Briefe für unser Verständnis von der NS-Diktatur heute.
Briefe sind persönliche Zeugnisse. Daher leuchten sie meistens nur das Privatleben der jeweiligen Person aus, und runden also das Bild der Person lediglich ab. Freilich schimmern in Briefen an die Geliebte, die Frau oder die Familie häufig die weltanschaulichen und ideologischen Überzeugungen durch. Aber entscheidende Neuigkeiten stecken in diesen Briefen - wie man auch jetzt an den Beispiel der aufgetauchten Schreiben aus der Feder von Heinrich Himmler erkennen kann - meistens nicht drin.

Gibt es überhaupt noch dunkle Flecken in der NS-Forschung?
Ja, es gibt einige Bereiche, die bisher nicht erforscht worden sind, zum Beispiel im Nürnberger Land die NS-Geschichte von Neuhaus und Pegnitz. Das Aktenmaterial dazu ist da. Es lagert auch in den Staatsarchiven, in diesem Fall in Amberg, aber noch niemand hat sich dazu berufen gefühlt, dieses zu erforschen. Insofern sind regional noch Bilder des Geschehens zu schließen, aber insgesamt ist alles bekannt, weil der Nationalsozialismus eines der extremsten Geschehnisse in der Geschichte der Menschheit ist und dahinter Millionen von Opfern stehen, die diese Bewegung gefordert hat.

Ist der Medienrummel um die aufgetauchten Himmler-Briefe vor diesem Hintergrund also doch berechtigt?
Wir leben in einem Zeitalter der Sensationen. Und Himmler ist nun mal ein Massenmörder wie es ihn kaum ein zweites Mal in vergleichbar verantwortlicher Position gegeben hat. Massenmörder gab es Hundertausende, aber Himmler ist eben die entscheidende Figur als Reichsführer der SS. Und das elektrisiert natürlich die Medien, weil man immer glaubt, in solchen Privatbriefen noch irgendwelche Neuigkeiten zu erhaschen. Fast 80 Jahre nach dem Krieg tauchen im Jahr 2014 solche Briefe auf: Das macht die Sensation und die geheimnisvolle Aura aus. Aber mehr ist auch diesmal nicht dahinter.

Hinweis: Der Historiker hat die neuen Himmler-Briefe noch nicht in Augenschein nehmen können, sondern deren Inhalt nur den exklusiven Veröffentlichungen aus der Zeitung "Die Welt" entnommen.