Mit 23 Fragen hat Charlotte Bühl-Gramer ihre jungen Forscher ins Feld geschickt. Ziel der Befragung von Besuchern sei gewesen, mehr über Interessen, Motive und Eindrücke von Individualbesuchern des ehemaligen Reichsparteitagsgeländes in Nürnberg zu erfahren, betonte Bühl-Gramer, Inhaberin des Lehrstuhls für Didaktik der Geschichte an der Friedrich-Alexander-Universität (FAU) bei der Vorstellung der Studie am Montag in Nürnberg.


663 Menschen wurden befragt

Genau 663 Personen hätten an den zehnminütigen Interviews teilgenommen. Häufig seien ihren Geschichtsstudenten Einheimische bei den zufällig ausgewählten Personen ins Netz gegangen. Das Gelände habe heute eine Doppelfunktion als Freizeit- und Erinnerungsort. Fast 50 Prozent der Befragten hätten das Areal gezielt aus historisch-politischem Interesse besucht. Etwas mehr als die Hälfte der Interviewpartner habe von dem Reichsparteitagsgelände aus dem Geschichtsunterricht in der Schule erfahren. 71 Prozent der Teilnehmer der Studie gaben an, dass sich der Rundgang über das Areal gelohnt habe. Die meisten ausländischen Besucher kamen aus den USA und Großbritannien. Wiederum die Hälfte der Interviewten wollten die "Größe des Reichsparteitagsgeländes" erfassen, die "Geschichte erleben" oder "Nazi-Architektur" sehen. Überrascht sei Bühl-Gramer davon, dass 83 Prozent der Befragten die baulichen Überreste als "eindrucksvoll" empfunden hätten. 44 Prozent fänden Zeppelintribüne & Co. "eigentlich ganz schön". Nur 36,6 Prozent der Befragten empfanden die Bauwerke als "bedrohlich" oder gar "hässlich" (25,2 Prozent).

Die Besucher-Befragung dürfte die Stadt freilich nicht ohne Hintergedanken in Auftrag gegeben haben. Die Stadt will die baufällige Zeppelintribüne mit Geld von Bund und Land sanieren. Die Arbeiten an dem 360 Meter langen und 20 Meter hohen Steinquader sollen über zehn Jahre dauern und rund 73 Millionen Euro kosten. In diesem Zusammenhang soll aus dem Reichsparteitagsgelände ein "authentischer Lernort" werden. Die bauliche Sicherung von Zeppelintribüne und Zeppelinfeld soll nach den Plänen der Stadt mit einer "Erweiterung des pädagogischen Programms" sowie "einer Vertiefung der inhaltlichen Auseinandersetzung mit den Hinterlassenschaften der NS-Zeit" in Nürnberg einhergehen. Im Klartext heißt das, die alten Bauwerke sollen den Besuchern vor Ort besser erklärt werden. Heute ist das Areal museal nur mäßig erschlossen. 2006 wurden 23 Informationsstelen auf dem Gelände für die Besucher aufgestellt, die auf eigene Faust das Gelände erkunden und keine Führung beispielsweise im 2001 eröffneten "Dokumentationszentrum" buchen wollen.


Authentischer Ort ist unersetzbar

Für die Stadt seien laut Kulturreferentin Julia Lehner (CSU) drei Erkenntnisse aus der Studie besonders bemerkenswert. Erstens würden sich die Menschen für das historische Gelände mit seinen NS-Bauten sehr interessieren. "Ein Film über die Reichsparteitage kann den authentischen Ort eben nicht ersetzen", sagte Lehner im Hinblick auf Debatten, dass man sich die teure Sanierung der steinernen Hinterlassenschaften sparen könne. Daraus leitet sich die nächste wichtige Erkenntnis für die Stadt ab, dass die Besucher den Erhalt der Nazi-Bauten laut Studie nicht pauschal nicht in Frage stellen würden. Drittens freute sich Lehner besonders darüber, dass sich gerade jüngere Teilnehmer der Studie mehr Informationen an den alten Bauwerken auf dem Reichsparteitagsgelände wünschen würden. Die Umfrage spielt der Kulturreferentin offensichtlich in allen Punkten in die Karten und stärkt dem Rathaus im Umgang mit dem Gelände den Rücken. "Die Zahlen aus der Studie beweisen, dass die Stadt auf dem richtigen Weg ist", freute sich Julia Lehner dementsprechend am Montag in Nürnberg. Mit dem Verschwinden der Zeitzeugen wachse der Wunsch, die baulichen Relikte der NS-Zeit selbst in Augenschein zu nehmen. Weil es immer weniger Zeitzeugen gebe, würden die authentischen Hinterlassenschaften immer wichtiger.