Ahmad und Surab begrüßen uns. Die beiden Jungen lächeln. Auf Nachfrage erfahren wir, dass der 16-jährige Ahmad aus Damaskus kommt. Surab ist Afghane, gerade mal elf Jahre alt. Ob wir einen Kaffee trinken möchten. Gerne.

Wir befinden uns im mudra-Basecamp in Birnthon. Birnthon, das ist ein kleiner Weiler mitten im Nürnberger Reichswald. Zwischen der Frankenmetropole und Altdorf gelegen, aber noch zu Nürnberg gehörig. Mudra ist eigentlich eine Jugend- und Drogenhilfeeinrichtung. Mit dem Basecamp betreibt man erstmals eine Jugendhilfeeinrichtung klassischen Stils. Norbert Wittmann, der Leiter der Einrichtung, kümmert sich hier zusammen mit acht pädagogischen Fachkräften, einem Hausmeister und einer Haushaltshilfe seit neun Monaten um 18 junge unbegleitete Flüchtlinge zwischen elf und 18 Jahren.

Neuland auch für ihn, der es vorher nur mit Drogenabhängigen zu tun hatte. Egal, ob sie gerade mit der Erzieherin Plätzchen backen oder beim Kochen helfen, sie tun das offenkundig gerne und engagiert. Was bei aller Höflichkeit auffällt, ist die zurückhaltende Art der jungen Leute.

Auch bei Ahmad und Surab ist das so. Obwohl die beiden schon ein Jahr in Deutschland sind und sehr gut Deutsch sprechen. Das sei kein Wunder angesichts der mitunter unvorstellbaren Bürgerkriegserfahrungen, berichtet der Camp-Leiter. "Wir sind zuallererst darum bemüht, ein Vertrauensverhältnis herzustellen", heißt es. Das funktioniere, brauche aber seine Zeit. Wie das gehe mit der Verständigung, wollen wir wissen. "Zu Beginn mit Händen und Füßen, und in amtlichen Angelegenheit mit einem Dolmetscher."

Zudem würden die jungen Leute schnell lernen. Nach der ersten Unterbringung in Massenunterkünften ohne persönliches Rückzugsgebiet, käme den jungen Leuten die Ruhe in Birnthon und der geregelte Tagesablauf sehr entgegen. Dass in dem Weiler "nix los" ist, stört also weniger. Trotzdem, Fremden gegenüber verhalten sich die Jungs zurückhaltend.


Drei Suizidversuche

"Wir hatten in den letzten Monaten hier drei Suizidversuche", berichtet Norbert Wittmann. Der Druck auf einige der Jugendlichen ist selbst in Birnthon oft noch sehr groß. Dann etwa, wenn ein via Internet immer noch mit der Familie verbundener Junge erfahren muss, dass wegen seiner Flucht zu Hause drei seiner Schwestern von den Taliban erschossen wurden. Drei Wochen lang jede Woche eine. Der Druck lastet auch auf den Betreuern. Wittmann wurde in den letzten Monaten mit diversen menschlichen Tragödien konfrontiert. Er verarbeitet das dadurch, dass er sich privat zurückzieht, einfach zur Ruhe kommt.

Natürlich hat er - wie alle anderen Betreuer - inzwischen seine Jungs ins Herz geschlossen. Zwar durchlaufe ein Großteil von ihnen derzeit gerade die schwierige Pubertätsphase, aber andere Probleme würden das überlagern. Die Jungen seien verunsichert, hätten ein großes Bedürfnis nach Vertrauen, seien sehr neugierig. Sie möchten gerne verstehen, wie in dem für sei fremden Land alles funktioniert.

Und sie möchten lernen. Alle besuchen sie inzwischen Schulen, einige hätten bereits mit einer Ausbildung begonnen. Damit möglichst schnell die Sprachbarriere überwunden wird, gibt's in Birnthon zusätzlich Nachhilfe. Pensionierte Lehrer und einige Studenten helfen dabei.

Ein geregelter Tagesablauf hilft bei der Integration. Jeden Abend kommt man zu einem gemeinsamen Abendessen zusammen. Es wird nicht nur gelernt, sondern auch gespielt. Die Jungen sollen ihre neue Heimat kennenlernen. Es gab bereits Städtebesichtigungen, ein Camp im Allgäu, Ausflüge in die Fränkische Schweiz.

Das kann nicht verhindern, dass die jungen Leute immer wieder massiv mit Heimweh kämpfen. Wittmann: "Freiwillig ist von unseren Jungen keiner nach Deutschland gekommen. Viele wurden einfach aus ihrer Heimat gebombt". Immer wieder muss Trauerarbeit geleistet werden. Einige sind bereits Vollwaise, andere verloren Familienmitglieder auf der Flucht. Das Gefühl allein zu sein sorgt immer wieder für depressive Phasen.

Die Arbeit der Betreuer erleichtert das nicht unbedingt. Wittmann hat selbst Familie. Die hat er im letzten Jahr wegen seines Jobs ein wenig vernachlässigt. Trotzdem hat er jetzt ein Jahr verlängert, bleibt bei seinen Jungs in Birnthon. Er möchte seine Schützlinge möglichst bald integriert wissen, mit guter Zukunftsperspektive. "Diese Arbeit ist ungemein wichtig für unsere Gesellschaft." Genau deshalb macht Norbert Wittmann weiter.