Er singt nicht nur wie Bob Marley, er sieht auch fast genauso aus wie die Ikone der Reggae-Musik. Mit seinen Dreadlocks und der Gitarre sitzt Shane Vanderwall am liebsten in der Königstraße und gibt aus voller Kehle den Klassiker seines großen Vorbildes zum besten: "No Woman no cry".

Zum Heulen ist dem Musiker aus Sri Lanka derzeit selber zu Mute. "Ich soll über 1000 Euro an die Stadt bezahlen. Weil ich schöne Musiker unter freiem Himmel mache", ärgert sich Vanderwall und zaubert das Schreiben der Stadt aus dem Ärmel. "Bußgeldbescheid" steht darüber in fetten Lettern. Darunter ist im schönsten Amtsdeutsch zu lesen: Zuwiderhandlungen gegen das Bayerische Straßen- und Wegegesetz. Im Sommer diesen Jahres hat die Polizei den Musiker fünf Mal ohne die erforderliche "Sondernutzungserlaubnis" beim Musizieren in der Innenstadt erwischt. Weil in Deutschland alles seine Ordnung hat, braucht ein Straßenmusiker in der Frankenmetropole eine Genehmigung von der Stadt. Zu allem Überfluss hatte Vanderwall einen kleinen Verstärker dabei. Diese sind im Gegensatz zu Dudelsäcken, Posaunen und Trompeten absolut tabu in Nürnberg.


"Ich will Freude verbreiten"


Als uneinsichtiger Wiederholungstäter soll Vanderwall nun pro Verstoß 200 Euro bezahlen. Inklusive Verwaltungsgebühr macht das summa summarum 1053 Euro und 50 Cent. "Die Strafe bezahle ich. Aber das System ist falsch. Als Musiker will ich Freude verbreiten. Dass ich dafür bestraft werde, ist einfach nur ein Witz", ärgert sich der Musiker. "Das ist meine Heimatstadt und die meiner Tochter. Ich möchte mein Talent dafür nutzen, die Stadt lebenswerter zu machen", sagt Shane, der vor fünf Jahren aus Sri Lanka der Liebe wegen nach Nürnberg gekommen ist.

Straßenmusik sei nun mal eine Sondernutzung, verweist der zuständige Wirtschaftsreferent Michael Fraas (CSU) auf die Rechtslage. Daher müsse jeder eine Sondernutzungserlaubnis haben. Allerdings werde die Kontrolle in der Praxis immer schwieriger. "Wir haben ein Vollzugsproblem. Wir können unsere eigenen Vorgaben nicht mehr kontrollieren", gibt Fraas zu. Deshalb könne der Verdacht entstehen, die Stadt handele ungerecht oder agiere gar willkürlich. Um das Vollzugsproblem langfristig in den Griff zu bekommen, wolle die Stadt die Satzung ändern. "Wir sitzen derzeit an verschiedenen Modellen, wie wir die aktuelle Regelung vereinfachen können", sagt Fraas.



Vorstellbar wäre beispielsweise, dass nur in bestimmten Zonen und zu bestimmten Uhrzeiten überhaupt noch Musik auf den Straßen und Plätzen gestattet sei. Heute müssten die Musiker den Standplatz spätestens nach 30 Minuten wechseln. "Wir brauchen eine einfachere Reglung, die sich leichter kontrollieren lässt", sagt Fraas, der Straßenmusiker als "belebendes Element" begrüßt aber gleichzeitig an die Interessen der Geschäftsleute und genervten Anwohner erinnert.

Die Stadt sollte mehr auf Qualität setzen wie in München, schlägt Vanderwall vor. Dort muss jeder Musiker erst einmal vorspielen, damit er auf der Straßen auftreten kann. In Nürnberg gelte dagegen das Prinzip: Wer zuerst kommt, malt zuerst. Über die Genehmigung und die besten Plätze in der Stadt gäbe es mittlerweile ein großes Gerangel, berichtet Vanderwall. "Es gibt viele Gruppen aus Osteuropa, die verhalten sich wie eine Straßenmusik-Mafia. Das sind häufig ganze Familien, die gemeinsam mit Kindern immer das gleiche Lied singen. Die machen keine Kunst. Die wollen nur Geld machen", kritisiert Vanderwall. "Ja, auch ich kenne diese Bands aus Osteuropa, die mit der ganzen Familie den ganzen Tag immer das gleiche Lied singen", sagt Fraas. Ob sie diese Gruppen an die Spielregeln halten, kann Fraas nicht sagen.

Die Spielregeln sind freilich schnell erklärt. Eine Genehmigung kostet pro Tag nur vier Euro. Wer eine Erlaubnis ergattert hat, kann Nürnberg zu seiner Bühne machen. Die Sache hat allerdings einen Haken. Maximal fünf Straßenmusiker dürfen in der Frankenmetropole pro Tag gleichzeitig auf den Nürnberger Straßen auftreten. Viele würden deshalb ohne Genehmigung spielen, ärgert sich Vanderwall. Die anderen würden kaum kontrolliert. Und wenn dann müssten sie keine Strafe bezahlen, ist sich Vanderwall sicher. Bestätigen kann das die Stadt freilich nicht. "Ich bin der Einzige, der bezahlen soll", vermutet Shane und schnappt sich seine Gitarre. "Ich fahre jetzt nach München. Da ist man ein bisschen freier als hier", sagt er und steigt in den nächsten Zug.