Ganz klar scheint rund um den rätselhaften Tod des Nürnberger Promi-Arztes Franz Gsell nur wenig zu sein. Fest steht nach dem neuen Prozess vor dem Nürnberger Landgericht wohl, dass der 76-Jährige am 5. Januar 2003 von zwei Männern in seiner Villa überfallen und ausgeraubt wurde. Das haben die beiden angeklagten Männer auch zugegeben.

Aus Sicht der Staatsanwaltschaft verletzten sie den Mediziner dabei so schwer, dass er einige Wochen später starb. Dies wiederum bestreitet die Verteidigung. Entweder soll Gsell sich bei einem Sturz selbst verletzt haben - oder ein auch nach elf Jahren noch unbekannter Täter soll den Arzt traktiert haben. In ihren Plädoyers berufen sich die vier Verteidiger am Freitag auf die zahlreichen Ungereimtheiten, die es von Anfang an in dem Fall gab.

Rückblick: Kurz nach Gsells Tod gehen die Ermittler davon aus, dass seine Ehefrau und eine Autoschieberbande den Überfall auf Gsell geplant haben. Die Bande sollte demnach die Limousine des Paares ins Ausland schaffen und Gsells Frau Tatjana die Versicherungssumme kassieren. Später werden Tatjana Gsell, zwei Autoschieber und ein früherer Staatsanwalt und Jugendfreund der Witwe wegen versuchten Versicherungsbetrugs verurteilt. Mit dem Tod des Arztes kann aber keiner der Beteiligten in Verbindung gebracht werden. In einem der Urteile hält die Strafkammer fest, sie gehe davon aus, dass ein bisher Unbekannter Gsell die tödlichen Verletzungen zugefügt hat.

Dann - im Jahr 2010 - entsteht eine neue Theorie: Unabhängig von den Autoschiebern sollen am gleichen Tag zwei Räuber bei Gsell gewesen sein. Auf die Spur der Männer kam die Polizei mit Hilfe eines DNA-Treffers in Dänemark sowie eines Zeugen. Nach mehreren Justizpannen stehen die beiden nun seit September vor Gericht.

Oberstaatsanwältin Jutta Schmiedel ist überzeugt, dass diese Männer Gsell überfallen und schwer verletzt haben. Der gebrechliche und übergewichtige Arzt erlitt unter anderem vier Rippenbrüche. "Sie gingen mit einem Übermaß an brutaler Gewalt vor", sagt Schmiedel. Sie hätten die Tat von Anfang an so geplant - ausgerüstet mit einem Klebeband zum Knebeln ihres Opfers und Mützen, mit denen sie sich maskierten.

Die Staatsanwältin fordert, die Männer wegen gemeinschaftlichen Raubes mit Todesfolge schuldig zu sprechen. Ihr "sogenanntes Geständnis" wertet sie dabei nicht zugunsten der Angeklagten. Denn sie hätten darin keine Reue gezeigt, sondern es "hatte ausschließlich prozesstaktische Gründe".

DNA-Spuren an Mützen und Klebeband überführten die Männer. Einigen Aussagen der Angeklagten schenkt Schmiedel Glauben, andere bezeichnet sie als Schutzbehauptungen. Über ihr Opfer - sie nennen den Chirurg "Dr. Silikon" - hätten sie sich später unterhalten. Nur am Rande geht Schmiedel auf die früheren Theorien mit dem fingierten Überfall ein. Den angeblichen Sturz von Gsell hält sie für ausgedacht. Gsell habe ihn nach der Tat niemals gegenüber der Polizei erwähnt.

Und dann geht es um den Knackpunkt an diesem Tag: Schmiedel bezieht sich auf das Urteil der Autoschieber aus dem Jahr 2005. "Der Täter der todbringenden Schläge konnte damals nicht verurteilt werden. Das muss einem Unbehagen verursachen", sagt die Anklägerin. Diese Person sei nicht zu ermitteln gewesen. "Ich weiß warum: diese Person gab es überhaupt nicht", sagt sie. "Ich bin der Überzeugung, dass es diese versuchte Autoschieberei gab. Sie war angedacht. Aber ich bin auch der Überzeugung, dass da in dieser Nacht nichts geschehen ist."

Genau das sieht die Verteidigung anders. Ihre Taktik: Zweifel säen. Wenn es doch sogar ein Urteil gebe, das feststellt, dass ein anderer - der große Unbekannte - Gsell verletzt habe, könne man dies nicht einfach ignorieren. "Eine weitere suspekte Gestalt ist Tanja Gsell", sagt eine der Verteidigerinnen. Tatjana Gsell habe mehrfach die Unwahrheit gesagt. Wieso solle man ihr nun glauben, als sie zuletzt im Prozess ihr früheres Geständnis widerrief? "Die Vorkommnisse des Tatabends sind von Anfang an nur unzureichend aufgeklärt worden und die Justiz hat sich bereitwillig von den Geständnissen der Beteiligten blenden lassen", sagt sie.

Auch ein anderer Verteidiger gibt zu bedenken, dass sich schon mehrere Gerichte mit dem Fall befasst haben. Sollten die etwa alle falsch geurteilt haben? "Ich warne davor, dass man nun glaubt, die Wahrheit gefunden zu haben", sagt der Anwalt. "Es gibt noch immer Punkte, die nicht geklärt sind." Er plädiert dafür, die Angeklagten zu allerhöchstens jeweils fünf Jahren Haft zu verurteilen. Die Entscheidung soll am nächsten Mittwoch verkündet werden.