Ein Mann trägt wie Atlas, der mythische Held, die Welt auf seinen Schultern. Die körperliche Anstrengung ist zum Greifen nah. Die Muskelgruppen vollführen ihr kompliziertes Zusammenspiel, damit die Erdkugel nicht zu Boden kullert. Der Bizeps im Oberarm beugt das Ellbogengelenk, der Trizeps streckt es. Nur durch diesen Antagonismus wirkt die Anstrengung so harmonisch.

Zwiespältig dagegen ist der Eindruck, wenn man diesem "Atlas" versucht, in die Augen zu schauen. Dann verschwindet der wissenschaftliche Blick. Dann sieht man den Mensch hinter der Plastination. Fragt sich, ob die Farbe des Glasaugen wirklich seiner Iris entsprochen hat. Wundert sich über die halbseitige Frisur, die wie ein Irokesenschnitt aus der einen Schädelhälfte sprießt.

Kurzum: Man betrachtet das Plastinat doch mit den menschlichen und mitfühlenden Sehgewohnheiten der sichtbaren Welt. Der freie Blick ins Körperinnere ist für unsere Augen fremd. "Für das unsichtbare Körperinnere hat die Evolution keine optischen Präferenzen eingeübt", schreibt Gunther von Hagens unter der Überschrift "Gruselleichen, Gestalt-Plastinate und Bestattungszwang" im Begleitband der Ausstellung. Deshalb habe von Hagens peinlich genau darauf geachtet, dass es beim Betrachten seiner Plastinate zu keinen Körperekel-Reaktionen kommt. In der Ausstellung bekomme man deshalb weder leere Augenhöhlen noch Zahnlücken zu sehen. Das führt dazu, dass die Exponate teilweise menschliche Züge bekommen. Menschen nur ohne Haut eben, die aus der Ferne betrachtet an "Rothäute" erinnern.



An Mumien erinnern die präparierten Leichen der Körperwelten jedenfalls wenigstens nicht im klassischen Sinn. Im alten Ägypten wollte man mit der Balsamierung der toten Körper der Persönlichkeit ewige Dauer verleihen. Oswald Spengler hat aus dem Bestattungsritual die Analogie gezogen, dass der Ägypter die Vergänglichkeit verneint. Bei den "Mumien" des Gunther von Hagens scheint dies nicht das Ziel zu sein. Vielmehr geht es um einen rationalen Körperkult jenseits menschlicher Schwächen. Die Seele hat darin keinen Platz. Genauso wie die Persönlichkeit eines Individuums.

Denn von der ursprünglichen Person des Körperspenders bleibt nach dem Prozess der Silikonplastination nicht mehr allzu viel übrig. Jedenfalls von dem, was die Person jenseits des rein organisch-materiellen Zustandes einmal ausgemacht hat. Zunächst wurde dem toten Körper über die Arterien Formalin injiziert, um den Verwesungsprozess zu stoppen. Mit Pinzette, Skalpell und Schere wurden dann Haut, Fett- und Bindegewebe entfernt. Danach wird der Restkörper "haltbar" gemacht. Wasser und lösliche Fette werden in einem Lösungsmittelbad aus dem leblosen Körper herausgelöst. Danach wird das Präparat oder besser der tote Mensch in eine Kunststofflösung eingelegt. Nach diesem Prozedere kann der Kunststoff-Körper in jede gewünschte Position gebracht werden. Mit Drähten, Nadeln, Klammern und Schaumstoff muss das Präparat nur noch wie eine Schaufensterpuppe in eine anatomisch korrekte Position gebracht werden.

Nach rund einem Jahr ist alles fertig und das Präparat bereit für die Körperwelten. Der Besucher soll sich nun wie 40 Millionen Menschen vor ihm mit seinem eigenen, organischen Innenleben auseinandersetzen. Die Körperspender sehen ihre Aufgabe darin, die Hinterbliebenen mit ihrem eigenen Fleisch aufzuklären. Das Medium ist dabei die Botschaft: der eigene Leib. "Der Körper erfährt einen Bedeutungswandel: vom gruseligen zur intimen Sehenswürdigkeit der Schöpfung", jubelt Gunther von Hagens über seine Idee, menschliche Plastinate öffentlich in Szene zu setzen. Die Ausstellung mit ihren über 200 Präparaten konfrontiert den Besucher mit Leben und Tod, Gesundheit und Krankheit und soll dadurch zur gesünderen Lebensweise animieren.

"Man spürt in der Ausstellung, dass der Körper keine göttliche Gabe oder ein natürliches Geschenk ist, sondern eine Lebensaufgabe", sagte die Kuratorin und Frau Gunther von Hagens, Angelina Whalley, bei der Eröffnung am Freitag in Nürnberg zum Ziel der Ausstellung. Gegen eine gesündere Lebensweise ist nichts zu sagen. Aber damit dürften sich alle philosophischen Fragen nicht geklärt haben. Dabei kommt einem der Ausspruch von Emerson Pugh in den Sinn: "Wenn das menschliche Gehirn so simpel wäre, dass wir es verstehen könnten, dann wären wir so simpel, dass wir es nicht könnten."