Wegen angeblicher Fehler bei der Behandlung eines zwei Jahren alten Buben müssen sich Ärzte einer Nürnberger Kinderklinik derzeit vor dem örtlichen Landgericht verantworten. Die Einschätzung der klagenden Mutter stützte am Dienstag weitgehend ein medizinischer Gutachter. Die Mutter des Kindes hat die Klinik wegen angeblicher Behandlungsfehler auf Schmerzensgeld und Schadenersatz in Höhe von 900.000 Euro verklagt. Die Kinderklinik selbst hatte dagegen lediglich 10.000 Euro angeboten. Das Kind ist heute zu 80 Prozent behindert. Das Zivilverfahren läuft seit 2009.

Der Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin an der Uniklinik Mannheim, Horst Schroten, erklärte als Gutachter, die Behinderung des heute Zwölfjährigen hätte wahrscheinlich verhindert werden können, wenn der im März 2004 eingelieferte Bub sofort einer Herzuntersuchung unterzogen worden wäre. "Eine solche Untersuchung wäre ein Muss gewesen", stellte der Mediziner fest.

Wegen der hohen Entzündungswerte des damals Zweijährigen hätte das Kind danach sofort mit einem Antibiotikum behandelt werden müssen - "damit hätte man auch die Meningitis-Infektion eindämmen können", ist der Gutachter überzeugt. Die Ärzte der Nürnberger Kinderklinik hätten dies aber erst später veranlasst. Nach seinen Angaben hatten Bakterien die Herzhaut des jungen Patienten zerfressen; dadurch sei später die Herzklappe gerissen, was zur heutigen Behinderung des Jungen geführt habe. Einschränkend betonte Schroten aber: "Man kann nicht sicher sagen, dass der sofortige Einsatz von Antibiotika diese Folgen verhindert hätte".

Unter dem Eindruck des neuen Gutachtens riet die Zivilkammer der Mutter und der verklagten Klinik am Dienstag, sich erneut um eine einvernehmliche Lösung zu bemühen. Damit könnte verhindert werden, dass sich der nun schon seit vier Jahren laufende Prozess weiter in die Länge zieht.

Die Mutter des Jungen klagte bei der öffentlichen Verhandlung, dass sie und ihr Sohn nun schon zehn Jahre auf eine Entschädigung warteten. Nachdem ein von ihr im Jahr 2007 beantragtes Strafverfahren eingestellt worden war, geht sie seit 2009 zivilrechtlich gegen die Klinik vor. Das Kind sei auf Hörgeräte angewiesen, lebe mit Herzproblemen und sei in der Entwicklung zurückgeblieben und verhaltensauffällig, berichte die Frau. Wahrscheinlich werde ihr Sohn später auch nie voll arbeiten können. Dies und andere Unwägbarkeiten müssten bei der Höhe der Entschädigungszahlung berücksichtigt werden.