Marie hat das Konzentrationslager überlebt und schildert ein Jahr nach Kriegsende vor Gericht die unfassbaren Zustände. Als sie nach ihrer Aussage ins Nürnberger Zeugenhaus zurückkehrt, sitzen die anderen Bewohner, die Maries Worte am Radio mit verfolgt haben, gerade beim Kaffee und empfangen die Französin mit eisigem Schweigen. "Wir haben alle gelitten. Auch wir Deutschen", schleudert Henny, Ehefrau des Wiener NS-Gau leiters Baldur von Schirach, der jungen Frau entgegen. Und Hennys Vater, des "Führers" in Fürth geborener Leibfotograf Heinrich Hoffmann, erklärt im Brustton der Überzeugung: "Herr Hitler hätte das sofort unterbunden. Grausamkeit entsprach gar nicht seiner Natur. Er konnte ja nicht einmal Blut sehen! Nein, er hat es nicht gewusst. Und das heißt für mich, dass es diese Konzentrationslager vielleicht gar nicht gegeben hat."


Täter und Opfer an einem Tisch


Die Szene im letzten Drittel des Films "Das Zeugenhaus" lässt dem Zuschauer das Blut in den Adern gefrieren. So oder ähnlich muss es sich abgespielt haben, als sie alle unter einem Dach lebten - hier die hochrangigen NS-Offiziere und Hitler-Günstlinge, dort die Widerstandskämpfer und Holocaust-Überlebenden, dazwischen die Opportunisten und Mitläufer. Am Kopf des Tisches sitzt die Hausleiterin, eine Gräfin, unpolitisch, korrekt, immer um Ausgleich bemüht. Iris Berben spielt sie mit einer beklemmenden Intensität. Dabei brodelt unter der Oberfläche ein Vulkan: Im Wasser für die nächtliche Wärmflasche kocht die geheimnisvolle Schöne gleich ihre Morphiumspritzen mit aus. Aber wer hat in diesem Haus nichts zu verbergen?
Nach dem Bayreuther "Wagner-Clan" bringt Produzent Oliver Berben mit dem Nürnberger "Zeugenhaus" am 24. November zum zweiten Mal in diesem Jahr einen Film mit fränkischem Schauplatz ins Fernsehen. Unter der Regie von Matti Geschon neck entstand ein beeindruckendes Kammerspiel mit illustrer Besetzung: Matthias Brandt, Gisela Schneeberger, Tobias Moretti, Edgar Selge und Udo Samel sind nur einige der bekannten Gesichter.

Gästebuch brachte Journalistin auf die Spur

Die Adresse Novalisstraße 24 im nob len Nürnberger Vorort Erlenstegen taucht in keinem Geschichtsbuch auf. Christiane Kohl ist es zu verdanken, dass die unglaubliche Geschichte, die sich hier in den Jahren 1945 bis 1948 am Rand der Kriegsverbrecherprozesse abspielte, nicht in Vergessenheit geriet. Eines geselligen Abends im Jahre 1980 hatte ihr ein Freund der Familie ein Gästebuch mit Einträgen von Personen gezeigt, wie sie unterschiedlicher kaum sein konnten. Die Journalistin wurde neugierig: Wie konnten sich der Widerstandskämpfer Robert Havemann, Hitler-Adjutant Fritz Wiedemann, der KZ-Überlebende und spätere Publizist Eugen Kogon oder Görings Privatsekretärin Gisela Limberger in einer Art "Poesiealbum" gemeinsam verewigen? Christiane Kohl recherchierte und interviewte noch lebende Zeitzeugen, studierte Protokolle und Tagebucheinträge, bis sie schließlich 1995 der legendären Gräfin leibhaftig gegenübersaß.

Die echte Gräfin


Sie wohnte, so schilderte Christiane Kohl später in ihrem Buch "Das Zeugenhaus", mittlerweile in einer winzigen Wohnung in Cleveland, Ohio - umgeben von Erinnerungsstücken. Darunter befand sich ein weiteres Gäs tebuch, das sie vor einem halben Jahrhundert aus Nürnberg mitgenommen hatte - zur Erinnerung an die Zeit, in der sie Hausdame im Zeugenhaus gewesen war. "Eine ungarische Adelige, blond, blauäugig und bildhübsch", beschrieb sie der US-Ankläger Robert Kempner später. Nun war sie 87 und noch immer stolz und schön. "Sorgen Sie dafür, dass alles ruhig verläuft", mit diesen Worten hätten die Amerikaner Ingeborg Gräfin Kálnoky mit der Leitung des Zeugenhauses beauftragt.

Der erste Eintrag im Gästebuch stammte von Karl Haushofer, dem ehemaligen Lehrer des späteren Hitler-Stellvertreters Rudolf Heß. "Wir sprachen über Reinkarnation. Nicht lange nach seinem Besuch im Gästehaus hat er sich umgebracht", berichtete Kálnoky. Heinrich Hoffmann, Hitlers Leibfotograf, habe stets alle Gräuel der NS-Zeit geleugnet: "Aber denken Sie nur: Wenn die KZler abreisten, hat er am Ende noch die Adressen mit ihnen ausgetauscht." Ob Gestapo-Gründer Rudolf Diels ein NS-Gegner, ein Mitwisser oder einfach nur ein Opportunist war, interessierte die Gräfin weniger. Lieber plauderte sie mit ihm über seine Scheidung von Ilse Göring, die er "aus reiner Angst" geheiratet habe.


"Entlarvender Schwulst"


"Auf den vergilbten Seiten des Gästebuches war festgehalten, was sich in keiner Gerichtsakte findet: die privaten Ängste und Selbsttäuschungen von Menschen, die während der NS-Zeit mitschuldig wurden, ebenso wie die Bitternis und Wut überlebender Nazi-Opfer. Manche hinterließen Zeilen von anrührender Traurigkeit, andere seltsam verklärte Gedichte - und viele nur entlarvenden Schwulst", schrieb Christiane Kohl später in einem Artikel für das Nachrichtenmagazin "Spiegel".
Wie ein Mosaik fügte die Journalistin ihre Recherchen zu einem stimmigen Bild zusammen. Der Film geht dramaturgisch eigene Wege: "Die Personen beruhen auf historischen Vorbildern nach dem Buch von Christiane Kohl. Ihre privaten Handlungen und Konflikte sind jedoch frei erfunden", heißt es im Abspann. Doch die Art und Weise, wie die Atmosphäre der Widersprüche, der Verleugnung und des Überlebenskampfes eingefangen wird, machen "Das Zeugenhaus" zu einem Glanzstück unter den deutschen Fernsehspielen.


Ausdruck absoluter Sprachlosigkeit


Bis zum Schluss, so berichtet Christiane Kohl, habe sie die Frage bewegt, warum in dieser "wohl bizarrsten Hausgemeinschaft der frühen Nachkriegszeit" kein offener Krieg ausbrach. Die Antwort gibt sie selbst. Es sei wohl Ausdruck der "absoluten Sprachlosigkeit" gewesen, "die sich als dumpfer Nebelschwaden über die Ereignisse legte und für sehr lange Zeit eine wirkliche Auseinandersetzung mit dem Geschehenen verhinderte. Ob Täter, Mitläufer oder überlebende Opfer der Nazizeit - keiner konnte oder mochte wirklich offen über seine Erfahrungen sprechen".
Die reale Gräfin Kálnoky, die übrigens nicht morphiumsüchtig war, starb 1997 - zwei Jahre, nachdem sie Christiane Kohl ihre Geschichte erzählt und das Schweigen gebrochen hatte.



Buch und Film

Der Tatsachenbericht "Das Zeugenhaus" von Christiane Kohl erschien 2005 und wird am 17. November 2014 als Taschenbuch neu aufgelegt (Goldmann Verlag, 256 S., 9,99 Euro, ISBN: 978-3-442-15854-6).

Als "Fernsehfilm der Woche" wird "Das Zeugenhaus" am Montag, 24. November, ab 20.15 Uhr im ZDF gesendet. Um 22 Uhr schließt sich eine 45-minütige Dokumentation an mit Archivfilmen sowie Interviews mit Nachfahren der "Zeugenhaus"-Bewohner und der Autorin Christiane Kohl. Die DVD soll bereits ab 21. November verfügbar sein.