Die heiß ersehnte erste fränkische Ausgabe des Kultkrimis kommt ohne Effekthascherei und Blutexzesse aus. Und auch ohne Comedy-Einlagen. Dafür überzeugt der Krimi mit seinem Ermittler-Duo und wohldosiertem trockenen Humor. Am Sonntag um 20.15 Uhr läuft die Folge mit dem poetischen Titel "Der Himmel ist ein Platz auf Erden" im Ersten. Nachfolgend ein Interview mit Regisseur Max Färberböck.

Herr Färberböck, man sieht viele Ecken Nürnbergs im Franken-Tatort. Kannten Sie die Stadt vorher gut?
Max Färberböck: Ich war nur als Jugendlicher einmal in Nürnberg. Als klar war, dass ich das Drehbuch schreiben werde, bin ich für drei Tage hingefahren und habe mir mit meiner Co­Autorin die Stadt angeguckt. Wir sind in die verschiedensten Restaurants gegangen, sind alle kleinen Straßen abgelaufen und nach Fürth gefahren. Da ist schon ganz viel von diesem Film in den ersten Tagen aufgetaucht. Ich habe mir ein Bild gemacht, zum Beispiel wenn ich Leute angesprochen oder sie beobachtet habe. So ist dann eben entstanden, dass in diesem Film die Leute der Polizei einfach keine Auskunft geben. Das finde ich im Nachhinein gar nicht so falsch.

Und wie sind sie an die Drehorte gekommen?
Ich hab mich von der Architektur der Stadt beeinflussen lassen. Die Auswahl der Straßen, die Achsen der Stadt, all dies ist sehr früh entstanden. Während der Arbeit am Drehbuch kam dann der Szenenbildner dazu. Er ist von sich aus nochmal vier Wochen rumgefahren und hat die ganzen Motive zusammengetragen. Diese Motive müssen einen logistischen Zusammenhang haben, damit man an den Drehtagen nicht zu viel Zeit verliert. Anschließend sind wir nochmal eine Woche rumgefahren, um die Stadt in den Griff zu bekommen.

Wann vorher haben Sie sich Nürnberg angeschaut?
Wir haben ab 26. August gedreht, meine Fahrt nach Nürnberg war am 2. oder 3. Februar - also so ein halbes Jahr vorher.

Wenn Sie an öffentlichen Plätzen gedreht haben, wie zum Beispiel am Hauptbahnhof, dann sieht man viele Menschen. Waren das alles Statisten oder tatsächlich Nürnberger, die gerade am Bahnhof unterwegs waren?
Meine Tochter und meine Nichte waren als Statistinnen da. Es waren ein paar Leute vom Team dabei und ansonsten waren das Leute, die da rumgesessen sind und nichts dagegen hatten, wenn wir drehen. Wenn Sie den Bahnhof erwähnen ist mir wichtig zu sagen, dass ich Nürnberg wirklich als große Stadt empfunden habe. Der Film zeigt das auch. Nürnberg hat etwas Metropoliges, das ist keine große Kleinstadt - nicht nur aus ihrer sehr reichen historischen Vergangenheit heraus. Man spürt heute noch die großen Entwürfe des Mittelalters und späten 19. Jahrhunderts, trotzdem ging es nicht um ein Nürnberger Bilderbuch, sondern eher um die Spannung zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Wenn man Nürnberg sieht, zum Beispiel in der Totalen, dann ist es wirklich ein Brocken von Stadt.

Gab es für Sie einen Lieblingsdre hort in Nürnberg?
Unsere Dienststelle, die wir in einem stillgelegten Kaufhaus in der Südstadt gebaut haben. Das war schon eine Hammer-Leistung von unserem Ausstatter. Sonst waren es vor allem die verschiedenen Straßen. Nürnberg hat ein überraschend starkes, sehr filmisches und spannungsreiches Straßenbild.

Hatten Sie auch einen Ort, von dem Sie nach dem Dreh enttäuscht waren?
Nein. Wenn ich ein Motiv sehe, weiß ich ziemlich schnell, welche Schwierigkeiten auftreten könnten. Überraschungen gibt's natürlich immer und deshalb ist man besser mit einem ziemlich wachsamen Auge unterwegs.

Die Teile, die in Häusern oder Wohngegenden spielen, zum Beispiel im Haus des Getöteten, wurden die auch in Nürnberg gedreht oder wie weit haben sich die Drehorte von Nürnberg weg bewegt?
Das haben wir in Erlangen gedreht, weil wir in Nürnberg nichts gefunden haben. Wir brauchten zwei Häuser, die sehr nah aneinander stehen und gesellschaftlich zusammenpassen. Die Distanz musste wegen der Länge der Dialoge genau stimmen, das war schon eine komplizierte Konstellation.

Als Sie wussten, dass Sie den Franken-Tatort schreiben, hatten Sie da gleich eine Geschichte im Kopf, oder ist das ein Entwicklungsprozess?
Ich kam in Nürnberg mit dem Auto an und hatte überraschenderweise eine grüne Welle. Mein erster Halt war an einer Kreuzung in der Südstadt. Viele Oberleitungen, auf der linken Seite der Ampel ein Waffengeschäft. Für mich war das ein gutes Zeichen, mit einem Waffengeschäft kann man schon mal anfangen. Ich habe starke, architektonische Spannungen gespürt. Dann dachte ich mir, wenn architektonische Spannungen da sind, sind sie auch in den Leuten. Das war der Anfang der Geschichte. Durch das Waffengeschäft ist mir in der Nacht eine Geschichte von einem südamerikanischen Autor, Borges, eingefallen, in der zwei Waffen an der Wand hängen und die sich darüber unterhalten, wie sie sich ihre Täter ausgesucht haben. Dann gab es sofort diesen Gedanken, eine Waffe hat einen Täter gesucht. Daraus ist die Geschichte entstanden.

Für uns Franken ist es der erste Tatort, für Sie war es nicht der erste. Gab es für Sie große Unterschiede zwischen dem Münchner und dem Nürnberger Tatort?
Der allererste Unterschied ist natürlich, dass ich Oberbayer bin und in München total zu Hause war. Das Dialog-Schreiben für die Münchner war kein Problem. Aber ich wollte mir als Oberbayer bei diesem Tatort nicht rausnehmen, mich jetzt als Oberfranke anzuheimeln und sagen: ich kenne euch so gut, ich bin einer von euch. Ich denke, das war am Ende auch eine gute Entscheidung. Mir sind die Menschen in Nürnberg schnell nahe gegangen, aber hätte ich Dialekt ohne Ende rein gepumpt, dann wären das blöde, folkloristische und theatralische Mittel, die so ein Franken-Tatort gar nicht nötig hat.

Der Tatort hat lange Tradition. Gibt es da Vorgaben, an die Sie sich als Drehbuchautor halten müssen?
Nein, ich kann diese Filme so machen, wie ich sie mir vorstelle. Wenn's schief geht, kann ich keinem was anhängen. Natürlich unterhält man sich zum Beispiel mit Stephanie Heckner, der Redakteurin, übers Buch und natürlich bin ich auch neugierig, was andere Leser sagen, aber weder hier noch bei den Münchnern gab es Vorgaben, was man darf oder soll.

Gibt es eine Tatortreihe, die Sie besonders gut finden?
Alle kann man ja gar nicht mehr aufarbeiten, es gibt viel zu viele, darunter immer wieder einzelne, die ich wirklich gut finde. Ich mochte zum Beispiel die Münchner schon immer ziemlich gern, aber ich habe auch einmal einen mit Axel Milberg gesehen, der hieß irgendwas mit Hund ("Boroswki und der coole Hund", Anmerk. der Redaktion) und der war extrem gut.

Nicht nur beim Tatort, sondern auch bei Niederbayern-Krimis haben Sie bereits mit Dialekten gearbeitet. Wie haben Sie entschieden, wie viel Fränkisch gesprochen wird?
Alle die Fränkisch sprechen, sind Franken. Es gibt keinen, der Fränkisch tut. In dem Fall war es ganz klar: Die Franken sind die Franken und die beiden zugewanderten Kommissare sind eben die Zugewanderten.

Haben Sie Sorge, dass die Franken den Tatort nicht mögen könnten?
Wir waren an einem Abend beim Oberbürgermeister zum Altstadtfest eingeladen, plötzlich sprang er auf und hielt eine brillante Rede darüber, wie viele Gründe es gibt, warum es mit diesem Tatort nicht gut gehen kann. Wir haben alle viel gelacht, aber ich hab keinen der Gründe vergessen.

Das Gespräch führte Jennifer Hauser