Die Debatte um das Abbrennen von Feuerwerkskörpern ist wenige Tage vor der Silvesternacht bundesweit Thema. In Krailling (Landkreis Starnberg) war ein Antrag im Gemeinderat abgelehnt worden, der mit Hinweis auf traumatisierte Flüchtlinge ein generelles Böllerverbot gefordert hatte.

Anders geht man mit der Problematik in Reichenberg im Landkreis Würzburg um. Hier hat man Maßnahmen zum Schutz der Flüchtlinge ergriffen und plant ein Probefeuerwerk an der Flüchtlingsunterkunft. Damit es nicht zu Angst und Panik komme, wolle man den Menschen damit zeigen, was auf sie in der Silvesternacht zukomme, heißt es in der Stellungnahme der Gemeinde. In Sachsen hingegen bitten die Johanniter die Bürger darum, in der Nähe von Flüchtlingsunterkünften keine Feuerwerkskörper zu zünden. In Düsseldorf will man die Menschen vorab in den Unterkünften für das Thema sensibilisieren.

Vergleichbare Aufrufe gibt es auch in Nürnberg. So setzt sich die ÖDP seit Wochen für "böllerfreie Zonen im Umkreis von Flüchtlingsunterkünften" ein. Rund 8.000 Flüchtlinge leben derzeit in Nürnberg. Sie sind entweder in sehr großen Unterkünften mit bis zu 2.000 Menschen untergebracht. Viele leben aber auch in kleinen Wohneinheiten, die über das Stadtgebiet verstreut sind.

Sie vor einer Retraumatisierung durch das Silvesterfeuerwerk zu schützen, ist, trotz des abgelehnten ÖPD-Antrages im Stadtrat nach wie vor das erklärte Ziel der Fraktion. ÖDP-Stadtrat Thomas Schrollinger sagte, er könne nicht verstehen, dass der Antrag seiner Fraktion keine Mehrheit gefunden habe. Ein komplettes Böllerverbot, wie es der Bundestagsabgeordnete Hans-Christian Ströbele (Bündnis 90/Die Grünen) gefordert habe, sei "sicher übertrieben". Feuerwerksfreie Zonen hingegen seien durchaus angemessen.

"Vor allem für Kinder dürfte es schwierig sein, die zum Teil stundenlange Geräuschkulisse der Silvesterknallerei emotional von den schrecklichen Erlebnissen zu trennen", erklärte Schrollinger. Nachdem die Stadt keine Maßnahmen zum Schutz der Flüchtlinge plane, bleibe der ÖDP jetzt nur noch die Möglichkeit, an die Vernunft der Menschen zu appellieren und diese darum zu bitten, "einen großen Bogen um Flüchtlingsunterkünfte zu machen", insistierte Schrollinger kurz vor dem Jahreswechsel.

Die Flüchtlingsproblematik und Silvester hält der Stadtrat generell für ein heikles Thema, das seitens der Politik viel Diplomatie erfordere. Zu der Angst um die seelischen Folgen der Silvesterknallerei käme die Furcht vor "rechten Übergriffen". Schrollinger befürchtet, dass Menschen "mutwillig Flüchtlingsunterkünfte aufsuchen könnten". Deshalb müsse man mit der Information, wo Flüchtlinge untergebracht sind, in der Öffentlichkeit vorsichtig umgehen.

Für die Stadt Nürnberg sagte Sabrina Havlitschek vom Sozialreferat, es seien trotz des ÖDP-Antrages "keine besonderen Maßnahmen an Silvester geplant". Die Sozialreferentin betonte, man sei sich des Problems durchaus bewusst. Bei rund 80 über das Stadtgebiet verteilten Flüchtlingsunterkünften sei die Einrichtung von Schutzzonen aber nicht möglich. Gerade mit Hinweis auf die vielen kleinen Unterkünfte inmitten von Wohngebieten fragte Havlitschek mit Blick auf die Silvestertradition: "Wie sollen wir das machen?"

22 Flüchtlingsunterkünfte mit rund 2.500 Flüchtlingen betreut das BRK in Nürnberg. Dessen Kreisvorsitzende Brigitte Lischka erklärte, man sei in den großen Unterkünften gut auf Silvester vorbereitet. Die Menschen befänden sich in regelmäßiger medizinischer Betreuung. Sozialarbeiter seien "ständig im Gespräch mit den Menschen und bereiten diese auf die Silvesternacht und die hiesigen Bräuche vor".

Die Pädagogin Susanne Kiefer ist in der Flüchtlingsunterkunft in der Tillystraße Ansprechpartnerin für ein Team, das aus sieben Sozialpädagogen besteht. Auch sie verweist auf die psychologische Vorbereitung und Betreuung durch Fachkräfte. Ob die Menschen Angst empfänden oder retraumatisiert werden könnten, "hängt sehr vom Einzelschicksal ab", sagte sie.

Vier Syrer, im Alter zwischen 20 und 30 Jahren, die seit Oktober hier untergebracht sind, erklärten einer Dolmetscherin auf Nachfrage: "Angst haben wir nicht. Normalerweise mögen auch viele Syrer das Silvesterfeuerwerk. Aber weil jetzt zu viele Bomben fallen, schießt natürlich niemand mehr Feuerwerkskörper ab."

Indes: Susanne Pöllet, Bereichsleiterin der Flüchtlingsberatung bei der Arbeiterwohlfahrt in Nürnberg (AWO), ist überzeugt, dass die vier Syrer nicht die Empfindungen all der anderen Flüchtlinge wiedergeben. "Ich persönlich glaube, dass es sehr viele Flüchtlinge gibt, denen das Feuerwerk extreme Angst einjagen wird", sagt sie. Seitens der AWO stehe man dieser Situation aber machtlos gegenüber. Pöllet: "Dazu hätte es einer Ansage der Stadt bedurft." (01/4453/28.12.2015)