Die Fernsehbilder von ankommenden Flüchtlingen in Bayern sind allgegenwärtig, und das Bedürfnis, ihnen zu helfen, ist groß. Gleichzeitig denken die Menschen offenbar auch weiter an die vielen Bürger in sozialen Nöten. Beim Nürnberger Sozialmagazin "Straßenkreuzer" etwa, das nicht selten von Obdachlosen verkauft wird, macht sich die hohe Zahl der Flüchtlinge kaum bemerkbar.
 
Ilse Weiß, 55, ist Chefredakteurin des Nürnberger Sozialmagazins "Straßenkreuzer" mit 60 beschäftigten Verkäuferinnen und Verkäufern. Sie erklärt, wie sich die Verkaufszahlen zuletzt entwickelt haben, welche Rolle der Standort spielt und wie Obdachlose die Flüchtlingskrise sehen.


Frau Weiß, wie haben sich die Verkäufe Ihres Magazins innerhalb der vergangenen Wochen verändert? 


Antwort: Bevor ich die Zahlen nachgeschaut habe, war ich mir sicher, dass die Spendenbereitschaft gegenüber Obdachlosen zurückgegangen ist. Einfach deshalb, weil die Flüchtlinge medial gerade sehr viel Aufmerksamkeit erhalten. Tatsächlich sind die Spenden bei uns aber nur um etwa zehn Prozent gesunken. Das ist lächerlich wenig und gehört zu den normalen Schwankungen, die wir haben. Selbst da ist die Frage: Hat das etwas mit den Flüchtlingen zu tun? Ich wäre sehr vorsichtig, das in dieser Weise zuzuspitzen. Die Situation ist so fragil, teilweise ist die Unsicherheit sehr groß. Und unsichere Zeiten rufen oft Angst hervor. Unsere November-Ausgabe beschäftigt sich mit dem Thema Angst. Da wird wieder einmal deutlich: Angst ist kein guter Ratgeber.


Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen der Spendenbereitschaft und dem Standort Nürnberg?

Antwort: Nürnberg ist eine Stadt, die schon viele Hochs und Tiefs erlebt hat. Große Firmen sind hier zugrunde gegangen. Das sind Tausende Arbeitsplätze, die nicht mehr existieren. Hier wissen die Menschen einfach, dass man das Glück im Leben nicht immer gepachtet hat. Das sehen übrigens etliche unserer Magazin-Verkäufer genauso. Einige von ihnen stammen aus der ehemaligen DDR. Die können sich noch gut daran erinnern, was es heißt, zu fliehen. Wenn jemand Hilfe braucht, dann soll er die auch bekommen. Das ist so einfach wie komplex. Es macht da keinen Sinn, Arm gegen Arm auszuspielen.


Frage: Wann ist die Spendenbereitschaft am größten?

Antwort: In unserer überwiegend christlichen Gemeinschaft ist die Advents- und Weihnachtszeit für unsere Verkäufer die wichtigste Zeit. Mit der Kälte kommt bei vielen Menschen auch das Bewusstsein zu helfen. Da passiert es dann auch mal, dass die Verkäufer einen Mantel geschenkt oder einen Schein extra zugesteckt bekommen. Viele finden das in diesen Wochen besonders anrührend. Allerdings sind wir im Januar genauso auf Spenden angewiesen wie in der Weihnachtszeit.