In der Poststraße 2 in Nürnberg ist nie so wirklich Nacht. Um 23:10 Uhr ist draußen schon lange die Sonne untergegangen, in der Halle ist es aber taghell. Und laut. Maschinen dominieren die Geräuschkulisse. Ein Greifarm hebt Kisten auf ein Förderband, eine Sortiermaschine zieht in atemberaubender Geschwindigkeit Briefe über den Sensor, ein lauter Alarmton lässt einen Mechaniker wissen, dass er gebraucht wird.
 
Für den neutralen Betrachter ein ganz schön buntes Treiben. Martin Horlacher lacht. "Gerade ist doch noch gar nichts los", erklärt der Sachbearbeiter. Von 22 bis 6 Uhr früh geht die Nachtschicht. So wirklich voll wird es aber erst gegen 2 Uhr. Dann kommt noch einmal ein zusätzlicher Schwung Mitarbeiter, Horlacher nennt sie "Bäckerschicht". Erst dann gehe hier "so richtig die Post ab" - das Wortspiel ist einstudiert, aber es passt doch jedes Mal aufs Neue.


Ein breites Spektrum

Insgesamt arbeiten etwa 80 bis 100 Personen jede Nacht im Briefzentrum. Das Spektrum könnte nicht breiter sein: Studenten, die in den Nächten vor spät beginnenden Vorlesungen noch ein bisschen Geld verdienen wollen. Hausfrauen, die die Familienkasse aufbessern, wenn die Kinder schlafen. Ehemalige Zusteller, die die geregelten Arbeitszeiten schätzen. Manche bessern sich ihre Rente auf oder bestreiten einfach ihren Lebensunterhalt. Gerade wegen des Gehalts ist die Nacht für viele attraktiv. Wer nachts arbeitet, darf bei gleicher Arbeitszeit mehr Pause machen - und kassiert Zuschläge.




So bunt gemischt wie die Altersstruktur ist auch die Herkunft der Mitarbeiter. Menschen aus über 50 verschiedenen Nationen arbeiten im Nürnberger Briefzentrum. "Mehr hat nur München", erklärt Erwin Nier stolz. Er ist als Pressesprecher für die fränkischen Briefzentren zuständig. Es klingt fast wie ein interner Wettbewerb. Die Post weiß ausländische Mitarbeiter sehr zu schätzen. "Unsere Maschinen können sehr viel - aber zum Beispiel kein Kyrillisch." Wenn sich doch mal ein Brief in einer fremden Schriftsprache in die Sortierung verirrt, sei immer jemand in der Nähe, der die Adresse entziffern könne.

Obwohl Martin Horlacher selbst in der Regel tagsüber arbeitet, kennt er auch in der Nachtschicht die meisten beim Namen. Wenn er durch die Hallen führt, wirkt er wie der Bürgermeister einer kleinen Stadt. Er grüßt links und rechts, während er den Weg erklärt, den ein Brief durch die Anlage zurücklegt. Er erzählt vom "Bahnhof" (Transportstation für Großbriefe) und der "Wand" (die 126 Fächer, die hinter jeder Sortiermaschine aufgereiht sind). Zufrieden zeigt er auf die blaue Anzeige einer der sieben Sortiermaschinen. Blau heißt "alles okay" - die Maschine scannt gerade 42.000 Briefe pro Stunde. Gelegentlich winkt er einem Mechaniker, die auf Fahrrädern durch die Halle fahren - der Fußweg zwischen den Maschinen ist nämlich ganz schön weit.

Wie ein Straßensystem bewegen sich hoch über den Köpfen hunderte von gelben Kisten. Fließbänder bringen die Briefe von Maschine zu Maschine. Die sogenannte Kommissionierungsanlage ist das Herzstück des Briefzentrums. Wenn nachts die Post für ganz Mittelfranken sortiert wird, bringt sie Standard- und Großbriefe aus den Postleitzahlgebieten 90 und 91 zu den richtigen Sortieranlagen. Als XXL-Briefzentrum ist Nürnberg eines der Größten in Deutschland. Etwa eine Million Briefe werden hier jede Nacht verarbeitet - an Weihnachten kann die Menge aber schon mal auf das dreifache anwachsen.


Was reinkommt, muss auch wieder raus

Aber egal wie viele Briefe in der Nacht durch die großen Rolltore geliefert werden - sie müssen alle in der selben Nacht verarbeitet werden. Das bekommen vor allem die Mitarbeiter an den 17 "Gangfolgesortiermaschinen" zu spüren. Im letzten Schritt der Verarbeitung werden die Briefe für den Zusteller so vorsortiert, dass er nur noch in die Kiste greifen muss. Die Maschine weiß seine Route, sortiert erst nach Straße, dann nach Hausnummer. Nachsendeanträge oder Einschreiben werden durch bunte Karten markiert. Damit das funktioniert, braucht es einen Menschen, der alles überwacht und die Briefstapel immer wieder richtig einsortiert. Jeder Brief muss drei mal durch die Maschine - das dauert für 6000 Sendungen etwa 35 bis 40 Minuten. Wenn während dieser Routine ein Fehler passiert, muss noch mal von vorne angefangen werden. "Nach zwei Uhr darf das eigentlich gar nicht mehr passieren", erzählt Horlacher. Und wenn doch? "Dann muss man hoffen, dass die Maschine nur einen Teil der Briefe ablehnt und sich dann wieder fängt."

Im Briefzentrum sind etwa 90 Prozent aller Arbeitsschritte schon automatisiert. Tendenz steigend. Was für den Menschen übrig bleibt, ist oft eintönig und körperlich anstrengend. In der Kommissionierung, wo Kisten mit bis zu 15 Kilogramm gehoben und Wägen mit zu 400 Kilogramm geschoben werden müssen, arbeiten deswegen größtenteils Männer. Frauen arbeiten meist an den Sortiermaschinen. Aber auch dort ist das ständige Heben kleinerer Kisten anstrengend. Deswegen gibt es hydraulische Arme, die die Mitarbeiter unterstützen.

Wie weit die Automatisierung fortgeschritten ist, merkt man erst, wenn man in der Resthandsortierung angelangt ist. Eine Handvoll Frauen sitzen auf Drehstühlen vor hölzernen Fächern und sortieren per Hand, was die Maschine nicht lesen konnte - zum Beispiel krakelige Handschrift oder kyrillisch. Aber nicht einmal die Hälfte der Stationen sind besetzt, denn die Maschinen werden immer besser. "Die Briefe, die hier landen, werden von Tag zu Tag weniger", sagt Horlacher.