Der unscheinbare Erdhügel im Bereich der Bundespolizei Oerlenbach wird ganz leicht übersehen. Walter Rügamer öffnet eine glänzende Alu-Türe und macht den Weg frei in den sicherlich massivsten Fahrradkeller weit und breit. Es handelt sich um einen von vier Bunkern, Relikten des einstigen Lufttanklagers (LTL) mit dem Tarnnamen "Kirchberg".

Mit dessen Geschichte hat sich der Hauptkommissar (58) und Hobby-Historiker - "ist zu viel gesagt" ausführlich auseinander gesetzt. Das Ergebnis ist eine informative Broschüre mit knapp 70 Seiten, Karten und Fotos. Sie behandelt die "Ereignisse in und Oerlenbach vor und während des 2. Weltkrieges 1936 - 1945."

Zwei Jahre hat Walter Rügamer daran gearbeitet. Dabei hat er erkannt: "Das gibt es so gut wie gar nichts an verlässlichen Unterlagen." Deshalb könne er auch keine Garantie "für eine absolute Richtigkeit" seiner Schilderungen geben. Und: "Je mehr man recherchiert, desto interessanter ist es geworden."

Er sei durch einige Veröffentlichungen auf das LTL aufmerksam geworden. Dazu gehörte eine Scheinanlage mit dem Codenamen "S 69" am Terzenbrunn, die die Luftangriffe alliierter Bomber auf sich und vom LTL weg lenken sollte. In der Nähe gab es noch die Muna, die Luftmunitionsanstalt Rottershausen.

Einer der drei Leitenden Ingenieure beim LTL-Bau war Heinrich Kopp, dessen Haus Walter Rügamer einst gekauft hat. Kopp war 1936 nach Oerlenbach gekommen und hier heimisch geworden. Nach dem Fronteinsatz wurde er in Oerlenbach zum Volkssturmführer ernannt. In dieser Funktion bewies er echten Heldenmut: Er bewahrte den Ort vor der Zerstörung durch US-Truppen. Zuvor hatten er und Bürgermeister Wilhelm Kuhn sinnlose deutsche Barrieren - unter anderem eine 35 Zentner schwere Bombe - auf eigene Verantwortung unschädlich gemacht. Aber das ist eine andere Geschichte.


Strategisch günstige Lage


Die des LTL als einem von zwölf in ganz Deutschland begann 1936. Weil es hier die strategisch wichtige zweigleisige Bahnverbindung Stuttgart-Berlin gab, wurde die Anlage vom Stellwerk Ebenhausen kommend in Oerlenbach durch die WiFo (Wirtschaftliche Forschungsgesellschaft mbH) gebaut. Diese Tarnfirma hatte nicht nur Großtanklager, sondern auch Sprengstofffabriken, Kesselwagen und Lokomotiven. Sie setzte auch Zwangsarbeiter ein. Auf dem Areal befindet sich heute die Firma Hegler und die Unterkunft der Bundespolizei.

1939 hatten Hunderte von Bauarbeitern die Gebäude und 13 Tanks in mühseliger Handarbeit und meist ohne Maschinen fertig gestellt. Ein Gleisanschluss führte in das LTL. Hier wurde Benzin zu B 4-Flugzeugsprit mit bis zu 100 Oktan veredelt. Die An- und Ablieferung erfolgte mit Kesselwagen. Am Samstag, 26. August 1939, war Inbetriebnahme. Eine Militärkolonne mit Flugabwehrkanonen (Flak) rückte ein, die Soldaten verwüsteten die Felder und verärgerten die Bauern.

1939 wurde "rigoros", wie Walter Rügamer schreibt, mit dem Bau des kaum getarnten Scheintanklagers Terzenbrunn begonnen. Eine Luftwaffen-Baukompanie quartierte sich dazu in Reiterswiesen und Arnshausen ein. Im Oktober 1940 waren die Arbeiten abgeschlossen. Die 15 "Tanks" bestanden aus Holz, Waggons und "Gleise" auch. Die Wallfahrtskapelle wurde zum "Bahnhof ".

Bomber und Tiefflieger


Am 24. August 1949 war der erste Fliegeralarm im LTL Oerlenbach. Die Bomber flogen allerdings weiter. Allerdings wurde die Luftabwehr ausgebaut. Im Januar 1943 gelangte mit dem Abwasser auch Benzin in den offenen Dorfgraben und entzündete sich. Nur knapp entging der Ort einer Katastrophe. Die Luftalarme häuften sich. Ab dem Sommer 1944 wurden das LTL und andere Ziele in der Umgebung vereinzelt von Tieffliegern angegriffen. Dabei fielen auch Bomben. Vor allem an der Bahnverbindung entstanden nicht unerhebliche Schäden.
Die schwerste Attacke ereignete sich am 30. März 1945: 41 Langstrecken-Bomber warfen fast 48 Tonnen Sprengkörper ab. Sie trafen aber nicht das LTL, sondern freie Felder daneben und das Stellwerk Ebenhausen.
Das Lager wurde geräumt, die Führung setzte sich Anfang April 1945 ab. Eine Kommando sprengte die jetzt leeren Tanks. Am 7. April 1945 wurde Oerlenbach von US-Truppen besetzt. Es gab eine Schießerei mit überschaubaren Schäden.



Nach dem Krieg sollte im LTL eine Lungenheilstätte eingerichtet werden. Dazu kam es allerdings aus verschiedenen Gründen nicht. Die Gemeinde übernahm das frühere Krankenrevier als Schulgebäude. Im Ex-Wachhaus wurde Zahncreme hergestellt, im LTL-Labor Fußbodenplatten und in einem Keller "Becherovka"-Kräuterschnaps. 1949 siedelte sich Wilhelm Hegler an. 1950 begann die Produktion von Kunststoffrohren.

1962 bezog der damalig BGS seine nagelneue Unterkunft. In den Jahren zuvor mussten aber eine Menge Munition und Bomben beseitigt werden. Immer wieder tauchten Blindgänger auf, zuletzt im vergangenen Jahr. Walter Rügamer vertritt die Ansicht, "da wird es schon noch ein paar geben in Richtung Ebenhausen hinunter." Das legt eine Luftaufnahme nahe, die am 8. April 1945 geschossen wurde.

Hintergrund: Der zivile Treibstoff in den 30-er Jahren war nicht gut genug für Flugzeugtriebwerke. Deshalb wurden dem Sprit giftige Additive beigemischt, um ihn klopffest zu machen. Damit wurde Flugbenzin der Güteklassen B 4 und C 3 gewonnen. Es wurde mit Kesselwagen per Schiene zu den Fliegerhorsten nicht nur in der Umgebung transportiert. In den Kriegsjahren kamen auch Lkw mit Fässern zum Einsatz. Außerdem diente das LTL zur dezentralen Vorratshaltung bei Engpässen. Das LTL bestand aus Verwaltungsgebäude, Kasino, Küche, Kantine, Krankenrevier und Wachlokal. Errichtet wurden zwei kleine und 13 große Tanks mit einem Fassungsvermögen von jeweils 100 000 Litern. Sie waren mit Rohren verbunden und mit ein Meter dicken Mauern umgeben. Die Anlage war mit vier Fla-Kanonen gesichert. Bei Rottershausen bauten die Nazis eine Munitionsanstalt. Das waren 89 Bunker für Bomben und Zünder auf 180 Hektar mit Gleisen und einer Siedlung. Die Bomben wurden auf zwei Fließbändern von 45 Arbeitern komplettiert. ed