Es ist ein einfaches Erfolgsrezept und funktioniert doch jedes Jahr aufs Neue: Die Macher des weltberühmten Nürnberger Christkindlesmarktes setzen bis heute auf eine Jahrhunderte alte Tradition und eine strenge Marktordnung. Die regelt penibel die Gestaltung der weihnachtlichen Verkaufsbuden und ihr Sortiment - nicht immer zur Freude mancher Marktbeschicker und Besucher. Die Kritik am Konzept wird von Jahr zu Jahr lauter.
Und dennoch: Wenn am kommenden Freitag das Nürnberger Christkind Barbara Otto das vorweihnachtliche Markttreiben mit dem Prolog eröffnet, kann Nürnbergs Marktamtsleiterin Christine Beeck sicher sein: Bis zum 24. Dezember werden sich wieder rund zwei Millionen Menschen in dem "Städtlein aus Holz und Tuch" drängen - so viele kamen auch im vergangenen Jahr.

Garant dafür ist nicht nur die bis ins 16. Jahrhundert reichende Geschichte des Marktes, für die es im Nürnberger Stadtarchiv zahlreiche Belege gibt. Beeck ist überzeugt, dass vor allem die strengen Vorgaben der Marktordung das besondere Flair des Christkindlesmarktes ausmachen.
Die Dächer sind der Ordnung zufolge einheitlich in rot-weiß gehalten, als Schmuck ist nur echtes Tannengrün erlaubt, als Beleuchtung allein das Licht heimeliger Bleiglaslampen. Und wer seine Christbaumkugeln, Rauschgoldengel oder Zwetschgenmännchen auf nacktem Holz präsentiert, der wird schon mal dezent ermahnt, doch lieber für eine hübsche Tischbespannung zu sorgen - zumindest, wenn er nächstes Jahr wieder einen Stand bekommen will.

Tabu ist auch schrille Weihnachtsdekoration, "Jingle Bells" aus Riesenboxen und Kriegsspielzeug. "Wir legen Wert auf ein hochwertiges Sortiment", betont Marktchefin Beeck. Neben klassischen Glühwein-, Lebkuchen- und Bratwurstständen gehöre dazu auch Kunsthandwerk. "Wichtig ist uns auch, dass viele regionale Produkte angeboten werden, gerne Bio-Artikel und gerne auch Waren aus fairem Handel."

Neulinge bekämen ein "Erstbeschickungsgespräch". Da gibt das Marktamt Tipps für die Standgestaltung und schwört die Neuen auf die strengen Öffnungszeiten ein: In der Früh zu spät aufmachen gehe ebenso wenig wie abends ein Stündchen früher zu schließen. Probleme, genügend Betreiber zu finden, hat die Stadt dennoch nicht. Für die 185 Stände gibt es jedes Jahr mehr als doppelt so viele Bewerber.

Die Zeiten, in denen alles um den Christkindlesmarkt sakrosankt war, scheinen allerdings vorbei. Schon vor ein paar Jahren regte sich Kritik einiger Standbetreiber, der Christkindlesmarkt verkomme zu einer Art "Glühwein-Kerwa" (Glühwein-Kirchweihfest). Und als sich schließlich auch noch die angeblich weltgrößte Feuerzangenbowle neben dem Christkindlesmarkt breit machte, kursierte auf einmal das böse Wort von der "Ballermannstadt" Nürnberg.

Soweit möchte der Nürnberger Tom Deuerlein nicht gehen. Dass der Markt zunehmend zu einer "Glühwein-, Bratwurst- und Lebkuchen-Party" verkomme, findet aber auch er. Sieben Jahre lang hat er einen Stand mit antiquarischen Büchern auf dem Weihnachtsmarkt betrieben - bis sich das für ihn nicht mehr lohnte. Was der Buchhändler vermisst: Mehr Stände mit Kunsthandwerk. Da könnten etwa alte Nürnberger Handwerke wie Kupferstechen oder Papierschöpfen vorgeführt werden.

Ein anderer, der Nürnberger Designer Udo Kloos, mokierte sich vor einiger Zeit in einem Internet-Blog über die eintönige Anordnung der Stände in Längsachsen. Statt der "Budenbatterien", bei denen man oft nach der zweiten Ladenstraße schon genug vom Markt habe, spricht sich Kloos für eine sternenförmige Anordnung mit einem kleinen Platz im Mittelpunkt aus. Nürnbergs Marktchefin hält das für unpraktikabel; dazu sei der Hauptmarkt, auf dem der Christkindlesmarkt stattfindet, zu klein. Zudem würden Marktbeschicker abseits des zentralen Platzes benachteiligt. Probleme gäbe es zudem mit den Fluchtwegen.