Liest man die Eigenwerbung großer Rüstungsunternehmen, fühlt man sich wie bei George Orwell. Im Roman "1984" dient die Amtssprache Neusprech nicht dazu, Klarheit zu schaffen. Sie soll verschleiern. So tauchen zwar auch auf der Homepage der Firmengruppe Diehl in Nürnberg Begriffe wie "Krieg" auf. Plakativ ins Auge springt aber diese Botschaft unter dem Brandenburger Tor: "Leben in sicherem Umfeld".

Wie sicher eine Welt ist, in der mit Waffengeschäften Milliarden verdient werden, ist eine Frage, bei der die Meinungen weit auseinandergehen. Aktuell sind (wieder einmal) die deutschen Rüstungsexporte in den Fokus geraten, die unter dem Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel 2015 enorm gestiegen sind, obwohl der SPD-Politiker öffentlich genau für das Gegenteil eintritt.

Deutsche Waffentechnik ist begehrt, und auf der Liste der Kunden bei Diehl, Heckler & Koch, Krauss-Maffei Wegmann und Co. stehen nicht nur die deutschen Partner in der Nato oder Saudi- Arabien. Der Bundessicherheitsrat gab nach einer Liste, die der Redaktion vorliegt, 2015 grünes Licht für Waffenlieferungen unter anderem nach Afghanistan, Angola, Bahrain, Botsuana, Gabun, Kasachstan, Kongo ...

Die Liste ist lang: Außerhalb der Nato und der EU freuten sich 80 Staaten der Welt über Päckchen aus den deutschen Waffenschmieden. Es gab von Januar bis Juni 2015 rund 1700 Einzelgenehmigungen im Wert von 1,7 Milliarden Euro, etwa die Hälfte der gesamten Rüstungsexporte in diesem Zeitraum (3,5 Milliarden Euro).
Wie viel Sicherheit damit exportiert wird, ist eine Grundsatzfrage. Im Fall von Ländern wie Korea oder Indien und Pakistan, die an der Schwelle bewaffneter Konflikte stehen, stellt sich diese Frage nicht nur für die Opposition im Bundestag umso mehr.

Grüne und Linke werfen der Regierung vor, "jeden Rest Glaubwürdigkeit" verloren zu haben, zumal die Waffenexporte 2016 weiter steigen dürften. Die Deutsche Friedensgesellschaft geht noch weiter. Ihr Sprecher Jürgen Grässlin klagt Gabriel wegen "Beihilfe zum Mord" an, weil er es zulasse, dass mit deutschen Waffen in Kriegs- und Bürgerkriegsgebieten wie Syrien auch Zivilisten getötet werden; weil die Verbreitung von Waffen und Munition Terroristen in die Hände spielt.

Gabriel sieht das anders. Er verweist auf "Altlasten", von den Vorgängerregierungen eingefädelte Rüstungsdeals, die er nicht stoppen könne. Und er betont, dass die aktuelle Bundesregierung beim Handel mit "Kleinwaffen" bremse; eben auch, um zu verhindern, dass Terroristen Anschläge mit Waffen "made in Germany" verüben.
Zu den Waffen, die auf der Wunschliste von Terroristen weit oben stehen dürften, gehört die DM 51. Der Hersteller preist das 450 Gramm schwere Hightech-Produkt zum Stückpreis von 34 Euro an: "Reduzierung der verwendeten Sprengstoffmenge, ohne auf eine optimale Wirkung verzichten zu müssen". Die optimale Wirkung bezieht die Waffe aus 6500 Stahlkugeln, die bei der Explosion im Umkreis von zehn Metern alles und jeden zerfetzen.

Die DM 51 ist die Standard-Handgranate der Bundeswehr. Hersteller ist die Firma Diehl Defense in Überlingen am Bodensee. Der Rüstungsspezialist ist eine Tochter der Diehl-Stiftung in Nürnberg. Der Gesamtkonzern erwirtschaftete nach dem Geschäftsbericht, den Vorstandschef Thomas Diehl eben vorgelegt hat, 2015 mit 16 300 Mitarbeitern einen Umsatz von 3,1 Milliarden Euro. Die Militärsparte trug mit 1600 Mitarbeitern und 405 Millionen Euro Umsatz laut Diehl 14 Prozent zum Geschäftserfolg bei - nur noch; es waren auch schon 30 Prozent.

Allerdings: Auch Diehl Aerosystems, die große Luftfahrtsparte des Konzerns, erwirtschaftet einen guten Teil ihres Umsatzes (2015: eine Milliarde Euro) mit militärischen Aufträgen. Diehl-Bauteile fliegen in vielen Hubschraubern und Kampfjets mit.

Diehl sieht die Bedeutung der Rüstungssparte weiter schrumpfen und legt den Schwerpunkt auf die Luftfahrt. Völlig aus dem Waffengeschäft verabschieden will sich das fränkische Unternehmen, das 1902 gegründet wurde, aber nicht. "Wir sind Dienstleister, wir machen, was die Märkte brauchen", sagt der Vorstandsvorsitzende.


Kritik an der Regierung

Offen kritisiert der Unternehmer die allzu restriktive Genehmigungspraxis der Bundesregierung und die langen Bearbeitungszeiten in den Behörden; damit, so unkt er, treibe Deutschland die Rüstungsindustrie ins Ausland.
Mit Partnern im Ausland kooperiert Diehl Defence längst, wie die meisten Waffenhersteller ist Diehl ein Mischkonzern. Große Projekte werden meist als Joint Venture von mehreren Unternehmen abgewickelt. Beispiel Eurospike: In Röthenbach arbeiten Diehl, Rheinmetall (Bremen) and Rafael (Israel) gemeinsam an der Entwicklung der "Spike"-Panzerabwehrrakete.

Zu den Spezialitäten von Diehl Defence gehört Artilleriemunition. Um das System Smart 155 hat es 2009 einen in der Geschichte der deutschen Rüstungsindustrie einmaligen Prozess gegeben. Ein Gericht untersagte einem Regensburger Journalisten, die Waffe als "Streubombe" zu bezeichnen. Im Militärsprech handelt es sich tatsächlich um "Punkt-Ziel-Munition", die gegen "harte, halbharte und weiche Ziele" eingesetzt werden kann.
Nur wer George Orwells Neusprech fließend beherrscht, ahnt, dass die Waffenschmiede der Firmen Diehl und Rheinmetall, die das tödlich präzise Geschoss herstellt, in Nürnberg unter diesem durchaus freundlichen Namen firmiert: "Gesellschaft für intelligente Wirksysteme".