Ihren Namen wollen die jungen Männer nicht in der Zeitung lesen. Eine Meinung haben die Bauarbeiter trotzdem. "Wenn wir weg sind, kommen die Sprayer mit ihren Farbdosen und machen alles kaputt", ärgert sich der große Blonde mit dem sonnengebräunten Gesicht und stellt seine Schaufel kurz auf den Boden. Momentan errichtet die Truppe den Schallschutz in Erlangen. Noch glänzen die Wände in makellosem Grau in der Sonne. Südwärts schaut die Sache anders aus. Immer mehr Farbkleckse zieren die hohen Planken entlang der neuen ICE-Strecke zwischen Nürnberg und Fürth. Bald ist Erlangen an der Reihe. Dann folgt Forchheim und Bamberg. Eine kilometerlange Graffiti-Galerie entsteht und wächst Nacht für Nacht langsam aber stetig heran.

Zugreisende kennen die bunten Schriftzüge fast so gut wie Fahrpläne. Autofahrer können die "tags" (verschnörkelte Signaturen) und "pieces" (bunten Schriftzüge und Bilder) von weitem gut erkennen. Noch genauer hat die Bahn die bunten Hinterlassenschaft der Farbdosen-Freunde im Blick. Denn der Schaden, der dem Staatsbetrieb dadurch entsteht, beläuft sich nach Konzernangaben jedes Jahr auf rund 30 Millionen Euro.

2014 hat die Bahn 19.350 "Graffiti-Straftaten" im ganzen Land registriert. Betroffen seien neben Bahnsteigen, Brückenpfeilern, Güterzügen und S-Bahnen vor allem Lärmschutzwände. Das ärgert die Bahn besonders. Schließlich sollen die Wände nicht nur die Ohren schützen sondern auch die Augen schonen. Dafür geht der Staatsbetrieb bei der Farbwahl sogar auf die Wünsche der Kommunen ein. Nürnberg hat einen roten Rallystreifen. Erlangen hat sich für verschiedene Grautöne entschieden.

Lange werden die Wände nicht unbefleckt bleiben, ist sich Axel Gercke sicher. Der 37-jährige Künstler hat vor seiner Karriere als Maler selber Farbdosen geschwungen. Er weiß wie die "Sprayer-Szene" tickt, auch wenn er inzwischen den Pinsel nur noch in Öl tunkt. "Da muss man sich keine Illusionen machen", sagt Gercke und prophezeit, dass sich die Sprayer auf die Lärmwände stürzen werden. Die freien Flächen seien für die Graffiti-Künstler einfach zu verlockend. Gercke hat festgestellt, dass heute immer mehr Fußballfans zur Sprühdose greifen.

Früher fühlte sich die Szene fast ausschließlich dem Hip-Hop verbunden. Im New York der 60er Jahre ist die Sprühkunst im Gleichschritt mit der Rapmusik entstanden. Heute ist Graffiti eine globales Phänomen. "Es gibt viele berühmte Graffiti-Künstler weltweit. Sogar auf Auktionen werden diese Werke teuer gehandelt", erklärt Christian Philipp Müller. Mit Kunst seien Graffiti allerdings nicht gleichzusetzen, erklärt der Professor, der in Nürnberg an der Kunstakademie lehrt. "Aber sie sind ein wichtiger Ausdruck unserer Zeit", ist sich Müller sicher. Die zwei Bauarbeiter haben freilich einen frommen Wunsch. "Wir würden uns freuen, wenn sich die Graffiti-Künstler genauso anstrengen würden wie wir." Denn manche Werke finden die beiden richtig gut.