Noch im vergangenen Jahr hing der Haussegen bei Nürnbergs Narren schief, doch das scheint vorüber zu sein: Denn wenn an diesem Sonntag Nürnbergs Faschingszug durch die mittelalterliche Altstadt zieht, werden auch die Schembart-Läufer wieder dabei sein. Die Lanzenträger mit den rot-weißen Kostümen und weißen Masken gelten immerhin als Begründer der deutschen Faschingszug-Tradition. Das räumt man inzwischen selbst in den großen Faschingshochburgen an Rhein und Main neidlos ein. In Nürnberg, so bestätigt das Kölner Karnevalsmuseum, stehe die Wiege des organisierten Straßenkarnevals.

Umso größer war im Vorjahr bei so manchem traditionsbewussten Nürnberger Narren das Entsetzen, als ein kleinlicher Streit den Jahrhunderte alten Nürnberger Faschingsbrauch zu beenden drohte. Den Schembartläufern sei von den Zug-Organisatoren auf einmal das traditionelle Privileg abgesprochen worden, den Faschingszug anzuführen. Stattdessen seien sie irgendwo zwischen Faschingswagen mit hämmernden Disco-Sound eingereiht worden, berichtet der stellvertretende Vorsitzende der Schembart-Gesellschaft, Horst Kaufmann. Dort seien die Klänge der historischen Instrumente völlig untergegangen.

Der Vorsitzende des Fördervereins Nürnberger Fastnachtszug, Walter Hahn, sieht das zwar im Nachhinein etwas anders. Das sei jetzt aber egal. Viel wichtiger sei: "Wir haben uns zusammengerauft", sagt er. "Die Schembartläufer kriegen wieder ihren Platz an der Spitze des Zuges - und das für alle Zeit", versicherte er. Das sei man der jahrhundertealten Tradition des Nürnberger Fastnachtszugs schuldig. Für ihre Tanz-Vorführungen, bei denen sich die 12 Schembartläufer unter den Klängen von Sackpfeifern und Trommlern zu verschiedenen Figuren formieren, soll der Zug nun sogar mehrfach gestoppt werden.

Wie sehr sich die Zug-Organisatoren inzwischen auf die historische Bedeutung des Nürnberger Narrentreibens besinnen, zeigen Werbeplakate: An Litfaßsäulen lädt der Förderverein offensiv zum Besuch des "ältesten Fastnachtszug der Welt" ein. Soweit möchte man im Fastnachtsmuseum im unterfränkischen Kitzingen nicht gehen. Aber für den deutschsprachigen Raum treffe das wohl schon zu. Zwar habe es wahrscheinlich schon vor dem Nürnberger Zämertanz - dem Vorläufer der Schembartläufe - im Land kleinere Volksumzüge gegeben. "Aber die ersten organisierten Umzüge zur Fastenzeit haben tatsächlich in Nürnberg stattgefunden", bestätigt Museumsleiterin, Daniela Sandner.

Die 1449 erstmals urkundlich belegten Schembartläufe waren farbenfrohe, von Musik begleitete Umzüge durch die Gassen der Freien Reichsstadt Nürnberg. Die Schembartläufer trugen einheitliche, rot-weiße, schellenbesetzte Kostüme. "Bewaffnet waren sie mit einer stumpfen Lanze, um sich beim zuschauenden Volk Platz zu schaffen", berichtet Kaufmann von der Schembartgesellschaft. Er hat jahrelang die Geschichte der Schembartläufe erforscht.

Historische Vorläufer waren nach Kaufmanns Archiv-Recherchen allerdings die 1397 erstmals urkundlich erwähnten Zämertänze der Nürnberger Metzger. Dass gerade ihnen das seltene Privileg verliehen wurde, in der sittenstrengen Freien Reichsstadt maskierte Tänze aufzuführen, ist für Fastnachtshistoriker kein Zufall. Denn als 1348 ein Handwerkeraufstand Nürnberg erschütterte, hielten allein die Metzger dem Rat der Stadt die Treue. Zum Dank verlieh er ihnen nach Kaufmanns Recherchen später das Recht auf öffentliche Belustigung: Der Zämertanz war entstanden.

Bald schon fanden auch die Söhne der reichen Patrizier daran Gefallen, "die Ordnung der Welt für ein paar Tage auf den Kopf zu stellen, obszöne Lieder zu singen, zu saufen und zu fressen". Um sich das Privileg zu erschleichen, ließen sie sich von den Metzgern als rot-weiß gewandete Schutztruppe anheuern - die Metzger kassierten dafür Bares. Für sie war dies in der umsatzschwachen Fastenzeit eine willkommene Einnahme. Später blieb von dem Narren-Brauch nur noch der Schembartlauf übrig, der immer mehr Züge des heutigen Straßenkarnevals annahm. Urkundlich nachgewiesen sind die Schembartläufe zwischen 1449 bis 1539.

Von Klaus Tscharnke, dpa