Zoi Koliussi macht sich Sorgen um ihre Schützlinge. Die Heilerziehungspflegerin begleitet regelmäßig Menschen mit Behinderungen zu den Essens-Ausgabestellen der Nürnberger Tafel. "Wenn es die Tafel nicht mehr gäbe - das wäre ganz schlimm", sagt Koliussi. Viele ihrer Schützlinge haben nur wenig Geld zum Leben. Ohne die günstigen Lebensmittel bliebe kaum etwas übrig. Doch die Nürnberger Tafel steht auf der Kippe.

In der vergangenen Woche stimmten die Mitglieder des Vereins mehrheitlich gegen ein neues Trägermodell. Auch die Neuwahl des Vorstands scheiterte. "Die Situation ist alles andere als lustig", sagt Noch-Vereinschef Hermann Rupprecht. Sowohl das Bayerische Rote Kreuz (BRK) als auch die Stadtmission Nürnberg hatten angeboten, die Trägerschaft zu übernehmen - erfolglos.


Professionelle Strukturen fehlen

Das große Problem der Tafel in der Frankenmetropole: Die Aufgaben sind zu umfangreich für die etwa 150 ehrenamtlichen Helfer geworden. Knapp 6000 Bedürftige versorgt die Tafel, es fehlen professionelle Strukturen. Wegen Überlastung der Ehrenamtlichen schrieb der neue Vorstand des Vereins im vergangenen Sommer einen Brandbrief an die Mitglieder. Als sich die Situation trotzdem nicht verbesserte, trat die Vereinsführung im Oktober komplett zurück. Die Ausgabestellen mussten daraufhin kurzzeitig geschlossen werden - ein in Deutschland einmaliger Vorgang.

Das BRK sprang vorübergehend ein und leistete seitdem 1500 Arbeitsstunden. Auch in der nächsten Zeit will das Rote Kreuz die Tafel noch unterstützen, wie Geschäftsführerin Brigitte Lischka sagte. "Die Menschen sollen nicht unter der Entscheidung leiden", betont sie. Klar sei allerdings auch: Diese für die Tafel kostenlose Hilfe sei nicht auf Dauer möglich.

Am frühen Nachmittag öffnet Ausgabenstellen-Leiterin Renate Glaubrecht die Tür. Davor warten bereits 50 Kunden. Innen haben Ehrenamtliche die Lebensmittel sortiert, die Unternehmen gespendet haben. Je nach Haushaltsgröße müssen die Kunden symbolisch zwei oder drei Euro für den Einkauf zahlen. Von Mitarbeitern bekommen sie Obst, Gemüse, Backwaren, Süßigkeiten und Milchprodukte.


300 Mitglieder im Verein

Glaubrecht ist im Tafel-Verein. "Dass die Mitglieder beide potenziellen Träger abgelehnt haben, war natürlich schlecht", sagt sie. "Den Mitgliedern wurde aber zu wenig erzählt, wie das Konzept in Zukunft genau aussehen soll. Und das BRK wollte den Verein gleich komplett auflösen. Das hat vielen nicht gefallen."

Der Verein hat etwa 300 Mitglieder. Bei der jüngsten Versammlung waren aber nur 76 anwesend. "Daran sieht man schon das Desinteresse", ärgert sich Glaubrecht. Zwei Drittel der Ehrenamtlichen sind zudem keine Vereinsmitglieder - und bestimmen damit auch nicht über die Zukunft des Vereins mit. So auch die 72 Jahre alte Juana Barthel. Trotz Rückenproblemen engagiert sie sich seit vier Jahren in den Ausgabestellen. "Momentan wissen wir wirklich nicht, woran wir sind - existieren wir noch oder nicht?", fragt Barthel.

Dass eine Lösung für die Tafel gefunden wird, wünscht sich auch eine 48 Jahre alte Nürnbergerin, die etwa einmal die Woche kommt. "Ich bin auf die Tafel angewiesen. Ich habe nicht viel Geld. Wenn das wegfallen würde, wäre das sehr schlecht", sagt sie. Das Mitgliedervotum gegen beide Träger kann sie nicht verstehen: "Wenn die Tafel Hilfe braucht, dann sollte sie die Angebote auch annehmen."


Günstige Lebensmittel als Entlastung

Sozialamtschef Dieter Maly betont: "Die Stadt hat ein Interesse, dass das operative Geschäft der Tafel weiterläuft." Zwar müsse auch ohne Tafel niemand hungern. Dennoch seien die günstigen Lebensmittel "eine Entlastung": "Das ermöglicht auch mal eine Kinokarte oder ein Eis für die Kinder."

In die Vereinsangelegenheiten könne und wolle sich die Stadt nicht einmischen, sagt Maly. Derzeit sei er aber auf der Suche nach Stiftungsmitteln, um den Notbetrieb zumindest finanziell ein wenig zu unterstützen. "Wenn das Registergericht einen Notvorstand einsetzt, der den Auftrag hat, den Verein abzuwickeln, wird eine reibungslose Übernahme viel schwieriger."

Vereinschef Rupprecht hat beim Amtsgericht bereits die Bestellung eines neuen Notvorstands beantragt. "Ob sich jemand findet, der die Verantwortung übernimmt, ist völlig unklar", sagt der 61-Jährige. Er selbst stehe nicht mehr zur Verfügung: "Ich habe mich in den vergangenen Monaten aufgearbeitet und bin dadurch auch gesundheitlich angeschlagen." Nur noch bis Ende Februar will er weitermachen. "Wenn bis dahin keine Lösung gefunden wurde, ist der Verein führungslos und die Ausgabestellen müssten erneut geschlossen werden."