Die Theater-Glocke ertönt. Die Band lässt stilvoll bitten. Es ist Samstagabend, kurz vor acht. Kein selbstverliebter Gitarrenheld muss noch schnell die Saiten seines "Babys" stimmen. Kein schüchterner Sänger haucht arrogant vor der Show ins Mikrofon: eins, zwei, drei, check. Stattdessen gleiten Menschen, die mehr nach Theater als nach Rockmusik ausschauen, mit ihren Gläsern in den Zuschauerraum der kleinen Spielstätte im schicken Stadtteil Erlenstegen.
Filmfestspiele wie das Festival Türkei/Deutschland eröffnet die Stadt normalerweise hier in der Tafelhalle. Popmusiker mit E-Gitarren und Trommeln standen hier bislang nicht auf dem Spielplan. Musik-Ensembles, die nicht die Aura der in aller Regel subventionierten Hochkultur verströmen, mussten sich bis dato mit dunklen Konzertsälen oder Garagenclubs begnügen. Durften nicht in die Spielstätten mit den schicken Foyers. Pop war U-Musik und damit bäh.
Kultur-Politiker machten einen großen Bogen um die modernen Töne, solang sie nicht irgendwie in die ernsten Schubladen des Jazz oder Klassik passten. Die Berührungsängste waren wohl zu groß. Pop war etwas für die wilde Jugend. Damit wollte die fränkisch-kanadische Electro-Rock-Band Wrongkong aus Nürnberg an diesem Wochenende endgültig Schluss machen.


Zwei Abende, eine Band, eine Vision


Die Gruppe um Sängerin Cyrena Dunbar wollte mit ihrer "Extended"-Show den gewöhnlichen Konzertrahmen sprengen. Mit einem Spektakel aus Musik, Kunst und Performance wollte die Band nichts weniger als den Begriff der Popmusik auf der Bühne neu verorten. Wenn das kein Anspruch ist?

Die Stühle sind aus dem Zuschauerraum verschwunden. Das Publikum sitzt wie im Amphitheater auf Stufen eng einander, als Cyrena Dunbar im engen Lederrock und glitzernder Bluse von vier Tänzerinnen begleitet die t-förmige Bühne betritt. Die vier versierten Musiker von Tommy Yamaha (Bass) bis David Lodhi (Gitarre) haben sich vor der Kulisse mit Videoleinwand postiert, die von Dreiecken und Rautenmustern dominiert wird. Die Gäste pfeifen schnell auf die nicht-existierende Sitzordnung, und suchen tanzend die Nähe zur Bühne. Derweil schlängeln sich die Tänzerinnen wie indische Tempel-Schönheiten um die Sängerin, die in jeder Bewegung ihre künstlerische Herkunft aus dem klassischen Ballett nicht verbergen kann. Das ist überhaupt der bezeichnende Unterschied. Hier steht keine Madonna auf der Bühne. Kein klassischer Popstar, der mit tanzendem Blendwerk den Songs auf die Sprünge helfen will. Freilich gibt es auch Feuerspiele und sogar Seilakrobatik zur Lichtshow. Selbst Luftballons fliegen zum Finale von der Decke. Aber hier geht es nicht darum, mehr oder weniger gute Schlager mit Gigantismus "on stage" aufzumöbeln. Hier stehen einfach fünf Menschen zusammen, die ihre Kunst als Werk gemeinsam mit anderen Künstlern inszenieren wollen.

Wrongkong hat gezeigt, dass Rockshows auch abseits des Starkults funktionieren. Wenn Städte der Kreativszene dafür den nötigen Raum geben, könnte sich die avantgardistische Popmusik zu neuen Ufern aufmachen anstatt auf schäbigen Clubbühnen oder kommerziellen Reproduktionsstätten der Rock-Klischees langsam aber sicher zu verrotten.